Quelle
„Herr der Schöpfung!“
(Vor Aufgehen des Vorhangs. Letzte Kontroverse im
Parkett.)
Sie: ...
nein, mein Lieber, es gibt keinen „Adam in der Vollendung“!
Vergleichen Sie einmal: Paris, Petronius, Ovid, Tristan, Romeo,
Walter von der Vogelweide, Don Juan Casanova – sie wandelten sich
in: Dandies, Snobs, Gents,
Ladieskillers, kurzum in
vauriens. Was für ein Rückzug,
welch traurige
Perspektive!
Er: Nicht
gleich so heftig und vorwurfsvoll! Kritik bedingt stichfeste
Begründung. Eva als Staatsanwalt – allzu strenge Richterin unserer
Schwächen – eigenmächtige Herrscherin
...
Sie: Absolut
ungewollt, gar nicht eigenmächtig. Da „er“ nicht mehr wollte,
griff „sie“ eben zum
Zepter.
Er: Wie
beweisen Sie das?
Sie:
Ein Blick in die Welt
genügt!
Er: Vielleicht
ging alter Glanz zum Teufel, zugegeben. Doch wir nähern uns
bereits neuen Grenzen. Mißachtete Kultur droht mit unserem
Bankrott. Verabsäumtes wird nachgeholt, seien Sie überzeugt. Ihr
Frauen gingt zwar voraus, leichtfüßig und erfolgreich – wir folgen
noch bedächtig, aber bewußt, bekehrt und fest entschlossen, euch
zu überflügeln, die ihr dem Ziel bedenklich nahegerückt
...
Sie (ihn
unterbrechend): Unser sehnlichster Wunsch ist: zurück zum „Herrn
der Schöpfung“, wie die Natur es befiehlt. Aber ich fürchte, alles
Gesagte sind nur Worte, Begriffe, Erwartungen – geben Sie sich
ruhig geschlagen!
(Klingelzeichen, es wird
dunkel.)
Er (schnell):
Geduld, meine Schöne, die Handlung beginnt, „der vollendete Adam“
in der Gestalt unserer Tage liegt vor Ihnen aufgerollt – ist in
Ihre Hand gegeben – – – da, urteilen Sie selbst!
(Der Vorhang
hebt sich.)
Tyrann und Pantoffelheld.
Das ewige Klagelied von der Unterdrückung der Geschlechter – eine Temperamentsangelegenheit oder Gewohnheitssache, und letzten Endes eine Geldfrage – unser tägliches Brot!
Nun, wo „sie“ längst nicht einmal mehr die Höschen anhat – wenn
auch oft „die Hosen“ – und als freiwilligen Verzicht sich der
langen Haare entäußerte, ohne damit ihre geheimnisvolle
Simsonkraft einzubüßen, ist Mr. Adam unversehens in die
Verteidigungsstellung gedrängt worden, der er sich nur durch
heftigen Gegenangriff entziehen
kann.
Dialog der
Zeit
Max (am
Telephon): ... auch für dich habe ich gleich eine Karte genommen,
wir können dann hinterher noch einen kleinen
„trip“
machen.
Moritz:
Ausgeschlossen! Meine Frau ist seit gestern zurück
–
Max: Nun wenn schon,
einmal wirst du doch auch ohne sie
...
Moritz: Ich bin
Egoist genug, um mir die gräßlichen Szenen zu ersparen
–
Max: Armer Sklave,
zeig' doch endlich einmal,
wer Herr im Hause
ist!
Moritz: Tu nur
nicht so, das bist du ja auch nicht –
„tempi passati“ ... Eine
gänzlich verfehlte Moral! Im Zeichen der Parlamente kann nur das
Gleichgewicht der Macht gewinnen. Im Innendienst: die Frau, im
Daseinskrieg: der Mann. Daher hat er die Verantwortung als Kapitän
und die verdammte Pflicht, bis zuletzt den richtigen Kurs zu
steuern.
