Einleitung
Dieser Band beleuchtet die Entwicklungen in Deutschland während der Weimarer Republik, beginnend mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 bis hin zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. In den dazwischenliegenden 14 Jahren entstand in Deutschland ein demokratisches System, das Frauen das Wahlrecht gewährte, das allgemeine Wahlalter auf 20 Jahre senkte und den deutschen Erbkaiser durch einen direkt gewählten Präsidenten ersetzte. Im Bereich der Sozialpolitik baute die Weimarer Republik die Arbeitslosenunterstützung aus, institutionalisierte die Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und schrieb den Achtstundentag vor. Reformer*innen und Aktivist*innen setzten sich für die Gleichstellung der Geschlechter und eine Befreiung des Körpers in Bezug auf Kleidung, körperliche Aktivität und sexuelle Ausdrucksformen ein. Künstler*innen und Schriftsteller*innen prägten den befreiten Geist der neuen Ära durch bahnbrechende Filme, Fotomontagen, architektonische Entwürfe und unverblümte Kommentare zum modernen Leben und den Nachwirkungen des Krieges. Gleichzeitig hatten langjährige lokale Traditionen und tief verwurzelte Überzeugungen weiterhin Bestand, insbesondere in ländlichen Gebieten und im Bereich des religiösen Glaubens, und dieser Band lenkt die Aufmerksamkeit auch auf diese oft übersehenen Kontinuitäten. Er untersucht natürlich auch Politik und Wirtschaft, die in dieser Zeit so turbulente und paradoxe Entwicklungen erlebten und dem Epochenbegriff „Weimar“ eine bedrohliche Qualität verliehen haben, die bis heute nachwirkt.
Überblick: Weimarer Republik, 1918-1933
Die Dokumente, Bilder, Karten und Medienclips in diesem Band bilden einige der vielfältigen Entwicklungen in Deutschland während der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933 ab. Schauen Sie sich zum Beispiel das faszinierende Gemälde „Abend über Potsdam“ genauer an, das oben auf der Startseite dieses Bandes zu sehen ist. Es wurde 1930 von der deutsch-jüdischen Künstlerin Lotte Laserstein fertiggestellt und zeigt eine Gruppe von Freunden auf einer Terrasse mit Blick auf die Stadtsilhouette von Potsdam, der historischen Stadt am südwestlichen Stadtrand von Berlin. Weniger als drei Jahre später nutzte die neu eingesetzte NS-Regierung genau diese Stadt als Kulisse für ein Bild ganz anderer Art – den pompösen „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, eine Zeremonie, die Hitlers Reichskanzlerschaft symbolisch in eine lange historische Reihe mächtiger deutscher Herrscher einordnete und das Ende der Republik besiegelte. Dieses spätere Bild könnte uns dazu verleiten, die Mienen von Lasersteins Freunden als voraussehend zu interpretieren, nämlich als frühe Vorahnung dessen, was kommen würde. Schließlich erlebte Laserstein selbst 1930 die wachsende Popularität der Nazis mit, und sie sollte später, im Jahr 1937, aus Deutschland fliehen und nie wieder dorthin zurückkehren.
Laserstein und ihr Gesamtwerk vermitteln jedoch weit mehr über diese Zeit als nur die politischen und wirtschaftlichen Ängste ihrer letzten drei Jahre, und das macht „Abend über Potsdam“ zu einem so faszinierenden Dokument. Laserstein entwickelte ihre künstlerische Vision in der pulsierenden Atmosphäre der Republik und im Dialog mit deren zahlreichen Wandlungen. Als Kind brachte Lasersteins Tante ihr im wilhelminischen Deutschland das Malen bei, doch eine formale Ausbildung erhielt Laserstein erst nach ihrer Aufnahme an der hochselektiven Berliner Akademie der Bildenden Künste im Jahr 1919 – als Nutznießerin der neuen Möglichkeiten für Frauen, Juden und Künstler*innen, die sich inmitten der revolutionären Veränderungen des Landes eröffnet hatten. Die Republik hatte – neben einer Vielzahl anderer fortschrittlicher Maßnahmen – die Zensur kultureller Ausdrucksformen abgeschafft, das Wahlrecht für Frauen eingeführt und Frauen insgesamt ein höheres Maß an Selbstbestimmung ermöglicht. Laserstein trug durch ihre eigenen Gemälde zu diesen Veränderungen bei; viele davon zeigten Variationen der „Neuen Frau“, einer Figur, die Autonomie und Sportlichkeit verkörperte – Eigenschaften, die Laserstein selbst charakterisierten. Das Jahr 1930 brachte nicht nur die Fertigstellung ihres Gemäldes „Abend über Potsdam“ mit sich, sondern auch ihre erste Einzelausstellung in einer Galerie, womit sie sich einen Weg in dem von Männern dominierten Kunstbetrieb bahnte. Betrachtet man das Gemälde im Kontext von Lasersteins wachsendem künstlerischem Ansehen sowie dem ersten großen Wahlerfolg der Nazis, so wird die Widersprüchlichkeit der Weimarer Republik deutlich: Der historische Kontext, der es einer Partei wie der NSDAP ermöglicht hatte, zu entstehen und zu gedeihen, hatte auch jemandem wie Laserstein dasselbe ermöglicht.
