Kurzbeschreibung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Curt Riess (1902-1993) war in den 1920er Jahren ein produktiver Korrespondent, Theaterkritiker und Autor und verkehrte in denselben kulturellen Kreisen wie die führenden Berliner Kulturschaffenden jener Zeit, darunter der Dramatiker und Drehbuchautor Carl Zuckmayer und der Schriftsteller Erich Maria Remarque, der 1929 mit Im Westen nichts Neues einen internationalen Bestseller veröffentlichte. In diesem rückblickenden Text beschreibt Riess den Werdegang der Schriftstellerin Vicki Baum, die im Laufe ihres Lebens über 50 Bücher veröffentlichte und in den späten 1920er Jahren mit den Romanen Stud. chem. Helene Willfüer (1928) und Menschen im Hotel (1929), das in Hollywood verfilmt wurde, einige ihrer größten Erfolge erzielte. Baums Karriere war außergewöhnlich, aber, wie Riess bemerkte, vielleicht auch typisch für das, was im Berlin der 1920er Jahre möglich war, zumindest wenn man das Talent, die Verbindungen und den Ehrgeiz Vicki Baums hatte. Ihr Werk prägte das Bild der „Neuen Frau“, so wie Baum selbst ein Beispiel für die energische Unabhängigkeit der „Neuen Frau“ war.

Curt Riess über die „Neue Frau“ Vicki Baum (Rückblick, 1990)

Quelle

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Die Erfolge, die Carl Zuckmayer beim Theater einbrachte, wurden Vicki Baum und Erich Maria Remarque in der erzählenden Literatur zuteil. Auch sie gehörten meinem Freundes- und Bekanntenkreis an – und auch ihre Karriere war typisch für das, was in den zwanziger Jahren in Berlin möglich war.

Vicki Baum war Österreicherin, sogar waschechte Wienerin. Von Beruf Harfenistin. Und als solche sehr geschätzt, sogar von Arthur Nikisch, bis zu seinem Tod im Jahre 1922 Dirigent der Berliner Philharmoniker, der sie immer kommen ließ, wenn er irgendwo „Carmen“ dirigierte, wo im Vorspiel zum dritten Akt die Harfe eine dominierende Rolle spielt. Vicki heiratete einen jungen Ungarn, der Journalist war, Korrespondent irgendwelcher ausländischer Zeitungen, aber sehr oft so viel trank, daß er seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. ln solchen Fällen übernahm die junge Ehefrau die Arbeit, und sie machte sie offenbar so gut, daß die betreffenden Zeitungen sich wunderten, warum der sonst recht mittelmäßige Journalist plötzlich ins Schwarze traf.

Dann, eben wegen der chronischen Trunkenheit, Scheidung und neue Heirat, diesmal mit dem Dirigenten Hans Lert, dem sie nach Darmstadt und dann nach Hannover folgte. Lert, ein ungewöhnlich gut aussehender Mann, hatte ungewöhnlichen Erfolg bei Frauen – oder wie die sachliche Vicki es mir gegenüber einmal erklärte: „Ein Generalmusikdirektor hat eben ein Verhältnis mit der Hochdramatischen!“

Aber schließlich wurde es ihr doch zu bunt, immer nur in ihrer Harfenecke zu sitzen. Konnte sie etwa nichts als Harfe spielen? Konnte sie nicht auch schreiben? Sie versuchte es und schrieb einen Roman über das, was sich hinter der Bühne eines Theaters abspielte. Sie schickte das Manuskript ohne viel Hoffnung an den Ullstein-Verlag in Berlin und bekam postwendend Bescheid, man würde es drucken!

Der Roman wurde ein riesiger Erfolg, brachte ihr finanziell so gut wie nichts ein, da die Honorare von der Inflation aufgefressen wurden. Nach der „Stabilisierung“ fragte sie beim Ullstein-Verlag deshalb an, ob man sie vielleicht brauchen könne. Sie habe allerlei anzubieten, sie könnte ausgezeichnet kochen und Kochrezepte schreiben, sie sei eine begabte Zeichnerin, auch in Sachen Mode. Sie könnte auch Kreuzworträtsel erfinden. Und auch diesmal reagierte Ullstein prompt positiv. Sie möge sich in Berlin einfinden.

Sie wurde in einen Raum im dritten Stock des Ullstein-Hauses geführt, wie sie mir haarklein erzählt hat. Dort fanden sich alle Großen des Verlags ein, des Buchverlags, des Zeitschriftenverlags, des Zeitungsverlags, was immer Ullstein an Prominenz aufzubieten hatte. Nur: Vicki wußte es nicht. Aber schon erklärte Hermann Ullstein, der Leiter der Zeitschriftenabteilung, man würde sich freuen, sie zu engagieren. Nur solle sie sich keine übertriebenen Vorstellungen machen, was den Verdienst angehe.

Vicki hatte an etwa 800 Mark gedacht. Aber bevor sie ihren Wunsch aussprach, fuhr Hermann Ullstein fort: „Wir bieten Ihnen für den Anfang 6000 pro Monat.“ Als Redakteurin der Dame, einer sehr eleganten Frauenzeitschrift; selbstverständlich könne sie auch weiterhin Romane schreiben, und die würden natürlich extra bezahlt.

Und so wurde sie Redakteurin und Romanautorin zugleich. Die Berliner Illustrirte druckte ihre Geschichten zu enormen Honoraren vorab, der Verlag brachte sie dann als Buch heraus. Und alle, alle erzielten astronomische Auflagen, mit dem Erfolg, daß Vicki viel, viel mehr verdiente als ihr Mann, der, ihren Spuren folgend, an der Berliner Staatsoper tätig wurde. Sie war nicht mehr die Harfenistin in der Ecke.

Die meisten ihrer Romane wurden verfilmt, in Deutschland oder Frankreich. Am erfolgreichsten wurde gegen Ende der zwanziger Jahre Menschen im Hotel. Der Roman, der bereits die ohnehin hohe Auflage der Berliner Illustrirten noch weiter hochgetrieben hatte, wurde, noch bevor er auf englisch im amerikanischen Verlag Doubleday and Doran erschien, von Hollywood angekauft; und brachte Vicki eine Einladung nach Hollywood ein.

In Amerika wurde ihr klar, was aus deutschen Zeitungen damals noch nicht so klar zu erkennen war: daß Hitler im Anmarsch war. Aus Hollywood nach Berlin zurückgekehrt, erklärte sie ihrem Mann und ihren beiden Söhnen, die Familie müsse in die USA auswandern. Der Familie war es recht. Die Ullsteins protestierten, konnten Vickis Entschluß aber nicht ändern.

Da gerade von den Ullsteins die Rede ist, sei noch auf ein weiteres Phänomen jener Tage hingewiesen. Bücher, auch die bei Ullstein, kosteten durchschnittlich 2,50 bis 3 Mark. Eines Tages – ich meine, schon vor dem Krieg – entschloß man sich im Hause Ullstein, billigere Bücher herauszugeben. Das „Ullstein-Buch“ für eine Mark entstand: Vorläufer des später in Amerika erfundenen pocket-book. Damals eine Sensation.

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Quelle: Curt Riess, „Weltbühne Berlin: Der Film, das Kabarett, der Bubikopf – Blitzlichter aus der ‚unzensierten‘ Reichshauptstadt“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 52–53.