Quelle
Keine Vorahnung einer bevorstehenden Katastrophe überschattete meine Kindheit, die ich in den ausgehenden Jahren der Weimarer Republik in Berlin zubrachte. Ich erlebte diese Jahre von einem Logenplatz aus und nahm die Wirklichkeit durch den das reale Leben weitgehend ausblendenden Filter eines opulenten Lebensstils wahr. Welches andere Kind hatte im Alter von nicht einmal zehn Jahren ein eigenes Auto mit Chauffeur und wurde täglich in die Grundschule gefahren, während alle anderen zu Fuß kamen? Zu Hause kümmerten sich wechselnde Gouvernanten um alles, was ich brauchte. Ich hatte mein eigenes Wohn- und Schlafzimmer, sowohl in Berlin als auch auf unserem Landsitz gleich außerhalb der Stadt.
[…]
Die beiden äußeren Faktoren, die mein Leben in diesen frühen Jahren mehr als alle anderen prägten, waren Überfluss und Platz, viel Platz. Rückblickend erscheint mir das Stadthaus meines Großvaters in Berlin, obzwar ich dort nur ein sporadischer Gast war, als der Ort, der mehr als jeder andere die Lebenswelt symbolisierte, in der sich meine Kindheit abspielte. Mein Großvater mütterlicherseits, Rudolf Mosse, erbaute seinen „Palast“, der den Stadtvillen der italienischen Renaissance nachempfunden war, 1882 am Leipziger Platz als anschauliche Demonstration der Solidität seines ein Jahrzehnt zuvor gegründeten Verlagsimperiums. Um seine Arriviertheit zusätzlich zu unterstreichen, kaufte er 1896 das Landgut in Schenkendorf mit seinem prachtvollen Herrenhaus, zu dem man mit dem Automobil von Berlin aus rund vierzig Minuten unterwegs war. Das Palais in Berlin war ein imposanter Steinbau im klassizistischen Stil, in seinem Innenhof stand ein von Walter Schott entworfener Brunnen mit tanzenden Jungfrauenfiguren. Eine Kopie des Brunnens wurde später auf einem Landsitz in Ostpreußen aufgestellt, eine zweite im New Yorker Central Park, wo sie noch heute steht. Das war aber noch nicht alles. Das Palais besaß nicht nur luxuriös eingerichtete Wohnräume, sondern beherbergte auch die Kunstgalerie meines Großvaters und seine umfangreiche Bibliothek.
Die Existenz einer solchen Galerie und Bibliothek in einem Privathaus war Ausdruck der Bildungsideale des deutschen Bürgertums: Der Einzelne war gehalten, durch eine kontinuierliche Weiterentwicklung, bei der Erziehung, Kultur, Literatur und Bildende Kunst im Mittelpunkt standen, den eigenen Selbstwert zu definieren und zu steigern. Gemälde und Plastiken zu geschichtlichen, sakralen oder nationalen Themen, wie sie sich in der Sammlung Rudolf Mosses fanden, ließen sich unschwer rezipieren und in eine spirituelle Dimension tauchen, in der sie das Wahre und Schöne symbolisierten und den menschlichen Geist auf eine höhere Stufe hoben.
Das zweifellos spektakulärste Gemälde im ganzen Haus erstreckte sich über eine der langen Wände des Speisezimmers. Sein Schöpfer Anton von Werner, der auf Monumentalbilder mit historischen Sujets spezialisiert war, hatte mit einem 1877 gemalten Bild Berühmtheit erlangt, das die Proklamation des neuen Deutschen Reichs durch Bismarck im Spiegelsaal von Versailles zeigte. An sein Riesenfresko im Speisezimmer erinnere ich mich noch gut, es war eine Quelle endloser Faszination. Das in kräftigen Farben gehaltene Bild – es trug den Titel Das Gastmahl der Familie Mosse – wurde 1899 geschaffen. Rudolf Mosse, seine Frau und seine Tochter – meine Mutter – sowie einige seiner wichtigen politischen Freunde sitzen, allesamt in Renaissance-Kostüme gekleidet, inmitten einer italienisch anmutenden Szenerie an einer großen Banketttafel, Trinksprüche ausbringend und sich amüsierend. Die Runde besteht aus führenden Liberalen wie dem Arzt und Politiker Rudolf Virchow und dem liberalen Abgeordneten Heinrich Rickert. Auch andere Angehörige der bürgerlichen Elite ließen sich damals in dieser Manier malen – die Fresken in ihren ebenfalls gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Stadthäusern zeigten die Mitglieder ihrer Familie häufig in Renaissance-Kleidern.