Diese Einleitung bietet einen sehr komprimierten Überblick über die Weimarer Republik und ist, wie jede historische Darstellung, zwangsläufig subjektiv. Ich empfehle den Nutzer*innen, die hier dargelegte kurze Analyse zu vertiefen und zu weiterzuführen, indem sie die in der Bibliografie dieses Bandes aufgeführte, wachsende Forschungsliteratur zu Deutschland zwischen 1918 und 1933 heranziehen. Ich beginne meinen Überblick mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918, welche die Deutschen damals als Wendepunkt erlebten, und beleuchte die Schaffung der Grundlagen der Republik in den folgenden neun Monaten. Dies geschah inmitten bewaffneter Konflikte zwischen Kräften der extremen Linken und – in zunehmendem Maße und bedrohlicher – der extremen Rechten über die Art der Staatsform, die Deutschland annehmen sollte. Diese Konflikte endeten keineswegs mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung am 11. August 1919. Die Gründung der Republik fand zudem inmitten des Übergangs von einer Kriegs- zu einer Nachkriegsgesellschaft statt, was die Demobilisierung von Millionen von Soldaten, die Versorgung von Millionen von Kriegsverletzten, Witwen und Waisen sowie die Bewältigung der Auflagen des Versailler Vertrags mit sich brachte. Dieser einführende Überblick weicht dann von einer chronologischen Erzählung ab, um einige Schlüsselthemen der Geschichte der Weimarer Republik und einige der relevanten Quellen dieses Bandes hervorzuheben. Ich schließe mit einer kurzen Erörterung darüber, wie sich unser historisches Verständnis der Weimarer Republik im Lauf der Zeit gewandelt hat. Ein kurzer Hinweis zur Nomenklatur: Historiker*innen bezeichnen die Epoche als „Weimarer Republik“ (eine Bezeichnung, die darauf zurückgeht, dass die Beratungen über die Verfassung in der Stadt Weimar stattfanden.) Diese Bezeichnung setzte sich jedoch erst nach 1933 allgemein durch. Zur Zeit der Republik selbst bezeichneten die Deutschen ihren Staat als „die Deutsche Republik“ oder „das Deutsche Reich“, wobei die Wahl des Begriffs die politische Ausrichtung, satirische Absichten oder den Wunsch nach Kompromiss widerspiegelte.
