Einleitung
Dieser Band untersucht Entwicklungen in Deutschland während der Weimarer Republik, beginnend mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 bis hin zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. In den dazwischenliegenden 14 Jahren entstand in Deutschland ein demokratisches System, das Frauen das Wahlrecht gewährte, das nationale Wahlalter auf 20 Jahre senkte und die Erbmonarchie durch einen direkt gewählten Präsidenten ersetzte. Im Bereich der Sozialpolitik erweiterte die Weimarer Republik die Arbeitslosenunterstützung, institutionalisierte die Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und schrieb einen achtstündigen Arbeitstag vor. Reformer und Aktivisten setzten sich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Befreiung des Körpers in Bezug auf Kleidung, körperliche Aktivität und sexuelle Ausdrucksformen ein. Auch Künstler und Schriftsteller prägten den liberalen Geist der neuen Ära mit bahnbrechenden Filmen, Fotomontagen, architektonischen Entwürfen und offenen Kommentaren zum modernen Leben und den Folgen des Ersten Weltkrieges. Gleichzeitig wurden in dieser Ära langjährige lokale Traditionen und tief verwurzelte Überzeugungen, insbesondere in ländlichen Gebieten und im Bereich des religiösen Glaubens, weiter gepflegt und gelebt, und der Band lenkt die Aufmerksamkeit auch auf diese oft übersehenen Kontinuitäten. Zudem untersucht er natürlich auch die Politik und die Wirtschaft der Weimarer Republik, die in dieser Zeit turbulente und paradoxe Entwicklungen erlebte und dem Vergleich mit „Weimar” eine bis heute nachwirkende bedrohliche Qualität verleiht.
Überblick: Weimarer Republik, 1918-1933
Die Dokumente, Bilder, Karten und Medienclips in diesem Band reflektieren einige der vielfältigen Entwicklungen in Deutschland während der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933. Schauen Sie sich zum Beispiel das faszinierende Gemälde „Abend über Potsdam“ genauer an, das den oberen Teil dieser Seite ziert. Es wurde 1930 von der deutsch-jüdischen Künstlerin Lotte Laserstein fertiggestellt und zeigt eine Gruppe von Freunden auf einer Terrasse mit Blick auf das Panorama Potsdams, der historischen Stadt am südwestlichen Rand Berlins. Weniger als drei Jahre später nutzte die neu eingesetzte NS-Regierung genau diese Stadt als Kulisse für ein Bild ganz anderer Art – den pompösen „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, eine Zeremonie, die Hitlers Kanzlerschaft symbolisch in eine lange Reihe mächtiger deutscher Herrscher einreihte und das Ende der Republik besiegelte. Die geschichtlichen Ereignisse mögen uns dazu verleiten, die Gesichtsausdrücke von Lasersteins Freunden als Vorahnung zu interpretieren, als frühes Vorzeichen der bevorstehenden Ereignisse. Schließlich erlebte Laserstein 1930 die wachsende Popularität der Nazis selbst mit und floh 1937 aus Deutschland, wohin sie nie wieder zurückkehren sollte.
Laserstein und ihr Gesamtwerk vermitteln jedoch weit mehr über diese Zeit als nur die politischen und wirtschaftlichen Ängste der letzten drei Jahre, und das macht „Abend über Potsdam“ zu einem so faszinierenden Zeitdokument. Laserstein entwickelte ihre künstlerische Vision in der lebendigen Atmosphäre der Republik und im Dialog mit deren zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Als Kind im wilhelminischen Deutschland brachte Lasersteins Tante ihr das Malen bei, doch eine formale Ausbildung erhielt sie erst 1919 mit der Aufnahme in die hochselektive Berliner Akademie der Künste, wo sie von den neuen Möglichkeiten profitierte, die sich Frauen, Juden und Künstlern inmitten der revolutionären Veränderungen des Landes eröffnet hatten. Unter anderem hatte die Republik die Zensur kultureller Ausdrucksformen abgeschafft, Frauen das Wahlrecht garantiert und ein höheres Maß an Selbstbestimmung ermöglicht. Lasersteins Gemälde spiegelten teilweise diese Veränderungen, da sie oft Variationen der „neuen Frau“ darstellten, einer Figur, die Autonomie und Athletik vermittelte – Eigenschaften, die Laserstein selbst verkörperte. Das Jahr 1930 war nicht nur das Jahr, in dem sie „Abend über Potsdam“ fertigstellte, sondern auch das Jahr ihrer ersten Einzelausstellung in einer Galerie, mit der sie sich einen Weg in einem von Männern dominierten Medium bahnte. Betrachtet man das Gemälde im Kontext von Lasersteins wachsendem künstlerischen Ansehen sowie dem ersten großen Wahlsieg der Nationalsozialisten, so wird die Widersprüchlichkeit der Weimarer Republik deutlich: Der historische Kontext, der es einer Partei wie der NSDAP ermöglichte, sich zu formieren und zu gedeihen, ermöglichte es auch jemandem wie Laserstein, dasselbe zu tun.