Kurzbeschreibung

Der britische Journalist Morgan Philips Price war von 1919 bis 1923 Deutschland-Korrespondent des Daily Herald, einer britischen Tageszeitung, die der Labour Partei nahestand. Price selbst wurde 1929 Parlamentsabgeordneter der Labour Partei. In diesem Bericht aus der Industriestadt Essen im Ruhrgebiet vom September 1923 beschreibt er seine Eindrücke nach dem Ende des passiven Widerstands der Arbeiter gegen die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen. Diese hatten im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzt, um die dortige Kohle- und Koksproduktion zu pfänden, nachdem Deutschland seine Reparationszahlungen nicht erfüllt hatte. Der seit einem Monat amtierende Reichskanzler Gustav Stresemann kündigte am 26. September 1923 das Ende des passiven Widerstands an, um der Hyperinflation Einhalt zu gebieten und eine Stabilisierung der Währung zu ermöglichen. Price beschreibt in seinem Artikel, wer aus der Perspektive eines britischen Linksliberalen die Gewinner und Verlierer der Ruhrbesetzung waren.

Morgan Philips Price über das Ende des passiven Widerstands im Ruhrgebiet (25. September 1923)

  • Morgan Philips Price

Quelle

Essen, den 25. September

Nachdem ich eine Woche in dieser riesigen Industriestadt herumgelaufen bin, die ein Gebiet so groß wie Middlesex bedeckt, habe ich den Eindruck, dass die Arbeiter, die den Großteil der Bevölkerung ausmachen, für die Regierung in Berlin nur Verachtung und für die in Paris nur Hass übrig haben... Diese Einigung wird, so sieht es der Bergmann an der Ruhr, den Reichtum an Bodenschätzen, der ihm ein Auskommen verschafft, an ein Kartell internationaler Finanzleute veräussern, und er wird seinem Schicksal überlassen werden... Es erstaunt nicht, daß das Gefühl weitverbreitet ist, der Berliner Regierung sei mehr daran gelegen, Propaganda aus dem „französischen Diebstahl“ zu schlagen, als die Arbeiter im Ruhrgebiet mit Heizmaterial für den Winter zu versorgen... Die Finanzierung des passiven Widerstands an der Ruhr verspricht zu einem weiteren Skandal von kapitalistischer Plünderung öffentlicher Gelder zu werden. Ich stelle fest, dass von den 89 Hochöfen im Ruhrgebiet im Augenblick nur vier in Betrieb sind. Der Rest ist kalt, und die meisten sind zusammengefallen und werden wieder aufgebaut werden müssen. Das Gleiche trifft für die Koksöfen zu, von denen die meisten alten Typs sind. Diese werden auf Kosten des deutschen Staates für die Großunternehmen nach dem modernen Typ wieder aufgebaut. Mittlerweile haben die deutschen Großunternehmen bereits Bargeld in fremden Währungen – als die Mark zu 20.000 gegenüber dem Pfund Sterling stand – von der Reichsbank für den Wiederaufbau der Betriebe erhalten und es sicher in irgendeiner Ecke der Welt untergebracht. Einige haben das Geld der Reichsbank in Mark zurückgezahlt, zum Kurs von eins zu einer Million. Andere haben keine Eile und warten, bis die Mark noch ein bisschen tiefer fällt.

Quelle: Morgan Philips Price, Dispatches from the Weimar Republic, Versailles and German Fascism. Pluto Press, London, Sterling, Virginia, 1999, S. 164–65.

Übersetzung: Katharina Böhmer