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Am 9. November erlebte ich in Berlin den Ausbruch der Revolution. Ach, sie zeigte sich nicht als die herrliche Göttin, die Ferdinand Lassalle in seinen ehrgeizigen Träumen sah, mit wehendem Lockenhaar, eherne Sandalen an den Füßen. Sie glich mehr einer alten Vettel mit kahlem Kopf, triefenden Augen und zahnlosem Mund, schiefgetretenen Pantoffeln an den plumpen Füßen. Die deutsche Revolution war durch und durch spießbürgerlich, es fehlte ihr jede Wärme, jedes Feuer, sie war ganz vulgär. Sie freute sich nicht am Schein, sie achtete nicht den Schwung. Sie brachte keinen Danton hervor, wie er auf dem Pariser Boulevard in Erz gebildet steht, mit geballter Faust, neben dem Sockel links ein Sansculotte mit gefälltem Bajonett, rechts ein Tambour, der für die Levée en masse die Sturmtrommel schlägt. Sie brachte keinen Gambetta hervor, der den Krieg à outrance proklamiert und Widerstand und Krieg um fünf Monate verlängert, nicht einmal einen Delescluse, der freiwillig auf der Barrikade fällt. Ich habe in meinem Leben nichts Roheres und dabei Gemeineres gesehen als die Leiterwagen und Tanks, die, angefüllt mit betrunkenen Matrosen und aus den Ersatzbataillonen desertierten Soldaten, am 9. November durch die Berliner Straßen zogen. Ich hatte an jenem Nachmittag von meinem Eckfenster im Hotel Adlon einen weiten Überblick über den Pariser Platz und über die Linden. Ich habe nie etwas Ekelhafteres, etwas Empörenderes und dabei Feigeres gesehen als die halbwüchsigen Burschen, die, geziert mit den roten Schleifen der Sozialdemokratie, sich von hinten zu mehreren an Offiziere heranschlichen, an Offiziere, die das Eiserne Kreuz und den Pour le mérite trugen, sie an den Ellbogen packten, um sie wehrlos zu machen, und ihnen dann die Achselstücke abrissen. Als der junge Hauptmann Bonaparte am 10. August 1792 dem Sturm auf die Tuilerien zusah, sagte er bekanntlich: „Avec un bataillon on balayerait toute cette canaille.“ Es unterliegt keinem Zweifel, daß am 9. November 1918 in Berlin mit einigen Sturm- und Kampfbataillonen dasselbe möglich war. Solche Bataillone hätten sich aus den in Berlin befindlichen Offizieren und Unteroffizieren, unter denen man auf eine solche Order mit Ungeduld wartete, leicht bilden lassen. Wenn gleichzeitig Maschinengewehre am Brandenburger Tor, auf dem Schloßplatz und auf dem Alexanderplatz aufgestellt wurden und einige Tanks mit Scharfschützen die Stadt durchfuhren, wäre die Berliner Kanaille rasch auseinandergestoben. Nur mußte natürlich nicht nur die Erlaubnis, sondern der ausdrückliche Befehl zum Scharfschießen gegeben werden, wozu sich der Prinz Max nicht aufraffen konnte, nicht zuletzt aus der Besorgnis, sich dadurch in seinem Heimatland als Thronfolger unmöglich zu machen.
Während der Pöbel sich der Herrschaft über die Berliner Straßen bemächtigte, war längere Zeit zwischen Berlin und Spa hin und her telephoniert worden. In Berlin stand der Geheimrat Wahnschaffe, in Spa der Legationsrat von Grünau am Apparat. Wahnschaffe, ein an sich tüchtiger Beamter, hatte unter dem enervierenden Einfluß des Prinzen Max völlig den Kopf verloren. Grünau hatte überhaupt keinen Kopf zu verlieren. Er war ein junger Diplomat ohne jede politische Erfahrung noch Schulung, gänzlich unvertraut mit den staatsrechtlichen Problemen, die zur Entscheidung standen. Der morganatischen Ehe eines Prinzen von Löwenstein mit einer Gouvernante entsprossen, stand er zum Karlsruher Hof in näheren Beziehungen und war deshalb vom Prinzen Max als Mann seines Vertrauens dem Kaiser nach Spa beigegeben worden. Es war ein tragisches Verhängnis, daß dem König von Preußen in der ernstesten Stunde der preußischen Monarchie als einziger politischer Berater ein junger Mann zur Seite stand, der sich zu allem eignen mochte, nur nicht zum Eckart der glorreichen, hart bedrängten preußischen Krone. Als Ergebnis der aufgeregten Telephonate zwischen Grünau und Wahnschaffe ließ Prinz Max an den Plakatsäulen und Straßenecken Berlins eine amtliche Mitteilung anschlagen, die der Bevölkerung der Hauptstadt die Abdankung des Kaisers und Königs verkündete, obwohl, wie später festgestellt wurde, Wilhelm II. nur auf die kaiserliche Würde, nicht aber auf die preußische Krone hatte Verzicht leisten wollen. Das war Entstellung oder hysterische Kopflosigkeit. Es entsprach dieser jammervollen Geistesverfassung des letzten vom Kaiser ernannten Reichskanzlers, daß Prinz Max, ohne Rücksprache mit seinen Kollegen oder mit den militärischen Instanzen zu nehmen, die seit vierundzwanzig Stunden auf den Befehl zum Eingreifen warteten, brieflich dem Vorsitzenden der sozialdemokratischen Fraktion, Herrn Fritz Ebert, die Geschäfte des Deutschen Reichs übertrug und es der sozialdemokratischen Partei überließ, die Neuordnung der Dinge in die Hand zu nehmen.