Das erste Kapitel dieses Bandes trägt den Titel „Krieg und Revolution, 1918–1919“ und beleuchtet die umwälzenden Ereignisse in Deutschland, die im Spätherbst 1918 begannen und als „Novemberrevolution“ bekannt wurden. Eine derart kompakte Bezeichnung, die sich auf einen einzigen Monat bezieht, verschleiert jedoch den längeren Zeitrahmen des Engagements für ein demokratisches Deutschland. Die drei vorangegangenen Bände der GHDI-Quellensammlung beleuchten die verschiedenen Bewegungen für Regierungsreformen, die das politische Leben in Deutschland seit Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hatten. Die Opfer, die der Erste Weltkrieg forderte, politisierten die Deutschen unterdessen in beispiellosem Ausmaß und verliehen diesen Forderungen eine neue Dringlichkeit. Die Bilder und Texte in diesem Abschnitt vermitteln die überschwängliche und improvisierte Atmosphäre des ersten Jahres der Republik, als verschiedene Gruppen versuchten, Staat und Gesellschaft neu zu gestalten, um diesen Forderungen gerecht zu werden. Die darauffolgenden Kompromisse, von manchen als Verrat empfunden, schürten Ressentiments und manchmal Gewalt. Unabhängig von der politischen Ausrichtung waren sich die Deutschen jedoch über die Bedeutung dieses Moments einig. Der Diplomat Graf Harry Kessler hielt in seinem Tagebucheintrag vom 9. November 1918 fest, dass er das Gefühl hatte, gerade „das Ende der bisherigen Gesellschaftsform in Deutschland“ miterlebt zu haben, und bezeichnete diesen Tag als „einen der denkwürdigsten und furchtbarsten Tage der deutschen Geschichte“.[1]
Aus Angst, dass die revolutionäre Dynamik der extremen Linken zu ähnlichen Umwälzungen führen könnte, wie sie zu jenem Zeitpunkt Russland erschütterten, beschlossen die gemäßigten Sozialdemokraten der eilig einberufenen provisorischen Regierung eine Reihe von Reformen, um die demokratisierenden Bestrebungen der Bevölkerung auf einen eindeutig parlamentarischen Kurs zu lenken. Innerhalb weniger Tage hatte die neue Regierung die Zensur abgeschafft, Meinungs- und Versammlungsfreiheit garantiert, das Wahlalter von 25 auf 20 Jahre gesenkt und das Wahlrecht für Frauen und Soldaten anerkannt. Die Regierung berief zudem Wirtschafts- und Gewerkschaftsführer ein, um eine weitreichende Vereinbarung, das Stinnes-Legien-Abkommen (Dokument Nr. 27), zu verkünden, in dessen Rahmen die Wirtschaft das Recht der Arbeitnehmer auf die Bildung von Gewerkschaften und Betriebsräten formell anerkannte und schließlich den Achtstundentag einführte, ein Ziel der deutschen Arbeiterschaft seit den 1870er Jahren. (Die Arbeitgeber hoben diese Bestimmung allerdings im Jahr 1923 wieder auf).
Der ikonoklastische Geist der Novemberrevolution schuf zudem Raum für neue Formen des Selbstausdrucks, da die künstlerischen und sozialen „Außenseiter“ Deutschlands vor 1918 – um die klassische Formulierung des Historikers Peter Gay zu übernehmen – in der jungen Republik zu kulturellen „Insidern“ wurden oder zumindest zu stärker akzeptierten Mitgliedern derselben. Künstler*innen und Denker*innen stellten die vorherrschenden Werte zunehmend in Frage und veröffentlichten leidenschaftliche Manifeste und utopische Programme, von denen Sie einige im Kapitel „Kunst und Kultur“ dieses Bandes nachlesen können (Dokumente Nr. 1, 33 und 56, um nur drei zu nennen). Die als Dada bekannte künstlerische Bewegung verspottete beispielsweise den bürgerlichen Geschmack und feierte die Irrationalität. Entstanden in Zürich während des Krieges, hatte sich ihr Schwerpunkt bis 1918 nach Berlin verlagert, was den zunehmend dynamischen Geist Deutschlands direkt widerspiegelte. Eine ähnliche Energie inspirierte den Architekten Walter Gropius dazu, im April 1919 die Bauhaus-Schule für Kunst und Design zu gründen, ebenfalls in Weimar und praktisch im Schatten der Nationalversammlung. Auch das Bauhaus verkörperte einen ähnlich egalitären und demokratisierenden Geist in seinem Bestreben, Kunst und Ästhetik in die funktionalen Gegenstände des Alltags zu integrieren. Ein ähnliches Gefühl belebte die Bewegung für die Rechte von Homosexuellen, die sich erstmals in den 1890er Jahren zu organisieren begann und in der Weimarer Republik florierte, wie die Verbreitung von Publikationen, Clubs und Anzeigen zeigt. Beispiele hierfür finden sich im Kapitel „Geschlecht und Sexualität“, und einen räumlichen Eindruck von der Dichte der LGBTQ-Treffpunkte erhalten Sie durch die Karte des „Queer Berlin“.
