Kurzbeschreibung

Mit der Burgfriedenspolitik während des Ersten Weltkrieges waren auf Seiten der sozialistischen Arbeiterbewegung Hoffnungen verknüpft gewesen, ihre bis dahin im klassengesellschaftlich geprägten Kaiserreich vorherrschende politische und soziale Ausgrenzung zu überwinden. Angesichts des Ausbleibens grundlegender innenpolitischer Reformen bis zur Parlamentarisierung des Reiches im Oktober 1918 erfüllten sich diese Hoffnungen aber nur teilweise. Auch nach der Revolution 1918/19 zeigte sich trotz der Zusammenarbeit von Sozialdemokraten mit bürgerlichen Politikern (v.a. in der Weimarer Koalition) und Beamten sowie gewisser gesellschaftlicher Nivellierungstendenzen ein hohes Maß an Kontinuität der Sozialmilieus und der mit ihnen zusammenhängenden politischen Lagerbildung. Dieser kurze Auszug aus den Erinnerungen des hohen Beamten und überzeugten Republikaners Arnold Brecht (1884-1977) veranschaulicht, inwiefern in der Weimarer Regierung zwei bisher getrennte Welten aufeinander trafen.

Arnold Brecht über seinen Umgang mit den Arbeiterführern (Rückblick 1966)

  • Arnold Brecht

Quelle

Auch mein nun ständiger Umgang mit den Arbeiterführern trug dazu bei, meine im Abstrakten, Theoretischen und Ästhetischen verwurzelte Denkweise zu verwandeln. Ich hatte noch niemals persönlichen Umgang mit diesen Männern gehabt, hatte sie kaum gesehen, jedenfalls aber nicht in der Arbeit beobachtet. Jetzt war das plötzlich anders. Ich lernte einen nach dem andern näher kennen, hatte dienstliche und außerdienstliche Gespräche mit ihnen und war oft bei Verhandlungen, die sie untereinander oder mit anderen Stellen führten, zugegen, dieses zunächst in unregelmäßigen Zwischenräumen, aber später als ständiger Teilnehmer an Kabinettssitzungen und Ministerbesprechungen, die ich vorbereitete, bei denen ich Protokoll führte und deren Beschlüsse ich verwaltungsmäßig durch Zustellungen und Nachfragen betreute.

Die sich jagenden, aufregenden Ereignisse, die inneren Kämpfe zwischen den verschiedenen sozialistischen Gruppen, das Verhältnis zu den nichtsozialistischen Parteien, die Grundlegung für die neue Verfassung, die Notwendigkeit vieler schneller Entscheidungen, oft inmitten von ernsten Straßenunruhen und -kämpfen, eröffneten dem nahen Beobachter tiefe Einblicke in die Persönlichkeiten, die sich hier bewähren sollten. Ich gewann bald große Achtung vor diesen Männern, deren Ernst, Sachlichkeit, Überzeugungstreue und Charakter mich oft geradezu beschämten. Das galt besonders von dem handwerklichen Typus von Sozialdemokraten, wie Ebert selbst ihn vorbildlich repräsentierte, oder Severing, Wissell und der ehemalige Buchdrucker Otto Braun. Rechtsanwälte wie Landsberg und Haase, oder Intellektuelle wie Breitscheid, waren für mich weniger eine neue Welt als die aus der Handarbeit hervorgegangenen Arbeiterführer. Ihre Wesensart beeindruckte mich tief und anhaltend.

Es war bis dahin meine Gewohnheit gewesen, wie es bei vielen Intellektuellen der Fall ist, meine Gespräche mit ironischen Bemerkungen zu würzen. Ich fand schnell heraus, daß das in Unterhaltungen mit diesen Männern unangebracht, störend und verwirrend war. Sie sagten ihre Ansicht geradeheraus und wollten, wenn sie sich mit mir unterhielten, die meinige ohne schwer durchsichtige Umhüllungen kennenlernen. Ihre Gradheit entwaffnete mich. Ich sprach ebenso gerade mit ihnen wie sie zu mir und schämte mich meiner ironischen Spielereien. Ich wurde erst jetzt zum Mann, so schien es mir.

Quelle: Arnold Brecht, Aus nächster Nähe, Lebenserinnerungen 1884–1927. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1966, S. 214–15.