Quelle

Quelle: Renée Sintenis, Boxer (Erich Brandl), 1925. Museum Ludwig, Köln. Foto: Rolf Zimmermann. Rheinisches Bildarchiv Köln.
Die Fotografin Frieda Riess und die Bildhauerin Renée Sintenis schufen beide 1925 Kunstwerke, die den Boxer Erich Brandl als Akt zeigten. Damit überwanden diese Künstlerinnen die historische Machtdynamik, in welcher der männliche Künstler das weibliche Modell als Schönheitsobjekt darstellte. Hier waren es Riess und Sintenis, welche die Darstellung übernahmen. Sie verwandelten den männlichen Boxer in ein Objekt der Schönheit, ein Schritt, der die sich verändernden Geschlechterrollen in vielen Bereichen der deutschen Gesellschaft widerspiegelte, von der Kunstwelt über das Büro bis hin zu Sport und Film. Brandls Bereitschaft, für die beiden Künstlerinnen zu posieren, deutet auf einen gleichzeitigen, wenn auch subtileren Wandel der männlichen Geschlechterrollen zu dieser Zeit hin, da einige Männer eine bis dahin selten gesehene Passivität sowie eine Freude am Betrachtetwerden zum Ausdruck brachten.
Werdegang und Selbstdarstellung der beiden Künstlerinnen unterstreicht zudem das selbstbestimmte Leben, das sie in der Weimarer Republik gewählt hatten. Frieda Riess eröffnete 1917 ihr eigenes Atelier am noblen Berliner Kurfürstendamm, was sie als eine der ersten unabhängigen Geschäftsfrauen ihrer Generation auszeichnete und ihren Ruf als Fotografin des modernen Lebens begründete. Ihre Fotografien erschienen in einigen der renommiertesten Zeitschriften, die damals in Deutschland erschienen, und der Galerist Alfred Flechtheim ehrte sie 1925 mit einer Einzelausstellung. Renée Sintenis absolvierte eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, die sie jedoch vorzeitig abbrach, um sich selbständig zu machen. Flechtheim nahm eine Reihe von Sintenis‘ Werken in Ausstellungen auf, die er zwischen 1920 und 1933 organisierte, und trug so zu ihrem Ruf bei. Sintenis fühlte sich zu männlichen Boxern hingezogen und schuf mehrere Skulpturen der Preisboxer Max Schmeling und Helmut Hartkopp. Schmeling, der Anfang der 1930er Jahre den Weltmeistertitel im Schwergewicht gewann, sprach in seiner Autobiografie von der „großen Renée Sintenis“, die er als „herrische Frau mit dem unvergesslichen Indianergesicht“ bezeichnete.

Quelle: Renée Sintenis, Boxer (Erich Brandl), 1925. Museum Ludwig, Köln. Foto: Rolf Zimmermann. Rheinisches Bildarchiv Köln.
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