Kurzbeschreibung

Die Revolution 1918/19 bewirkte keine fundamentale Umwälzung der Gesellschaft und ebenso wenig einen umfassenden Austausch ihrer Eliten, sodass ein hohes Maß an Kontinuität in Justiz, Verwaltung und Armee bestand. Allerdings ermöglichten die insgesamt relativ stabilen politischen Verhältnisse in Preußen, wo bis 1932 überwiegend die Weimarer Koalition von SPD, DDP und Zentrum regierte, eine auch durch entsprechende Personalpolitik abgesicherte, demokratisch orientierte Kunst- und Kulturpolitik. In diesem Auszug aus seinen Erinnerungen beschreibt der Historiker Felix Gilbert, wie sich diese vor allem im Berliner Kulturleben manifestierte. Gilbert, ein Anhänger der Sozialdemokratie sowie Sohn einer jüdischen Mutter, emigrierte während des Nationalsozialismus aus Deutschland in die USA.

Felix Gilbert über die Nachwirkungen der Revolution (Rückblick, 1988)

  • Felix Gilbert

Quelle

Die Sozialdemokratie hatte eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung von Ordnung und Stabilität gegen den Extremismus gespielt und es nicht zu einer radikalen Revolution kommen lassen. Wenn die Rechte sich aber weigerte, anzuerkennen, daß überhaupt eine Revolution stattgefunden hatte, so mußten diejenigen, die die Revolution nicht nur anerkannten, sondern mit ihr durchaus auch einverstanden waren – und ich gehörte zu ihnen – , zu der Auffassung gelangen, daß dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen war.

So ging das Leben in vielerlei Hinsicht weiter, wie es vor der Revolution gewesen war; die Klassenunterschiede blieben sehr deutlich spürbar, wie man ja auch weiterhin darauf bedacht war, daß die Leute mit Rang und Titel angesprochen wurden. Die Niederlage hatte auch dem Ansehen des Militärs nichts anhaben können. Und niemand scheute sich, den durch Kriegsgewinne oder in der Inflation erworbenen Reichtum zur Schau zu stellen. Sicher hatte der Regierungswechsel den Arbeitern manche Verbesserungen gebracht, die Existenz von Gewerkschaften wurde rechtlich anerkannt, und sie begannen Einfluß auszuüben; die Grundlagen für den Wohlfahrtsstaat wurden gelegt. Aber auch das neue Deutschland war keine Gesellschaft von Gleichen und weit entfernt von jener idealen Gesellschaft, die die Revolution angestrebt hatte.

In der jüngeren Generation lebten Unzufriedenheit und eine gewisse revolutionäre Unruhe fort und fanden ihr Ventil in Literatur, Kunst und Theater. Wir lasen leidenschaftlich Bücher von Autoren, die noch nicht in den offiziellen Kanon eingereiht waren. Bei Nietzsche zum Beispiel interessierte mich mehr seine „Genealogie der Moral“, wegen ihres Angriffs auf die Werte der Bourgeoisie, als sein „Zarathustra“. Ich las, wie viele meiner Zeitgenossen, Freud, besonders sein Buch über die Traumdeutung. In diesen Jahren begann ich auch Dostojewski zu lesen, und wir vermeinten in seiner Welt etwas von der revolutionären Atmosphäre Rußlands zu finden; in meinen Augen war „Der Idiot“ sein eindrucksvollstes Werk. Nach der ersten Lektüre dieses Romans hatte ich regelrechte Alpträume, und so geht es mir noch heute, nach einem halben Jahrhundert, wenn ich den „Idioten“ zur Hand nehme.

Im Kaiserreich waren moderne Kunst und Literatur nicht verboten gewesen, aber die offizielle Mißbilligung war stark genug, ihren Einfluß auf einen kleinen Kreis zu beschränken. Ich erinnere mich an den ungeheuren Eindruck, den die Van-Gogh-Ausstellung von 1920 oder 1921 auf mich machte; sie füllte ein ganzes Ausstellungsgebäude, das ehemalige Kronprinzenpalais. Auch das Theater war in jenen Jahren eine aufregende und revolutionäre Kraft im intellektuellen Berlin.

Die neue preußische Regierung setzte einen neuen Generalintendanten des Staatstheaters ein, und so wurden in einem der schönsten klassizistischen Bauten Berlins, dem Schauspielhaus von Schinkel, die Stücke der deutschen Klassiker in revolutionären Inszenierungen gezeigt: Schillers „Wilhelm Tell“, der gewöhnlich vor einer Kulisse gespielt worden war, auf die man schneebedeckte Schweizer Alpen und Gebirgsseen gemalt hatte, wurde nun auf einer kahlen Treppe gegeben, so daß nichts die Aufmerksamkeit des Publikums von der politischen Botschaft ablenkte.

Doch das wichtigste waren natürlich die expressionistischen Werke zeitgenössischer Autoren, die Titel trugen wie „Vatermord“ oder „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“; sie hatten entweder einen politischen Gehalt und klagten die Ungerechtigkeit der Gesellschaft oder das Elend der Unterdrückten an und zeigten die Verzweiflung der Massen, oder sie waren psychologisch und verwischten die Grenzen zwischen dem Unbewußten und der Realität.

Ich vermute, daß ich zu den wenigen Menschen gehöre, die eine der ersten Aufführungen von Brechts „Trommeln in der Nacht“ gesehen haben. Unter den Schriftstellern, die wir damals aufregend fanden, ist Brecht wahrscheinlich der einzige, der noch immer bekannt ist; Hasenclever, Bronnen und Toller, die damals ebenfalls in aller Munde waren, sind nahezu vergessen. Der, den ich am meisten liebte, ist wahrscheinlich noch mehr vergessen als die anderen: Fritz von Unruh, Sohn eines preußischen Generals, in einem Kadetten-Corps erzogen, ein Offizier, der ein Gegner von Krieg und Gewalt wurde, ein Freund Walter Rathenaus. Er brachte vielleicht besser als irgend jemand sonst die Atmosphäre der Zeit zum Ausdruck – ihre revolutionäre Hoffnung und ihren völligen Mangel an Wirklichkeitssinn; ich weiß die Worte noch auswendig, mit denen er eines seiner Stücke beschließt und die seinen Glauben verkünden an eine „Kraft, die aus neuer Liebe neue Menschen schafft“.

Quelle: Felix Gilbert, Lehrjahre im alten Europa. Erinnerungen 1905–1945. Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 50–52.

Quelle des englischen Originaltexts: Felix Gilbert, A European Past. Memoirs, 1905–1945. New York and London: W.W. Norton & Company, 1988, S. 42–44.