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Emslandnot!
Von unserem Sonderberichterstatter
Osnabrück, im Mai
Daß aus deutschen Notstandsgebieten Beschwerden über Vernachlässigung, Klagen über immer unhaltbarer werdende Zustände an die Adresse der Berliner Regierungszentrale gerichtet werden, ist leider nur zu bekannt. Ebenso bekannt ist auch das tatsächliche Vorhandensein dieser Zustände. Jedem Deutschen ist, wenn auch nicht aus eigener Anschauung, so doch vom Hörensagen und Lesen die Not in den östlichen Grenzmarkgebieten geläufig, ebenso die Armut im Waldenburger Gebiet und im Erzgebirge. Von einer „Emslandnot“ hatte die große Oeffentlichkeit namentlich in der östlichen Hälfte des Reiches und ganz besonders in Berlin bisher noch kaum etwas vernommen. Daher horchte man überrascht und einigermaßen ungläubig auf, als vor wenigen Tagen im Reichstag Hilfe aus öffentlichen Mitteln für das kulturell vernachlässigte Emsland nachdrücklich gefordert wurde.
Selbst über die geographische Lage und über die geologische Struktur des Emslandes dürften bei einem großen Teile der deutschen Bevölkerung bisher noch recht unklare Vorstellungen bestanden haben. Daher erscheint es angezeigt, erklärend einiges darüber zu sagen: Das Emsland, zur Provinz Hannover gehörig, umfaßt fünf Kreise mit einem Gesamtgebiet von rund 392.999 Hektar und mit einer Bevölkerung von 171.000 Einwohnern. Es wird begrenzt im Norden von Ostfriesland, im Osten vom Freistaat Oldenburg, im Süden von drei westfälischen Kreisen und im Westen von der holländischen Provinz Groningen. Seine Bevölkerung besteht überwiegend aus Kleinbauern, deren wesentlicher Vermögen früher in einer gut entwickelten Viehzucht bestand, und den sogenannten Heuerleuten, eingesessenen Landarbeitern, die in einem gewissen patriarchalischen Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber, dem Bauern, stehen, einem Verhältnis, das auf einer fast bargeldlosen gegenseitigen Dienstleistung beruht. Ein großer Teil des Emslandes, und zwar 75.000 Hektar, sind heute noch mit Moor und Heide bedeckt.
Die Bodenverhältnisse dieses unkultivierten Oedlandes und die Wohnungszustände in den Behausungen der kleinen ländlichen Besitzer und der Heuerleute der Oeffentlichkeit vor Augen zu führen, war der Zweck einer zweitägigen Besichtigungsreise, die auf Veranlassung der Industrie- und Handelskammer zu Osnabrück stattfand und an der mit dem Oberpräsidenten Noske, dem Osnabrücker Regierungspräsidenten Dr. Sonnenschein und den Landräten der fünf Emslandkreise eine Anzahl Vertreter der großen deutschen Presse teilnahm. Diese Besichtigungsfahrt führte von Osnabrück aus durch die Kreise Hümmling, Aschendorf, Meppen, Lingen und Bentheim. Sie führte auch in das benachbarte Holland hinein und zerstörte in erschreckender Weise die hier und da zutage getretene Auffassung, daß es sich bei den vorher in Wort und Lichtbild der Presse gegebenen Erklärungen zum Teil doch um etwas Schwarzmalerei gehandelt haben könnte. Tatsächlich haben wohl nur die wenigsten Teilnehmer dieser Fahrt in dieser äußersten Nordwestecke des Reiches Zustände vermutet, wie man sie jenseits unserer Ostgrenze in verluderten polnischen Dörfern findet. Die Wohnungsverhältnisse der Kleinbauern und Heuerlinge spotten vielfach selbst den primitivsten hygienischen Anforderungen und können ohne Uebertreibung nur als menschenunwürdig bezeichnet werden. Die Leute leben zum Teil in Häusern, die ihnen über dem Kopfe zusammenzustürzen drohen, deren mit Heidekraut gedeckte Dächer an vielen Stellen eingesunken sind und Wind und Regen ungehindert Zutritt gewähren. Wie die Berichte