Ebert deklarierte zunächst sich und einige führende Elemente der Berliner revolutionären Bewegung zu Volksbeauftragten und nahm sodann die Zügel in die Hand. Die Energie, mit der er und besonders Noske in diesen Tagen die sehr dreist gewordenen Spartakisten niederzuhalten wußten, hätte dem Prinzen Max zum Vorbild dienen können. Prinz Max selber fuhr, unbekümmert um die Entwicklung der Dinge in Berlin, nach Baden, dessen dynastische Interessen für ihn wichtiger waren als die Geschicke des Reichs. Wen immer auch Wilhelm II. sich in den verhängnisvollen Oktobertagen 1918 zum Kanzler genommen hätte, einen General, einen Diplomaten, einen Mann der inneren Verwaltung, einen Parlamentarier: keiner hätte im Augenblick der höchsten Gefahr derart seinen persönlichen Egoismus, seine Familien-Interessen über alle anderen Erwägungen gestellt wie dieser prinzliche Neurastheniker. Prinz Max hat sich getäuscht, wenn er glaubte, seine und seines Hauses Sache durch seinen Weggang zu retten. Er lebt als Privatmann am Bodensee. Bezeichnend für die Geistesverfassung der neuen Machthaber war auf der anderen Seite, daß der bisherige Staatssekretär Scheidemann, als er am Nachmittag des 9. November von der Freitreppe des Deutschen Reichstags aus die Republik proklamierte, seine Kundgebung mit den albernen und dabei unwahren Worten einleitete: „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt.“ Das war eine grausame Selbsttäuschung. Leider hatte das deutsche Volk gar nicht gesiegt, sondern es war gegenüber der Überzahl seiner Feinde, bei unfähiger politischer Leitung durch den Hunger und durch den Dolchstoß von hinten besiegt worden.
Die ersten Tage der neuen deutschen Republik boten auch für denjenigen, der ihr ohne vorgefaßte Meinung und nur mit dem Gedanken gegenüberstand, dem Vaterland möge das Ärgste erspart bleiben, das Bild völliger Verwirrung, einer fast kindischen Unfähigkeit. Die neue Regierung wurde derart gebildet, daß neben Mitgliedern der Mehrheitssozialdemokratie ebenso viele Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei in den Rat der Volksbeauftragten berufen wurden, also je zwei Mandatare, je zwei Minister. Das war noch nie und nirgends dagewesen, seitdem das alte Rom, freilich sehr verschieden von dem neuen Deutschland, zwei Consules, zwei Quaestores, gekannt hatte. Über dem Rat der Volksbeauftragten stand als Inhaber der eigentlichen Regierungsgewalt der „Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte“. In der modernen Kunst (oder vielmehr Unkunst) machte sich eine Zeitlang der sogenannte „Dadaismus“ breit, d. h. die Rückkehr zur Ausdrucksform der Säuglinge. Die Kindheit der deutschen Republik war ein politischer Dadaismus. Es tauchten Gestalten auf wie der „Leichenmüller“, ein Demagoge durch und durch, so genannt, weil er erklärt hatte, nur über seine Leiche würde der Weg zu Reichstagswahlen gehen. Natürlich erfreut sich Herr Müller heute noch des besten Wohlseins, obwohl inzwischen mehrfach zum Reichstag gewählt worden ist. Der linke Flügel der Sozialdemokraten wollte den Reichstag abschaffen und ihn durch Arbeiter- und Soldatenräte ersetzen, was, nebenbei gesagt, nicht einmal ein eigener, wenn auch noch so miserabler Gedanke war, sondern eine servile Nachahmung der bolschewistischen Regierungsweise. Nachdem durch Bethmann dem Weltkrieg in seinem Beginn unter dem Beifall aller Gedankenlosen die Spitze gegen das zaristische Rußland gegeben worden war, endete er mit einer Nachäffung der von den Bolschewisten in Rußland propagierten, selbst für ein Herdenvolk wie das russische kaum geeigneten Regierungsform.