Gleichzeitig blühte die politische Aktivität quer durch das politische Spektrum auf. Im November bildeten sich drei große neue Parteien: die DDP als Partei der Mitte, die Mitte-Rechts-Partei BVP und die rechtsextreme DNVP; kurz darauf folgten die Mitte-Rechts-Partei DVP sowie die linksextreme KPD. Die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) – der Vorläufer der NSDAP – wurde unterdessen am 5. Januar 1919 gegründet. Alle diese Parteien, ungeachtet ihrer enormen ideologischen Unterschiede, entstanden aus demselben revolutionären Moment heraus, als die Deutschen ihre Zukunft auf vielfältige Weise neu entwarfen (siehe Dokumente Nr. 57, 73, 86 und 87 als Darstellungen dreier unterschiedlicher Visionen). Tatsächlich konnten nur zwei große politische Parteien der Weimarer Republik ihre Gründung auf die Vorkriegszeit zurückführen, nämlich die SPD und die katholische Zentrumspartei, und selbst diese beiden hatten sich 1918 erheblich weiterentwickelt, als sie sich vom Rand der Macht – wohin sie die Vorkriegspolitik und Vorurteile verbannt hatten – in deren Zentrum bewegten. Insbesondere für die SPD schürte ihr neu gewonnener Status als Regierungspartei die seit langem schwelenden Spannungen mit Splitterparteien weiter links von ihr, die im Dezember 1918 gewaltsam in einen offenen Konflikt eskalierten. Während dieses Winters und bis in den Frühling 1919 hinein gingen die gemäßigten SPD-Amtsinhaber der provisorischen Regierung mit zunehmender Rücksichtslosigkeit gegen eine revolutionäre Gruppe ehemaliger Parteigenossen vor, die eine radikalere Vision des sozialen Wandels verfolgten, welche sich am aufkommenden leninistischen Modell in Russland orientierte. Das daraus resultierende Blutvergießen vertiefte die Kluft zwischen der gemäßigten Linken und der extremen Linken und hemmte letztlich die Fähigkeit der beiden Parteien (KPD und SPD), sich ein Jahrzehnt später zusammenzuschließen, als sich in der extremen Rechten eine konkrete existenzielle Bedrohung für beide abzuzeichnen begann.
Gleichzeitig gaben am 19. Januar 1919 bemerkenswerte 83 % der Wahlberechtigten im ganzen Land ihre Stimme für die Abgeordneten einer Nationalversammlung ab, die mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung beauftragt war. Die drei Parteien, welche die Unterstützung der neuen Republik zum Kern ihrer Identität gemacht hatten – die sogenannte „Weimarer Koalition“ bestehend aus SPD, Zentrumspartei und DDP – erhielten zusammen 76 % der Stimmen, was einen entscheidenden Sieg für die republikanische Demokratie bedeutete. Als die 423 ordnungsgemäß gewählten Abgeordneten Anfang Februar in Weimar zusammentrafen, repräsentierten sie zudem das neue Gesicht Deutschlands. Sie stammten aus einem breiteren Querschnitt der Gesellschaft als die Mitglieder jeder früheren deutschen Legislative, sowohl was den religiösen und sozialen Hintergrund als auch das Geschlecht betraf: 37 Frauen nahmen neben 386 Männern ihren Sitz ein. Obwohl Frauen damit immer noch kläglich unterrepräsentiert waren, hatte Deutschland zu diesem Zeitpunkt dennoch vergleichbare Demokratien weit übertroffen. So saß im US-Repräsentantenhaus zu dieser Zeit nur eine Frau unter 435 Abgeordneten; im britischen Unterhaus nur eine unter 707 Abgeordneten; und in Frankreich hatten Frauen noch nicht einmal das Wahlrecht, geschweige denn das Recht, zur Wahl zu kandidieren.
Den 423 in Weimar versammelten Abgeordneten gelang es, eine Verfassung auszuarbeiten, die – wie einer ihrer Urheber es formulierte – wohl die „demokratischste Verfassung der Welt“ war. So sah sie beispielsweise die Direktwahl des Präsidenten vor und war damit eine der ersten Verfassungen weltweit, die dies tat; außerdem ermöglichte sie den Wahlberechtigten, über jedes Thema direkt abzustimmen, sofern 10 % der Wählerschaft ein Referendum gefordert hatten. Die Verfassung von 1919 (Dokument Nr. 50) schuf zudem den Deutschen Reichstag auf der Grundlage des Verhältniswahlrechts, um ein möglichst breites Spektrum politischer Stimmen zu gewährleisten, und übernahm eine Reihe von Grundsätzen aus der historischen, aber nie in Kraft getretenen Verfassung von 1849, die den deutschen Demokraten in den dazwischenliegenden sieben Jahrzehnten als Leitmotiv gedient hatte. (Weitere Informationen zu dieser früheren Verfassung finden Sie im GHDI-Band „Vom Vormärz zur preußischen Vorherrschaft, 1815–1866“.) Frauen erhielten neue Rechte und rechtlichen Schutz, am deutlichsten in Artikel 109 der Verfassung zum Ausdruck gebracht, der die Gleichstellung der Geschlechter garantierte. Artikel 119 versprach unterdessen staatliche Unterstützung für Mütter und Kinder, in Anerkennung des beispiellosen Wandels der Familienstrukturen im Nachkriegsdeutschland, insbesondere angesichts der hohen Zahl von Haushalten, die von Witwen geführt wurden. Ungeachtet dieses Gleichstellungsgedankens ermutigte der Staat die Arbeitgeber 1918 und 1919 dazu, Millionen von Frauen zu entlassen, damit auf die heimkehrenden Veteranen Arbeitsplätze warteten – einer der unzähligen Widersprüche, welche die Republik prägten.
