Einleitung

Nach der Niederlage Napoleons und seiner Vertreibung aus den deutschen Staaten im Jahr 1814 erlebte Mitteleuropa ein halbes Jahrhundert des Friedens. Der Deutsche Bund (1815–1866) war eine lose Föderation bestehend aus 39 souveränen, unabhängigen Staaten. Diese Vereinigung war weit entfernt von dem geeinten deutschen Nationalstaat, so wie nationalistische Deutsche ihn sich vorstellten: Innerhalb der Grenzen des Deutschen Bundes waren Teile des habsburgischen Kaiserreichs (Österreich), Enklaven nicht-deutschsprachiger Völker sowie einige (aber nicht alle) Hoheitsgebiete Preußens vereint. In den fünfzig Jahren seines Bestehens taten deutsche Nationalisten ihre zunehmend detaillierten Vorstellungen dieses Staates mit immer mehr Eifer kund: Unaufhörlich sprachen und schrieben sie über die ideale Gestalt dieses zukünftigen Deutschlands und diskutierten, ob es eine Verfassung, ein repräsentatives Parlament und vielleicht sogar eine republikanische Regierungsform annehmen solle. Die rasante Zunahme an Zeitungen und Zeitschriften trug insbesondere nach 1830 dazu bei, dass die Botschaft der Nationalisten einen größeren Teil der Bevölkerung Mitteleuropas als je zuvor erreichte. Dabei fühlten sich in erster Linie ähnlich gut gebildete Mitglieder der städtischen Elite angesprochen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen lebte jedoch auf dem Land, wo Unsicherheit und Not an der Tagesordnung waren. In den 1840er Jahren wehrten sich Kritiker des Status quo zunehmend lautstark gegen Alleinherrscher. Katastrophale Ernten taten ihr Übriges und trugen somit zum Ausbruch der deutschen (und gesamteuropäischen) Revolutionen von 1848–49 bei. Zwischen März und Mai 1848 wurde die Frankfurter Nationalversammlung per allgemeinem und gleichem Mehrheitswahlrecht (von Männern) gewählt und zum ersten Mal einberufen. Im Laufe des Folgejahres diskutierten die Abgeordneten grundlegende gesellschaftliche, wirtschaftliche und nationale Fragen, verfügten jedoch nicht über die Durchsetzungsgewalt, um den Mitgliedsstaaten ihre Entscheidungen aufzuzwingen. Angesichts einer staatlich geführten konservativen Opposition zum Paulskirchenparlament sah sich die Frankfurter Nationalversammlung spätestens im März 1849 zur Auflösung gezwungen. Im Folgemonat lehnte Preußens König Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone ab, die er als Bürde anstatt einer Ehre betrachtete. In den 1850er Jahren – die weder so öde noch so reaktionär waren, wie Historiker/innen einst annahmen – nahm die industrielle Revolution in Deutschland an Fahrt auf und mündete in einer Marktwirtschaft. Dieser industrielle Durchbruch verschaffte Preußen neuen Reichtum und internationales Ansehen, da sich viele der Regionen mit den rasantesten Industrialisierungsraten auf preußischem Hoheitsgebiet befanden. Die preußischen Staatsmänner waren jedoch weder stark noch mutig genug, um dem Habsburgerreich seine Vormachtstellung in Mitteleuropa streitig zu machen. Auch die Idee eines „Dritten Deutschlands“ fand keine Anhängerschaft. Eine Grundvoraussetzung dafür, dass Preußen in den frühen 1860er-Jahren seine Macht behaupten konnte, waren der Ausbau und die Reform der preußischen Armee. Als der preußische König Wilhelm I. jedoch neue Rekruten anwerben wollte, stieß er damit auf den Widerstand der Liberalen im preußischen Parlament. Der daraus resultierende Verfassungskonflikt glich einer Konfrontation zwischen Absolutismus und dessen Gegenpolen: Liberalismus, Konstitutionalismus und Parlamentarismus. Im September 1862 ernannte der preußische König deshalb Otto von Bismarck zu seinem Ministerpräsidenten, um diesen toten Punkt zu überwinden. Zunächst blieb Bismarck damit erfolglos: Politische Unterdrückung allein brachte die liberale Opposition nicht von ihrem Kurs ab. Nach und nach kam Bismarck zu dem Schluss, dass ein militärischer Showdown mit Österreich die internen und externen Probleme Preußens lösen könne. So wurde der Rahmen für die dramatischen Ereignisse von 1866–71 gesteckt.

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