Auch in Preußen wurden zunächst für jedes Ressort zwei Minister gestellt, ein Mehrheits- und ein Unabhängiger Sozialist, ein S.P.D. und ein U.S.P.D. An die Spitze des Kultusministeriums traten der Mehrheitssozialist Konrad Hänisch und der Unabhängige Adolf Hoffmann. Der erstere hatte seinen Aufstieg als Ritter der Rosa Luxemburg begonnen, sich dann gemausert und allmählich zum gemäßigten Sozialisten entwickelt. Als solchen habe ich ihn kennengelernt. Er schien kein böser Mensch zu sein, vielmehr jovial und gemütlich, wie dies alte Bohémiens zu sein pflegen, freilich ohne feinere, geschweige denn tiefere Kultur, der Typus eines Halbgebildeten. Sein politischer Zwillingsbruder, der Berliner Kneipwirt Adolf Hoffmann, war wenigstens, was bei Schiller die Gräfin Terzky von Wallenstein fordert, ein eigener Charakter, der übereinstimmt mit sich selbst, das heißt in diesem Fall, daß er auch in parlamentarischer Rede „mir“ und „mich“ verwechselte. Er wurde, nachdem seine Ministerlaufbahn ein baldiges Ende gefunden hatte, der Wortführer der Revolution im Berliner Rathause. Sein Ton hat auf die Verhandlungen dieser Körperschaft auf Jahre hinaus ansteckend gewirkt. Die Stadtverordneten überboten sich in rohen Beschimpfungen, die bis zu tätlichen Angriffen gingen, unter wüstem Gröhlen von der Zuschauertribüne, begleitet von Stinkbomben und anderen geistigen Waffen der jungen Republik. […]
Ich habe schon hervorgehoben, daß, wenn die deutsche Revolution wie die aus ihr hervorgegangene Republik die charakteristischen Merkmale philiströsen Spießbürgertums trug, insbesondere in ihren Führern den Charakter vollendeter Mittelmäßigkeit, es dafür wenigstens in Berlin nicht zu schlimmeren Exzessen kam. […]
Vielfach waren es unreife, jugendliche Elemente, die in Berlin der Entwicklung der ersten Monate das Gepräge gaben. Als wir noch im Hotel Adlon weilten, unmittelbar nach der Revolution, drang eines Abends, während ich, einer Einladung zu einem Herrendiner folgend, nicht zu Hause war, ein angeblicher „Kommissar der Republik“ in unseren Salon ein und richtete an meine Frau die Frage, ob bei uns Offiziere versteckt wären, ob ich meine Militäruniform mitgebracht hätte oder ob ich gar Waffen bei mir führe. Als meine Frau höflich erwiderte, daß ihr von derartigen, für die Sicherheit der Republik bedrohlichen Anschlägen und Rüstungen nichts bekannt wäre, entfernte sich der „Kommissar“ mit einer verlegenen Entschuldigung. Ein anderes Mal sprang, als wir durch einen langen Korridor gingen, aus einer Lifttür ein nach seinem Aussehen kaum siebzehnjähriger Bursche heraus, in jeder Hand einen Revolver. Als meine Frau ihn frug, was ihn veranlasse, die Feuerwaffe auf sie zu richten, erwiderte er mit kindlichem Ausdruck: „Ach, entschuldigen Sie, gnädige Frau, aber wir sind alle so schrecklich aufgeregt. Wir sollen doch die Republik verteidigen, da muß man einen Revolver haben, aber wir wollen Ihnen nichts Böses tun. Wenn Sie wünschen, werden wir Sie gern auf Ihrem Spaziergang als Schutzwache begleiten.“ Ich lehnte diese republikanische Ehrengarde mit freundlichem Dank ab. […]
Als der Besitzer des Hotels Adlon mich bat, unser Appartement zu räumen, da er bei der Möglichkeit von Straßenkämpfen auf dem Pariser Platz für seine kostbaren Fensterscheiben fürchte und die Fensterläden geschlossen halten müsse, hielt ich es für besser, ein anderes Quartier aufzusuchen. […]
Als das uns im Hotel Eden in Aussicht gestellte Appartement frei wurde, übersiedelten wir von der Kurfürstenstraße nach dem Kurfürstendamm. Einige Tage nach unserer Ankunft erblickte ich im Korridor Uniformen und erfuhr, daß der Stab der Gardekavallerie-Division nach dem Hotel Eden verlegt worden wäre. Am nächsten Morgen wurde uns erzählt, daß in der Nacht Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg dem Militärgericht der Gardekavallerie-Division vorgeführt worden wären. Bei seinem Abtransport sei Liebknecht bei einem Fluchtversuch im Tiergarten erschossen worden. Rosa Luxemburg wäre, als sie aufrührerische Rufe ausstieß, von einem Soldaten durch einen Kolbenschlag der Schädel eingeschlagen worden. Wir hatten von dem ganzen Vorgang nichts gemerkt.
Quelle: Bernhard Fürst von Bulöw, Denkwürdigkeiten. Dritter Band. Weltkrieg und Zusammenbruch. Berlin: Ullstein, 1931, S. 305–12.