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Das Wesen der Rationalisierung
Wir haben eine Übersicht über die Tatsachen der Rationalisierung gewonnen. Jetzt erst können wir uns des Wesens, des Sinnes der Rationalisierung bewußt werden.
Das Wort Rationalisierung wird in verschiedenen Bedeutungen gebraucht.
Zunächst bezeichnete es einen einmaligen geschichtlichen Vorgang. Als das Deutsche Reich nach der Inflationskatastrophe von 1923 zum stabilen Geldwert zurückkehrte, als mit der Stabilisierung des Geldwertes eine Absatzkrise über die deutsche Industrie hereinbrach, mußte sich die deutsche Industrie auf die veränderten Absatzbedingungen umstellen. Damals lief durch die deutsche Unternehmerschaft und ihre industrielle Bürokratie die Parole: „Unsere Betriebe sind veraltet! Wir sind nicht konkurrenzfähig! Wir müssen unsere Betriebe rationalisieren!“ Die deutsche Industrie mußte die technische Entwicklung nachholen, die die Vereinigten Staaten seit 1914 durchlaufen hatten. Und mit der technischen Erneuerung des deutschen Produktionsapparats ging Hand in Hand die Entwicklung der industriellen Gemeinschaftsarbeit, die Einführung der neuen Verfahren zur Rationalisierung und Intensivierung der Arbeit, die Normung und Verwissenschaftlichung der Betriebsführung. Diesen ganzen Prozeß ruckhafter, sprunghafter Anpassung der deutschen Industrie an ihre neuen Existenzbedingungen, der sich in den Jahren 1924 bis 1929 vollzog, faßte man als Rationalisierung zusammen. Dieser Sprachgebrauch wurde auch von anderen Nationen, deren Volkswirtschaft ähnlicher Umstellungsprozesse bedurfte, übernommen.
Die Rationalisierung schuf sich selbst ihren Markt. Da die ganze deutsche Industrie technisch erneuert wurde, da überall neue Betriebsanlagen errichtet, die alten umgebaut und neue Maschinen aufgestellt wurden, war der Bedarf an Baustoffen, Maschinen, Werkzeugen, Eisen sehr groß. Die Industriezweige, die Produktionsmittel erzeugen, hatten guten Absatz. Da sie wachsende Arbeitermassen zu steigenden Löhnen beschäftigten, erweiterte sich auch der Markt der Industrien, die Konsumgüter erzeugen. So wurde im Verlauf des Jahres 1926 die Wirtschaftskrise, die der Stabilisierung der Mark gefolgt war, überwunden. Die Jahre 1926 bis 1928 waren die Jahre der großen Rationalisierungskonjunktur. Es war die Zeit, in der der deutsche Kapitalismus glaubte, durch die Rationalisierung die wirtschaftlichen Folgen des Krieges und der Niederlage schnell überwinden zu können; die Zeit, in der der allgemeine wirtschaftliche Optimismus es den deutschen Arbeitern und Angestellten erleichterte, eine bedeutende Erhöhung ihrer Löhne und Gehälter durchzusetzen; die Zeit schneller Hebung der Lebenshaltung des deutschen Volkes; die Zeit der Befestigung der deutschen Demokratie; die Zeit, in der das deutsche Volk der friedlichen Außenpolitik Stresemanns willig Gefolgschaft leistete.
Aber die Rationalisierungskonjunktur mußte bald ihr Ende finden. Sobald die meisten Unternehmungen die technische Erneuerung ihrer Betriebe vollzogen und beendet hatten, mußte der technische Umgestaltungsprozeß langsamer fortschreiten. Damit mußte der Bedarf an Produktionsmitteln sinken, eine Absatzstockung in den Produktionsmittelindustrien eintreten. Die Entlassung großer Arbeitermassen in den Produktionsmittelindustrien mußte auch den Geschäftsgang der Konsumgüterindustrien verschlechtern. So setzte 1929 eine schwere Wirtschaftskrise ein. Der Rationalisierungskonjunktur folgte die Rationalisierungskrise. Die Unternehmungen, die in den Jahren 1924 bis 1928 ihre Betriebsanlagen gewaltig ausgebaut, ihre Erzeugungsfähigkeit bedeutend vergrößert hatten, sahen nun, daß sie die Warenmengen, die sie zu erzeugen vermögen, nicht abzusetzen, die neuen Betriebsanlagen, die neuen Maschinen nicht auszunützen vermochten. Der Rationalisierungsoptimismus schwand. Man begann zu klagen, die Rationalisierung sei überhastet und übertrieben worden, sie sei in vielen Fällen eine „Fehlrationalisierung“ gewesen. Der Glaube, durch die Rationalisierung die Wirkungen des Krieges überwinden zu können, schwand. Die Enttäuschung wendete sich gegen die Demokratie, die die Volkswirtschaft nicht wiederherzustellen verstehe, gegen die Arbeiterklasse, deren Löhne allzu hoch gestiegen seien, gegen die Verständigungspolitik, die den Siegermächten feige hohe Tribute aus dem Ertrag der deutschen Arbeit zugestanden habe. Eine Welle nationalistischer, antidemokratischer Reaktion ergoß sich 1930 über das Reich. In ähnlicher Weise schwand auch in den anderen Ländern die Freude an der Rationalisierung. Hatten die Vereinigten Staaten eben erst ihren Glauben an die Triumphe der Rationalisierung bekundet, als sie Herbert Hoover, den Schöpfer der Rationalisierungsorganisation, zum Präsidenten wählten, so schwand seine Volkstümlichkeit, als auch dort im Herbst 1929 die Rationalisierungskonjunktur in die Rationalisierungskrise umschlug.
Der geschichtliche Sinn der Rationalisierung war die Anpassung der durch den Krieg und die Inflation hindurchgegangenen Volkswirtschaften an die neue, durch die Rückkehr zum beständigen Geldwert bestimmte wirtschaftliche Lage. Die Rationalisierung in diesem ursprünglichen Sinn ist seit 1929 beendet. Und mit ihr gehören auch die sie kennzeichnenden ideologischen Begleiterscheinungen, die überschwengliche Bewunderung des „amerikanischen Wirtschaftswunders“, die überschwengliche Illusion, daß die „neue industrielle Revolution“ dauernde Prosperität sichern, die Lebenshaltung der arbeitenden Klassen in stetigem Aufstieg heben und alle Übel der kapitalistischen Produktionsweise heilen werde, bereits der Geschichte an.
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Quelle: Otto Bauer, Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg, Erster Band, Rationalisierung Fehlrationalisierung. Berlin: Büchergilde Gutenberg, 1931, S. 161-63.