Ein weiterer Widerspruch, der in den letzten beiden Jahren der Weimarer Republik besonders schwerwiegende Folgen hatte, ergab sich aus einer Bestimmung der „demokratischsten Verfassung der Welt“: Artikel 48. Anstatt die gesamte Macht im Reichstag zu bündeln – einem Gremium, das die gesamte Bandbreite der politischen Meinungen in Deutschland proportional und auf sehr demokratische Weise vertreten sollte –, beschlossen die Verfassungsväter, ein starkes Präsidentenamt als Gegengewicht zu den zwangsläufig kontroversen und langwierigen parlamentarischen Beratungen zu schaffen. Der Präsident sollte in Zeiten nationaler Krisen entschlossen handeln können, ohne sich in den parteipolitischen Debatten und chaotischen Verhandlungen zu verzetteln, die der repräsentativen Demokratie oft eigen sind. Tatsächlich waren die Verfasser der Ansicht, dass Deutschland während der Verfassungsberatungen selbst mit einer solchen nationalen Krise konfrontiert war, da revolutionäre Aufstände und gewaltsame Repressalien im März 1919 Berlin erschütterten und nur einen Monat später München verwüsteten. Artikel 48 ermächtigte den Präsidenten, Notverordnungen zu erlassen, selbst wenn diese vorübergehend gegen bestimmte Teile der Verfassung selbst verstießen, wie etwa die Pressefreiheit und das Recht auf Privatsphäre. Der Reichstag behielt zwar weiterhin die Befugnis, eine Notverordnung des Präsidenten mit einfacher Mehrheit aufzuheben, doch konnte ein Präsident diese Schutzvorkehrung umgehen, indem er das Parlament präventiv auflöste. Artikel 48 hing, wie alle gesetzlichen Bestimmungen, vom guten Glauben der ihn anwendenden Politiker ab. Deutschlands Führungskräfte bewiesen diesen guten Glauben während der gesamten 1920er Jahre, insbesondere unter der Präsidentschaft von Friedrich Ebert (SPD), der das Amt von 1919 bis 1925 innehatte (ein Beispiel hierfür findet sich in Dokument Nr. 20 im Kapitel „Politik, 1920–1929“). Die Lage änderte sich jedoch 1930, als Präsident Hindenburg und seine Berater sich Artikel 48 zunehmend zunutze machten, um das Land in eine immer autoritärere Richtung zu lenken.