der Ortspolizeibehörden besagen, sind im Emsland rund 3500 Familien unzureichend untergebracht. Dieses „unzureichend“ ist ein sehr milde gewählter Ausdruck für diese jämmerlichen Hütten, deren besonders hervorstechendes Merkmal die sogenannten Butzen sind, eingebaute niedrige Schlafschränke ohne Zugangsmöglichkeit für Luft und Licht, die gegebenen Brutstätten für die im Emsland stark verbreitete Tuberkulose. In einem Heuerlingshause, das besichtigt wurde, schlafen in zwei solchen engen Butzen die Eltern, zwei Söhne im Alter von 19 und 15 Jahren und sechs Töchter im Alter von 21 Jahren bis herab zu einem drei Monate alten Säugling. Im Kreise Aschendorf zählt man noch heute 747 Häuser mit 1599 solcher Butzen, im Kreise Bentheim noch über 800. Die örtlichen Behörden sind ernstlich bemüht, diese Seuchenherde zu beseitigen. Für die Entfernung dieser Butzen und ihrer Ersetzung durch Bettstellen werden vom Kreise, von den Gemeinden und der Landesversicherungsanstalt Prämien von 100 Mark ausgesetzt. Wie gerechtfertigt diese Notstandsmaßnahme ist, zeigen die Zahlen der tödlich verlaufenen Tuberkulosefälle: allein im Kreise Meppen kamen 1925 auf 10.000 Einwohner 15 Tuberkulose-Tote, während die Durchschnittszahl in Preußen 10,93 auf 10.000 Einwohner beträgt. Es ist vielleicht begreiflich, daß eine unter solchen Verhältnissen aufgewachsene Bevölkerung abgestumpft und gleichgültig gegenüber Verbesserungen ihrer Lebenshaltung ist und von sich aus kaum etwas tun würde, um diese unwürdigen Zustände durch bessere zu ersetzen. Aber die führenden und verantwortlichen Stellen, vor allem der tatkräftige Osnabrücker Regierungspräsident, vertreten mit vollem Recht den Standpunkt, daß man aus hygienischen wie aus kulturellen Gründen dieser in körperlicher und geistiger Beziehung gegenüber den Nachbargebieten erheblich zurückgebliebenen Bevölkerung Wohltaten und Verbesserungen einfach aufzwingen müsse.
Was auf die Wohnungsverhältnisse Im Emsland zutrifft, das gilt auch von der Ernährungsweise der Bevölkerung, von der mangelhaften landwirtschaftlichen Erschließung dieser endlos erscheinenden weiten Flächen, von Straßenbau und Wasserwirtschaft, wie auch von den Verkehrsverhältnissen im allgemeinen: überall ein Tiefstand, wie man ihm kaum anderwärts in Deutschland begegnet.
Die Ernährungsweise der ländlichen Bevölkerung ist außerordentlich armselig, das tägliche Gericht sind für weite Kreise Kartoffeln und Brei. Die in den Wohnräumen von den morschen Deckenbalken herabhängenden Speckseiten können darüber nicht hinwegtäuschen; sie stellen den Fettnahrungsbedarf einer Familie für das ganze Jahr dar. Die Lebenshaltung liegt, namentlich bei den Kleinbauern und Heuerlingen, tief unter dem Durchschnitt der übrigen deutschen Bevölkerung. Der Boden, soweit er nicht dem Moore abgerungen werden muß, besteht größtenteils aus stark sandigen oder lehmigen Grünländereien, deren Anbauwert durch den seit Jahrhunderten immer wiederholten einseitigen Roggenanbau noch verschlechtert worden ist und unter Aufwendung erheblicher Arbeit und Geldmittel, besonders für künstliche Düngung, langsam behoben werden kann. Nicht weniger ungünstig sind die wasserwirtschaftlichen Verhältnisse des Emslandes. Nicht nur die Ems, sondern auch die übrigen kleineren Wasserläufe befinden sich zum großen Teil noch in ungeregeltem Zustande. Dadurch, daß die vorhandenen Entwässerungsgräben die großen Wassermengen aus dem regenreichen Gebiet nicht entfernt aufnehmen und ableiten können, ereignen sich im Frühjahr und Herbst häufig große Ueberschwemmungen, die oft den völligen Verlust der Grünfutterernte zur Folge haben.