Diese Mode, die die Wende zum 20. Jahrhundert nicht sonderlich lange überlebte, dokumentierte ein neues Selbstbewusstsein im Lager der neuen bürgerlichen Elite, ebenso wie deren Verlangen, durch die Identifizierung mit einer nicht-aristokratischen Vergangenheit, einer Epoche, in der das Abendland eine stilistische und kulturelle Blüte erlebt hatte, mehr Legitimität zu gewinnen. Die Renaissance war eine Epoche, die mit ihrer republikanischen Gesinnung der liberalen Elite, die sich als Schrittmacherin der Kultur verstand, sympathisch war. Für deutsche Juden hatte es daher einen besonderen Reiz, sich zur Renaissance zu bekennen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Geschichte und Tradition Europas. Von all dem wusste ich damals nichts – ich genoss einfach nur den Anblick dieser kostümierten Gesellschaft und konnte gar nicht genug darüber staunen, wie schön meine Mutter als junges Mädchen gewesen war.
[…]
Die Villa, die mein Großvater Mosse für seine Tochter und ihren Mann – meine Eltern – im Westen Berlins erbauen ließ, war ganz anders als das Palais: moderner und eher unauffällig. In diesem Haus verbrachte ich einen Teil meiner frühen Kindheit. Im oberen Stock hatten wir drei Kinder je ein Schlaf- und ein Spielzimmer (das zum Wohnzimmer wurde, als mein Bruder und meine Schwester älter wurden). Auch hier lebte ich in meiner eigenen kleinen Welt. Die Gemeinschaftsräume und das Esszimmer befanden sich im Erdgeschoss, ebenso das Arbeitszimmer meines Vaters. Die beiden großen, vornehm ausgestatteten Wohnzimmer im Erdgeschoss haben sich in meiner Erinnerung als öffentliche Räume festgesetzt, weil dort so viele Einladungen stattfanden; an sie schloss sich ein großes, mit Medici-Gobelins dekoriertes Speisezimmer an. An der Rückseite des Hauses, von den Wohnzimmern aus zugänglich, befand sich ein kleiner Konzertsaal, in dem bekannte Musiker auftraten, entweder als Solisten oder im Quartett. Die Tradition der Hauskonzerte lebte in diesen Kreisen weiter. Wir erhielten Gegeneinladungen zu ähnlichen Konzerten bei Bekannten, und ich erinnere mich bis zum heutigen Tag an den Auftritt eines Streichquartetts im Haus des bekannten Bankiers Carl Melchior, das ich ausnahmsweise einmal in Begleitung meiner Eltern besuchen durfte.
