Kurzbeschreibung

Diese bittere satirische Karikatur aus dem Jahr 1919 stellt das Leid, das Deutschland seit dem Herbst 1918 heimgesucht hatte, in Form von drei Figuren dar, die den Bolschewismus (links), den Krieg (in der Mitte) und die skelettierte Gestalt der Spanischen Grippe (rechts) darstellen. Der Krieg hat eine Hand um die Spanische Grippe gelegt und deutet mit der anderen Hand auf den Haufen toter Körper, über den sie gehen und sagt zur Spanischen Grippe: „Jetzt möchte uns dieser Schlawiner [der Bolschewismus] auch noch Konkurrenz machen.“

Die Karikatur verbildlicht das Elend und Massensterben, das durch die vorangegangenen vier Kriegsjahre und die vorangegangenen sechs Monate der Grippepandemie verursacht worden waren. Sie suggeriert außerdem, dass die revolutionären Aktivitäten der extremen Linken, die nur wenige Monate zuvor, im November 1918, begonnen hatten, als Quelle des nationalen Unglücks mit den beiden anderen vergleichbar seien. Damit wurde die Bedrohung durch den Bolschewismus im Vergleich zu den Millionen deutscher Todesopfer durch den Krieg und den Hunderttausenden von Todesopfern durch die Spanische Grippe stark übertrieben. Die revolutionären Unruhen hatten in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht ein paar Tausend Tote gefordert, wobei die Zahl der getöteten Revolutionäre die der sie bekämpfenden Truppen bei weitem überstieg, ganz zu schweigen von der Zahl der unbeteiligten Zivilisten.

Die Spanische Grippe hatte in Deutschland Ende Oktober und November 1918 ihre höchste Infektions- und Todesrate erreicht, als die militärische Front zusammenbrach und das Land von Forderungen nach politischen Veränderungen erschüttert wurde. Amerikanische Soldaten, die im Frühjahr 1918 in Frankreich eintrafen, hatten das Virus unwissentlich mit auf den Kontinent gebracht, und im Sommer verbreitete es sich rasch in West- und Mitteleuropa. Junge Menschen erkrankten leichter an der Krankheit als ältere, die frühere Grippeepidemien überstanden hatten und daher eine gewisse Resistenz oder Immunität besaßen. Die höchste Sterberate bestand unter Jugendlichen und Menschen in den Zwanzigern, also genau die Altersgruppe, die bereits überproportional von den Kampfhandlungen betroffen war. Die Pandemie verschob insofern das demografische Ungleichgewicht in Deutschland noch weiter.

Der Zeichner dieser Karikatur, Erich Wilke (1879-1936), stammte aus einer bemerkenswert kreativen und künstlerischen Familie. Zwei seiner Brüder, Rudolf (der älteste und berühmteste der drei) und Hermann, waren ebenfalls bekannte Karikaturisten. Rudolf hatte Erich zunächst mit der Münchner Kunstzeitschrift Die Jugend in Verbindung gebracht, in der diese Karikatur erschien. Rudolf hatte inzwischen begonnen, bei einer konkurrierenden satirischen Zeitschrift in München, dem Simplicissimus, zu veröffentlichen, was ihm zu großem Ansehen verhalf. Hermann blieb in Norddeutschland und veröffentlichte seine Werke vor allem in Berliner Zeitschriften, darunter auch in einer anderen damals populären Satirezeitschrift, Ulk. Erich Wilkes Karikaturen erschienen während der gesamten Weimarer Republik und bis zu seinem Tod im Frühjahr 1936 ununterbrochen und in großer Zahl.

„Krieg, Grippe und Bolschewismus” (1919)

Quelle

Quelle: Erich Wilke, “Krieg, Grippe und Bolschewismus,” Die Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben 24, Nr. 7 (1919), S. 134. Online verfügbar unter https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1919_1/0134

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