Die folgenden Kapitel bündeln Quellen zu bestimmten Themen der Weimarer Republik, die in ihrer Gesamtheit sowohl historische Tendenzen veranschaulichen als auch historische Fragen aufwerfen. Der Abschnitt „Jüdisches Leben“ beispielsweise offenbart ein weiteres Paradoxon dieser Epoche der deutschen Geschichte – nämlich die Art und Weise, wie größere sozioökonomische Chancen für deutsche Juden mit zunehmendem, gegen sie gerichteten Antisemitismus einhergingen. Hugo Preuß, der Hauptverfasser der Weimarer Verfassung, veranschaulicht diese Chancen. Vor dem Krieg hatte die Universität Berlin Preuß wegen seines jüdischen Glaubens eine Professur für Rechtswissenschaften verweigert, doch Ende 1918 beauftragte ihn die neue Republik mit der Ausarbeitung ihrer verfassungsrechtlichen Grundlagen. Wer nach einem Beispiel für einen „Außenseiter“ der Vorkriegszeit sucht, der nach dem Krieg zum „Insider“ wurde, braucht nicht weiter zu suchen als Preuß. Weitere prominente Beispiele für deutsche Juden, die während der Weimarer Republik hohe Positionen im öffentlichen Leben erreichten, sind Max Liebermann, der 1920 Präsident der Preußischen Akademie der Künste wurde, und Walther Rathenau, 1922 zum Außenminister ernannt. Zudem fielen nun frühere Quoten für die Zahl der Juden im Hochschulwesen weg, sodass, wie der Historiker Peter Fritzsche hervorhebt, ein Jude in den 1920er Jahren leichter einen Studienplatz an einer deutschen Universität erhalten konnte als an einer amerikanischen. Auch nach einigen Maßstäben der sozialen Integration genossen deutsche Juden größere Akzeptanz als je zuvor. Die Zahl der „Mischehen“ zwischen Juden und Nichtjuden belief sich beispielsweise laut dem Historiker Yehuda Bauer Anfang der 1930er Jahre auf rund 50.000. Gleichzeitig deuteten jedoch andere Indikatoren auf einen starken Anstieg des Antisemitismus im Laufe der 1920er Jahre hin, der sich in den zunehmend expliziten antisemitischen Äußerungen einiger politischer Parteien, insbesondere der NSDAP, zeigte; im Ausschluss jüdischer Mitglieder aus einigen Organisationen, wie sie beispielsweise 1924 von der Veteranenvereinigung „Stahlhelm“; sowie in der wachsenden Zahl beliebter Seebäder, die jüdische Gäste abwiesen – diese stieg von 100 im Jahr 1914 auf 360 im Jahr 1931 (Dokument Nr. 8, unter „Jüdisches Leben“).
Die bereits oben kurz erwähnte Bauhaus-Schule ist ein weiteres Beispiel für die Paradoxien dieser Zeit, was die Entwicklung und das letztliche Schicksal der Schule betrifft. Die Schule vereinte nahezu alle Bereiche des Kunsthandwerks, von der Keramik über die Metallbearbeitung bis hin zur Architektur, und das Kapitel „Architektur und städtisches Leben“ in diesem Band vermittelt einen Eindruck von der weitreichenden Vision der Schule. Sie reichte bis hin zu einer eleganten, auf Effizienz ausgerichteten Küche, der sogenannten „Frankfurter Küche“, die Margarete Schütte-Lihotzky Ende der 1920er Jahre für ein riesiges Bauprojekt mit 12.000 modernen Wohnungen in der Stadt Frankfurt entwarf (Dokumente #17, 18 und 19). Der fortschrittliche Geist des Bauhauses sowie seine unorthodoxen Lehrkräfte und Studierenden verärgerten jedoch die zunehmend konservativeren lokalen Amtsträger in Weimar, welche die Schule 1925 aus politischen und finanziellen Gründen dazu veranlassten, nach Dessau umzuziehen. Sieben Jahre später wandte sich die dortige Stadtverwaltung, die zu diesem Zeitpunkt unter nationalsozialistischer Kontrolle stand, ebenfalls gegen die Schule und ihre Vision, sodass eine reduzierte Version des Bauhauses einen kurzen dritten Versuch in Berlin unternahm, der schließlich 1933 endete. Der Einfluss und das Vermächtnis des Bauhauses reichten jedoch weit über die Weimarer Republik hinaus. Viele Studierende und Lehrkräfte setzten ihre Karrieren unter dem neuen NS-Regime fort, während andere – darunter einige der herausragendsten Köpfe der Schule – ins Exil gingen. Unter der Rubrik „Karten“ in diesem Band können Sie die globale Reichweite des Bauhauses und seiner ins Exil gegangenen Absolvent*innen nachverfolgen, von Kalkutta und Tel Aviv bis nach Ankara und Chicago.
