Quelle
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Zum Weihnachtsfest 1926 stand der Familie eine besondere Überraschung bevor. Das erste Rundfunkgerät wurde im Wohnzimmer aufgestellt. Als Ausgleich für die einmalige große Ausgabe mußten wir vier Kinder auf Einzelgeschenke verzichten. Wir taten dies gern. Es war immerhin das erste Rundfunkgerät im gesamten Ortsteil, und wir freuten uns schon, es unseren Mitschülern vorführen zu können.
Ein Bautrupp von vier Fachleuten rückte aus dem 30 Kilometer entfernten Oppeln an. Der Apparat, ein Vierröhrengerät der Marke „Nora“, wurde auf dem Schreibtisch unseres Vaters plaziert. Der Lautsprecher, ein ebenso großer Kasten, mit gelber Rohseide auf der Vorderseite bespannt, trug das Markenzeichen „Siemens“. Die Antenne wurde aus dem Fenster durch eine in das Fensterkeuz gebohrte Öffnung zur Dachrinne geleitet und dort festgemacht. Nach einer guten Weile kamen von der Berliner Funkstunde die ersten Laute Musik, Nachrichten, wieder Musik – ein aufregendes Ereignis für die ganze Familie.
Dann durften wir Kinder uns einzeln in die Bedienung einweisen lassen. Was für ein Wunder, aus Tausenden von Kilometern Stimmen in das Wohnzimmer zu holen, in englischer, französischer, russischer, polnischer Sprache. Malmö und Kalundborg im hohen Norden, Radio Andorra und Marseille im Süden Europas, Beromünster in der Schweiz. Welch ein Vergnügen, an der Skala zu drehen, das Pfeifen der Rückkoppelung zu vermeiden und den jeweiligen Sender klar hereinzuholen! Die Tage zu Weihnachten und um die Jahreswende hockte die Familie nur noch um das Wunder der Technik, unseren ersten Radioapparat!
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Quelle: Erich Mende, „‘Was sagt der Annaberg?’ Korfanty kam geritten…Als französische Alpenjäger in Oberschlesien polnische Politik machten“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 510.