Nach Ansicht meiner Eltern war ich damals wohl noch viel zu jung, um am kulturellen Leben Berlins teilzuhaben. Ich empfand es später immer als eigenartig, wenn ich von Studenten gefragt wurde, ob es nicht aufregend gewesen sei, die legendäre kulturelle Aufbruchstimmung im Berlin der Weimarer Republik hautnah mitzuerleben. Gewiss durfte ich, wie andere Kinder auch, mit meinen Eltern gelegentlich in die Oper gehen – die erste Oper, die ich erlebte, war Friedrich von Flotows Martha, die zweite Albert Lortzings Zar und Zimmermann –, niemals aber ins Theater. Meine Kindheit verbrachte ich fast ausschließlich in Schenkendorf oder im Innern des elterlichen Stadthauses in der Maaßenstraße (in einem der vornehmsten Berliner Bezirke). Um uns herum standen hier die Häuser anderer Mitglieder der jüdischen Elite Berlins, von denen die meisten einander kannten. In dieser Hinsicht hatte eine gewisse Reghettoisierung stattgefunden, wenn sie auch alles andere als vollständig war. Sogar in Schenkendorf waren wir von Landgütern umgeben, die Bekannten meiner Eltern gehörten, meistens Bankiers oder Industriellen. Die meisten dieser herrlichen Anwesen überlebten sogar den Zweiten Weltkrieg. In den 1960er Jahren wurden sie dann jedoch abgerissen, um großstädtischen Wohnsiedlungen Platz zu machen, die sich in Gestalt hässlicher Einheitsquader aus vorfabrizierten Betonplatten breit machten.
Neben meinem Elternhaus in Berlin war der Ort, an dem ich, bevor ich in die Internatsschule kam, viel Zeit verbrachte und wohin ich später in den Ferien oft zurückkehrte, der Landsitz meines Großvaters in Schenkendorf. Im flachen Umland Berlins mit seinen Birkenhainen und seinem sandigen Boden gelegen, war Schenkendorf ursprünglich ein Rittergut gewesen. Im wilhelminischen Deutschland konnte sich derjenige, der ein solches Anwesen sein eigen nannte, mit dem Titel „Rittergutsbesitzer“ schmücken – das war wichtig in einer Welt, in der Titel gesellschaftlichen Status garantierten. Das Gebäude selbst war erst in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden. Es lag inmitten eines großen Parks, der seinerseits von weitläufigen Ackerflächen umgeben war. Der Bauernhof, der sich direkt am Ende des Parks befand, war mit seinen Stallungen und seiner stillgelegten Zuckerrüben-Raffinerie für uns Kinder immer ein attraktives Spielgelände.
Was das Dorf Schenkendorf selbst betraf, so war in den 1890er Jahren die Kohleförderung eingestellt worden, von der es gelebt hatte. Die Bergarbeitersiedlung war jedoch erhalten geblieben und verlieh der Ortschaft mit ihren wenigen hundert Einwohnern ihren Charakter. Die ockerfarbenen Häuschen wurden „Siemenshäuser“ genannt, nach dem berühmten deutschen Unternehmen, dem die Kohlenzeche gehört und das die Siedlung für seine Arbeiter errichtet hatte. Noch heute schmückt das Wappen der Bergarbeitergewerkschaft das größte Haus im Dorf, das einst das Gemeinschaftsgebäude der Bergleute gewesen war. Für mich allerdings war das alles nur schemenhafter Hintergrund. Ich erinnere mich nicht, mit den Kindern aus dem Dorf in Berührung gekommen zu sein, obwohl mir später erzählt wurde, einige von ihnen seien hin und wieder zu uns eingeladen und mit Kuchen und Süßigkeiten bewirtet worden, damit ich Spielkameraden hatte. An meinem Geburtstag spielte mir die Dorfkapelle jedes Mal ein Ständchen vor der großen Terrasse, eine Geste der Ehrerbietung, die ich einmal mehr als selbstverständlich ansah.