Nutzer*innen anderer Bände der GHDI-Primärquellensammlung werden zahlreiche historische Stränge und Fragestellungen erkennen, welche die Weimarer Republik mit früheren und späteren Epochen der deutschen Geschichte verbinden. Die seit Jahrhunderten andauernden Bemühungen, einen deutschen Staat zu definieren und zu festigen, setzten sich beispielsweise in der Weimarer Republik fort – und zwar nicht nur in Form der lautstarken Forderungen nach der Rückgewinnung der im Versailler Vertrag verlorenen Gebiete (Dokument Nr. 5 unter „Ländliche Lebenswelten“ und Dokument Nr. 103 unter „Krieg und Revolution“, ) und die sporadischen Bemühungen um eine Union zwischen Österreich und Deutschland (Dokument Nr. 26 unter „Internationale Beziehungen“). Die Initiative von Finanzminister Matthias Erzberger aus dem Jahr 1919 zur Reform und Zentralisierung des deutschen Steuersystems (Dokument Nr. 49, „Krieg und Revolution“) spiegelte eine bürokratische Variante dieses Impulses wider und legte den Grundstein für ein Steuersystem, das in Deutschland bis heute gilt. Viele der wirtschaftlichen Strukturen des ländlichen Lebens setzten sich auch bis weit in die Weimarer Republik hinein fort, wie aus den Erinnerungen des Sinti-Deutschen Reinhard Florian hervorgeht, der die Arbeit seines Vaters als Pferdehändler in Ostpreußen beschrieb und berichtete, dass bis in die frühen 1930er Jahre ein Handschlag als verbindlicher „Geschäftsvertrag“ ausreichte (Dokument Nr. 18, unter „Ländliche Lebenswelten“). In Oberammergau in Südbayern beleuchtet Dokument Nr. 2 (unter „Glaube und Religion“) sowohl die Art und Weise, wie die Ortsbevölkerung 1922 die Tradition des Passionsspiels fortsetzte, als auch die modernen Herausforderungen, denen sie gegenüberstand, darunter die galoppierende Inflation und die kommerzielle Versuchung, mit der Inszenierung auf eine lukrative Tournee durch mehrere US-Städte zu gehen. Historiker*innen der Weimarer Republik, mich eingeschlossen, haben sich lange auf den Glanz und das Tempo Berlins konzentriert, doch dieser Band versucht zu zeigen, wie vielfältig und geografisch unterschiedlich Deutschland zu dieser Zeit war. Schließlich lebte fast die Hälfte der Bevölkerung noch immer in Gemeinden mit 5.000 Einwohnern oder weniger. „Weimar“ mag in vielerlei Hinsicht Berlin gewesen sein, um eine Formulierung des Historikers Eric Weitz aus dem Jahr 2007 zu paraphrasieren, aber es war auch sehr viel mehr.
„Weimar“ war außerdem viel mehr als die scheinbar zum Scheitern verurteilte Epoche der deutschen Geschichte, die dem NS-Regime vorausging, auch wenn der Begriff nach wie vor mit einer bedrohlichen Konnotation behaftet ist. Tatsächlich hat sich die Darstellung der Weimarer Republik durch Historiker*innen in den letzten drei Jahrzehnten deutlich gewandelt. Auf der Grundlage einer Vielzahl von Quellen begannen Geschichtswissenschaftler*innen in den 1990er Jahren, ihre Aufmerksamkeit auf die Dynamik von Geschlecht, Körper, Sexualität, Technologie, Urbanisierung, neuen Medienformen und Konsumverhalten zu richten, inspiriert von den methodischen und theoretischen Innovationen der Diskursanalyse. Der Filmausschnitt aus dem Jahr 1928, der für Transatlantikreisen wirbt (Dokument Nr. 31, unter „Die Wirtschaft, 1918–1929“), ist ein Beispiel für die Art von Quellen, die Historiker*innen zu analysieren begannen. Indem sie die Art der von ihnen herangezogenen Materialien und die Art der Fragen, die sie an diese Dokumente richteten, erweiterten, verlagerten Historiker*innen das Thema des Aufstiegs des Nationalsozialismus von seiner früheren Position als ausschließlicher Schwerpunkt der Weimar-Geschichtsschreibung zu seiner heutigen Position als eine von vielen Fragen zu dieser Epoche, die man stellen könnte (und die nach wie vor unbestreitbar von entscheidender Bedeutung ist). Dabei haben solche Geschichtsdarstellungen auch das positive und bleibende Erbe der Republik hervorgehoben, unter anderem in den Bereichen Stadtplanung, Sozialfürsorge und sexuelle Rechte.
