Kurzbeschreibung

Der Architekt Bruno Taut (1880-1934), ein engagierter Pazifist, vertrat den Glauben, dass ein neuer Architekturstil eine entscheidende Rolle in der Gründung einer neuen, humaneren Gesellschaft spielen könne. In der Weimarer Republik setzte er seine Theorie in mehreren sozialen Wohnungsbauprojekten um, die von rationalem Design, dem Grundsatz sozialer Gleichheit, kommunaler Offenheit sowie direktem Zugang zu Sonnenlicht und frischer Luft gekennzeichnet waren. Im Zuge der Novemberrevolution 1918/19 gehörte Taut zu den Gründern des Arbeitsrates für Kunst, eines lockeren Zusammenschlusses fortschrittlicher Künstler der Weimarer Republik nach dem Vorbild der Arbeiter- und Soldatenräte, welche eine entscheidende Rolle beim Erfolg der Revolution gespielt hatten. Er löste sich jedoch bereits 1921, nur drei Jahre nach seiner Gründung, wieder auf. Hier sind einige Auszüge aus Tauts revolutionär inspiriertem „Architektur-Programm“ wiedergegeben, das 1919 vom Arbeitsrat für Kunst veröffentlicht wurde.

Bruno Taut, „Ein Architektur-Programm“ (1919)

  • Bruno Taut

Quelle

Die Kunst! — das ist eine Sache, wenn sie da ist. Heute gibt es diese Kunst nicht. Die zerrissenen Richtungen können sich nur zur Einheit zusammenfinden unter den Flügeln einer neuen Baukunst, so, daß jede einzelne Dißiplin mitbauen wird. Dann gibt es keine Grenze zwischen Kunstgewerbe und Plastik oder Malerei, alles ist eins: Bauen.

Unmittelbarer Träger der geistigen Kräfte, Gestalter der Empfindungen der Gesamtheit, die heute schlummern und morgen erwachen, ist der Bau. Erst die vollständige Revolution im Geistigen wird diesen Bau schaffen. Aber nicht von selbst kommt diese Revolution, nicht dieser Bau. Beide müssen gewollt werden — die heutigen Architekten müssen den Bau vorbereiten. Ihre Arbeit an der Zukunft muß öffentlich ermöglicht und unterstützt werden. Deshalb:

I. Stützung und Sammlung der ideellen Kräfte unter den Architekten

a) Unterstützung baulicher Ideen, welche über das Formale hinweg die Sammlung aller Volkskräfte im Sinnbild des Bauwerks einer besseren Zukunft anstreben und den kosmischen Charakter der Architektur aufzeigen, sog. Utopien. Hergabe öffentlicher Mittel in Form von Stipendien an radikal gerichtete Architekten für solche Arbeiten. Mittel zur verlegerischen Verbreitung, zur Anfertigung von Modellen und

b) für ein gutgelegenes Experimentiergelände (in Berlin: Tempelhofer Feld), auf welchem die Architekten große Modelle ihrer Ideen errichten können. Hier sollen auch in naturgroßen vorübergehenden Bauten oder Einzelteilen neue bauliche Wirkungen, z. B. des Glases als Baustoff, erprobt, vervollkommnet und der großen Masse gezeigt werden. Der Laie, die Frau und das Kind führen den Architekten weiter als der beklemmte Fachmann. Kostenausgleich durch das Material eingeschmolzener Denkmäler, abgebrochener Siegesalleen usw., sowie durch die Beteiligung der mit den Versuchsbauten zusammenhängenden Industrien.

c) Entscheidung über die Verteilung der Mittel durch einen kleinen zur Hälfte aus schöpferischen Architekten, zur Hälfte aus radikal gesinnten Laien bestehenden Rat. Wird keine Einigung erzielt, so entscheidet ein aus ihm gewählter Laie.

II. Volkshäuser

a) Beginn großer Volkshausbauten, nicht innerhalb der Städte, sondern auf freiem Land im Anschluß an Siedelungen. Gruppen von Bauten für Theater, Musik mit Unterkunftshäusern und dergleichen. []

III. Siedelungen

a) Einheitliche Leitung in der Weise, daß ein Architekt weitgespannte Leitsätze aufstellt und danach die sämtlichen Projekte und Bauten prüft, ohne damit im einzelnen die persönliche Freiheit zu behindern. Vetorecht dieses Architekten.

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IV. Sonstige Bauten

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b) Kein Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Bauten. Solange es freie Architekten gibt, gibt es nur freie Architekten. Bevor es keine Regierungstöpfermeister gibt, braucht es keine Regierungsbaumeister zu geben. Öffentliche wie Privatbauten kann jeder bauen; Aufträge im Sinne von II c oder durch Wettbewerbe, die nicht anonym sind, deren Bewerber durch einen Rat nach II c eingeladen und preisgekrönt werden; keine unbezahlten Entwürfe. Unbekannte Architekten wenden sich zur Einladung an den Rat. Die Anonymität ist durch die erkennbare künstlerische Handschrift der erfolgreichen Architekten wertlos.

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d) Keine Titel und Würden für Architekten (Doktor, Professor, Baurat, Geheimer, Wirklicher, Wirklicher Geheimer, Exzellenz usw.).

e) In allem Bevorzugung des Schöpferischen, keine Bevormundung, wenn einmal ein Architekt beauftragt ist.

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g) Nur solche Architektenkorporationen haben dafür und sonst Geltung, und werden staatlich anerkannt, innerhalb deren das Prinzip der gegenseitigen Hilfe restlos durchgeführt ist. Von ihnen auch Beeinflussung der Baupolizei. Nur die gegenseitige Hilfe macht eine Gemeinschaft fruchtbar und tätig. Sie ist wichtiger als die Stimmenzahl, die nichts bedeutet ohne den sozialen Zusammenhalt. Sie scheidet den unkünstlerischen und damit unlauteren Wettbewerb aus.

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VI. Architektur und die anderen Künste

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c) Einführung der Architekturlernenden in die schöpferische „neue Kunst“. Nur der Architekt hat Bedeutung, der das Gesamtgebiet der Kunst übersieht und die radikalen Bestrebungen der Malerei und Plastik versteht. Nur er wird die Einheit des Ganzen herbeiführen helfen.

Die stärkere Geltung des Architekten im öffentlichen Leben bei Besetzung wichtiger Ämter und dergleichen wird sich von selbst aus der Durchführung dieses Programms ergeben.

Quelle: Bruno Taut, Ein Architektur-Programm. Berlin: Arbeitsrat für Kunst, 1919.