Nun die Verkehrsverhältnisse: Schon aus der Lage des Emslandes zwischen fremden, zum Teil fremdstaatlichen Verwaltungsbezirken ergeben sich in verkehrspolitischer Hinsicht große Mißstände. Da die infolge der ungünstigen Bodenverhältnisse leistungsschwachen Gemeinden keine größeren Mittel für den Bau von Straßen aufwenden konnten, sind im Emsland heute noch 112 Gemeinden ohne befestige Straßen und können die nächste Landstraße nur auf Sand- und Moorwegen erreichen, die bei Regenwetter völlig unpassierbar sind, wovon sich die Teilnehmer an der Besichtigungsfahrt durch eigenen Augenschein überzeugen konnten. Es ist vorgekommen, daß Verstorbene wochenlang in ihrer Wohnung liegen bleiben mußten, da der Zustand der Wege es unmöglich machte, sie nach einem Friedhof zu bringen. Ganz besonders übel sieht es in dieser Beziehung im Kreise Hümmling aus, der weder eine Bahnstation noch auch nur einen Kilometer Provinzialstraße aufzuweisen hat. Im Kreise Meppen sind noch 46 Prozent aller Gemeinden ohne jeden Anschluß an eine befestigte Straße. Zu allen diesen Uebeln tritt die Ungunst der an sich milden klimatischen Verhältnisse. Selbst in den wärmsten Sommermonaten begünstigen die Moor- und Sandböden das Auftreten von Nachtfrösten, so daß kaum ein Monat des Jahres vollkommen frostfrei bleibt.
Wenn man den Fuß über die holländische Grenze setzt, dann offenbart sich erst in geradezu beschämender Weise die Vernachlässigung des deutschen Emslandes. Gewiß mag die größere Bevölkerungsdichte auf der holländischen Seite dazu beigetragen haben, daß man dort früher mit der Urbarmachung des Landes, mit dem Bau von Kanälen und befestigten Straßen begonnen hat, zu deren Seiten schmucke und vom Wohlstand der Bewohner zeugende Siedlungen entstanden sind. Das Bourtanger Moor, das sich vom Emsland aus weit in holländisches Gebiet erstreckt, ist jenseits der deutschen Grenze restlos kultiviert, während es auf deutscher Seite eine melancholisch stimmende, düstere Einöde ist, der nur hier und dort menschliche Unternehmungslust Ackerland abgerungen hat. Man braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, daß erst kürzlich eine deutschgegnerische holländische Zeitung das böse Wort geprägt hat, daß jenseits der holländischen Grenze die Kultur aufhöre. Ueberflüssig ist es auch, die Schuldfrage für die trostlosen Verhältnisse in den Moorgebieten des Emslandes aufzurollen. Generationen und wechselnde Landesoberhoheiten sind mit dafür verantwortlich, daß dieses von Natur aus arme Land wirtschaftlich nicht so erschlossen worden ist, wie es hätte geschehen können. So ist es zwecklos, in die Vergangenheit zu schauen, aber dringend notwendig, sich ein Bild von den gegenwärtigen Zuständen im Emsland zu machen und dann sich darüber klar zu werden, daß es dort in naher Zukunft anders werden muß. Wie es im Emslande aussieht, haben wir hier, ohne auf die traurigsten Einzelheiten einzugehen, in großen Strichen geschildert. Was geschehen muß, um diesem deutschen Lande und seinen Bewohnern Hilfe in der Not zu bringen, soll in einem weiteren Artikel gesagt werden.
Franz Kunzendorf
Quelle: Deutsche Allgemeine Zeitung, Morgenausgabe, 5. Mai 1929, S. 5. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/5OOVTO5O5FLDXONRJWUSUMZQFG5MVQTU?issuepage=5