Die jüngere Historikergeneration hat zudem die bislang unterschätzte Unterstützung für die Weimarer Republik und deren Widerstandsfähigkeit hervorgehoben und das bemerkenswerte Engagement für den demokratischen Prozess betont. Eine zunehmende Fokussierung auf Sprache und Sprachgebrauch, die sich im Zuge der methodologischen Wandlungen der 1990er Jahre entwickelte, hat gezeigt, dass Begriffe wie „Krise“ für das Publikum der 1920er Jahre andere Konnotationen hatten als heute. Wenn politische Akteur*innen und Kommentator*innen während der Weimarer Republik das Wort „Krise“ verwendeten, signalisierte dieses Wort, wie die Historiker Moritz Föllmer und Rüdiger Graf gezeigt haben, eher eine anstehende Entscheidung und eine Chance für Veränderung als einen Ausdruck der Hoffnungslosigkeit angesichts eines unlösbaren Problems. In diesem Sinn stellte „Krise“ einen Aufruf zum Handeln dar, ja sogar einen Grund zum Optimismus, sofern die Gesellschaft insgesamt die Entscheidung traf, für die man eintrat. Darüber hinaus war diese Entscheidung oft mit demokratischem Engagement verbunden.
Historiker*innen haben zunehmend darauf hingewiesen, wie Parteien aus dem gesamten politischen Spektrum der Weimarer Republik Forderungen nach „Demokratie“ nutzten, um ihre eigenen Ansprüche zu rechtfertigen. Dazu gehörte auch die NSDAP, insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahres 1932, als sie die Abhängigkeit des Präsidenten von Notverordnungen zur Regierungsführung kritisierte, anstatt die NSDAP, die zu diesem Zeitpunkt mit Abstand die größte politische Kraft im Land war, zur Bildung einer Koalition einzuladen (die dennoch keine Mehrheit im Reichstag gesichert hätte).
Gemessen an der Wahlbeteiligung zeigten die Deutschen in den 1920er und 1930er Jahren tatsächlich ein stärkeres demokratisches Bewusstsein als die meisten älteren und etablierteren Demokratien im Westen. Ein Blick auf die interaktive Karte der Reichstagswahlen (Dokument Nr. 5, unter „Karten“) zeigt nicht nur die Schwankungen in der politischen Neigung der Wählerschaft, sondern auch den bemerkenswert hohen Anteil der Deutschen, die überhaupt von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten – dieser lag durchweg um die 80 %-Marke. Der NS-Propagandafilm Blutendes Deutschland (Dokument Nr. 53, unter „Politik 1930–1933“) bietet eine bemerkenswerte visuelle Dokumentation der vielfältigen Formen, in denen sich die Deutschen in den letzten Jahren der Republik energisch am demokratischen Prozess beteiligten, darunter Demonstrationen und Kundgebungen; Lastwagen, die Plakatwände zu verschiedenen politischen Themen zogen; fahnenschwingende Anhänger sowohl linker als auch rechter Parteien; Litfaßsäulen, die mit Wahlplakaten beklebt waren; und eine Nahaufnahme eines Stimmzettels, auf dem mindestens 34 verschiedene Parteien vertreten waren. Auch war die Unterstützung für die Republik selbst bei weitem nicht so schwach, wie frühere Geschichtsdarstellungen behauptet hatten. Historikerinnen wie Manuela Achilles und Nadine Rossol haben darauf hingewiesen, dass eine Reihe von Initiativen zur Förderung des republikanischen Gedankenguts – von den Feierlichkeiten zum Tag der Verfassung (11. August) bis hin zu groß angelegten Festumzügen – großen Anklang in der Bevölkerung fanden. Mitte der 1920er Jahre zählte die republikanisch gesinnte Veteranenorganisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ 600.000 Mitglieder und stellte damit ähnliche Organisationen mit rechtsgerichteter Ausrichtung wie z. B. den „Stahlhelm“ in den Schatten (Dokumente Nr. 39 und 40, unter „Politik, 1920–1929“). Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass die NSDAP dennoch 1933 an die Macht kam, hatte mehr mit wirtschaftlichen Faktoren und konjunkturellen politischen Entscheidungen zu tun als mit abgedroschenen Charakterisierungen einer Demokratie ohne Demokraten oder einer Republik ohne Republikaner.
Wenn Sie die Fülle an Primärquellen in diesem und dem folgenden Band durchsehen, lade ich Sie jedoch ein, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Neben der brillanten und unermüdlichen Arbeit von Insa Kummer möchte ich ihrer Vorgängerin Kelly McCullough sowie zwei meiner ehemaligen Masterstudierenden, Kristin Osborne und Austin Hall, für ihre bemerkenswerte Unterstützung danken.
Erik Jensen, 2026