Schenkendorf war ein außerordentlich armes Dorf, und es hieß, 1933 habe die Hälfte seiner Einwohner die Nazis und die andere Hälfte die Kommunisten gewählt. Meine Eltern wurden von den Leuten als so etwas wie die Grundherren betrachtet und verhielten sich auch so. 1928 zum Beispiel stifteten sie dem Dorf zwei Kirchenglocken; in die eine war der Name meiner Schwester eingraviert, in die andere der meine. Weshalb mein Bruder, wie es scheint, leer ausging, weiß ich nicht. Lebhaft erinnere ich mich noch an die feierliche Einweihung der Glocken, der als Ehrengast der evangelische Superintendent des Bezirks beiwohnte. „Meine“ Glocke ist der einzige konkrete Gegenstand, der mich noch heute mit Schenkendorf verbindet, denn sie ist nach wie vor im Anwesen und im ganzen Dorf zu hören, während die nach meiner Schwester benannte Glocke im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurde. An der Kirche fand ich als Kind nur die Tatsache beeindruckend, dass in ihrem Kellergewölbe die sterblichen Überreste der Kinder des Grafen von Löben ruhten, der im 17. Jahrhundert Gutsherr auf Schenkendorf gewesen war. Die achtzehn halb geöffneten Särge, in denen ihre Gebeine lagen, boten einen faszinierenden, wenn auch grausigen Anblick. Die Kirche selbst entpuppte sich nach ihrer Restaurierung durch die DDR-Behörden als ein höchst sehenswürdiges Juwel des 17. Jahrhunderts.
Was unseren Familiensitz in Schenkendorf betraf, so fand ich ihn eigentlich nie besonders reizvoll, trotz des riesengroßen Empfangssaals, der das Zentrum des Gebäudes bildete. Er war zwei Stockwerke hoch und hatte oben eine umlaufende Galerie, die zu etwa acht Gästezimmern Zugang bot. Mein Vater hatte in jedes dieser Zimmer ein Bad einbauen lassen, ein Luxus, der zu jener Zeit seinesgleichen suchte. Im Erdgeschoss befanden sich zwei repräsentative Wohnzimmer (der rote und der grüne Salon), der Speisesaal, die Gemächer meiner Mutter und, direkt vom großen Empfangssaal aus zugänglich, ein Wintergarten, durch den man auf die große Terrasse gelangte, von der aus man eine weite Rasenfläche mit einem kleinen See am Ende überblickte.
[…]
Die Dienstboten bildeten einen notwendigen und integralen Bestandteil unseres opulenten Lebensstils. Das Haus in Berlin hielten, ebenso wie das in Schenkendorf, fünf oder sechs Bedienstete am Laufen: Köchin und Butler, das persönliche Hausmädchen meiner Mutter, mehrere Zimmermädchen und eine Küchenmagd. In unserer Familie ist die Geschichte überliefert, dass mein Vater im Treppenhaus unseres Berliner Hauses einmal eine Frau antraf, die er vorher nie gesehen hatte. Auf seine verwunderte Frage, wer sie sei und was sie da zu suchen habe, erklärte sie, sie sei die Küchenmagd. Zu mindestens einigen der Dienstboten müssen wir eine sehr enge persönliche Beziehung gehabt haben. Jedenfalls war das Verhältnis alles andere als feindselig, wie es nach der Theorie vom Klassengegensatz hätte sein müssen. Dass uns ein Teil unseres Hausrats erhalten blieb, verdankten wir ausschließlich der Initiative treuer Dienstboten, die buchstäblich unter den Augen der Polizei, die nach unserer Flucht ins Exil unsere Häuser konfiszierte, Wertsachen in Sicherheit brachten, darunter Gobelins und einen Teil der Möbel. Einige dieser Besitztümer folgten uns um die halbe Welt und tauchten am Ende sogar in Kalifornien auf, nachdem mein Vater sich mit meiner Stiefmutter dort niedergelassen hatte. Dabei kam es in den ersten Exiljahren oft vor, dass sich zum Erfreulichen das Bizarre gesellte: Die uns treu ergebene Haushälterin aus der Maaßenstraße hatte zusammen mit den Medici-Gobelins und den Empire-Sesseln einen ganzen Koffer voller Klistiere des großen, altmodischen Typs eingepackt. Vielleicht fürchtete sie die Auswirkungen des seltsamen amerikanischen Essens auf unsere Gesundheit.
Quelle: George L. Mosse, Aus Großem Hause: Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Historikers. München: Ullstein Verlag, 2003, S. 15–28.
Quelle des englischen Originals: George L. Mosse, Confronting History: A Memoir. With a Foreword by Walter Laqueur. Madison: University of Wisconsin Press, 2000, S. 7–16.