Quintessenz:
Handgreiflichkeiten
und Wortgefechte überlassen wir den Raubrittern. Ein Menü kann nie
Mittelpunkt der Debatte werden, ein Seidenkleid nur, wenn es die
Finanzen gefährdet. Als Gegendienst wird der mitternächtliche
„drink an der Tanzbar“ auch bei
Fernsein der Gefährtin zugebilligt, sofern er nicht ostentative
Vernachlässigung in sich birgt. Als vollendeter Kavalier wird er
ihr, aus freien Stücken, die lila Lederpantöffelchen auf den
kleinen Fuß streifen, der aus dem Spalt der Badezimmertür
herauslugt ...
Schön oder häßlich?
Douglas Fairbanks und Harry Liedtke, Valentino oder Menjou haben nichts gemein mit den Idealgestalten einer hellenischen Epoche, die über eine apollinische Vollendung des Menschen in tranceartige Verzückung geraten konnte. Der Film hat dem Begriff „schöner Mann“ restlos die Daseinsberechtigung geraubt und mit dem Teufelswerk der Technik ein Klischee für die Wunschfiguren der Menge geliefert.
Der Geschmack ist individuell geworden. „Jede“ kann sich den „Ihren“ auserwählen. Allein „schön“ zieht nicht mehr – wie der Volksmund typisch prägt: „er muß so etwas haben“, dann ist er richtig!
Welch Privileg der Zeit – welche Annehmlichkeit und Entlastung! Mit leicht gekrümmter Nase, nicht geradem Mund, breiter Oberlippe, ungleichen Schultern, mit nicht ganz einwandfreier Figur kann man dennoch zum Idol unseres „Heute“ aufsteigen, in Übereinstimmung mit Körper, Auftreten, Gesinnung als begehrtes Vorbild des starken Geschlechtes hingestellt werden.
Die blendende Maske ist überholt. Wenn es auch nicht immer „der Geist“ sein kann, „der sich den Körper baut“ – so soll das Temperament und Wesen des einzelnen der Äußerlichkeit eine besondere Note geben, die über „schön“ oder „häßlich“ erhaben ist.
Die Frau hat es schwerer! An ihre Körperlichkeit wird größerer Anspruch gestellt – aus „dem häßlichen Entlein“ kann nicht über Nacht ein „Goldfasan“ werden, aber der sich selbst erkennende Mann ist in der Lage, mit minimaler Retusche – als „Phönix aus der Asche“ zu steigen!
Casanova, wo bist du?
Gestehen wir es offen: Der Mann von heute ist weniger anziehend als früher! Ist vom Mann die Rede, muß man bei der Frau beginnen. Die Frau hat den Mann überflügelt. Zweifelsohne. Ganz gleichgültig, ob sie Drohne oder Arbeitsbiene, ist die äußere Schale ungemein reizvoll und beim Gesamtdurchschnitt fabelhaft verbessert. Ein Blick in die Restaurants, Theater, Kinos, auf die Sportplätze und Kurpromenaden erhärtet diese schon allbekannte Tatsache. Nicht mehr Zobelpelz und Scheckbuch allein entscheiden im Reich der Frau – auch die kleine Verkäuferin und die graziöse „Daktylo“ fügen sich dem eleganten Bild ein und könnten mitunter sogar zu Vorbildern werden.
Hingegen der Mann! ... Wo bleibt der Fortschrittsgeist des „Herrlichsten von allen“? Trotz Sport und Aufklärung, trotz Modekunst und Ästhetik überwiegt das Unharmonische, drängen sich der Spitzbauch, das unrasierte Gesicht, die unsaubere Manschette, der ungepflegte Anzug in den Vordergrund.
Euer Einwand der ermangelnden Zeit, des fehlenden Geldes hält nicht stand – gleiches Recht gilt auch für die arbeitstätige Weiblichkeit, deren Mehrzahl adrett, sauber, korrekt angezogen, sich die Zeit nimmt, die Erscheinung zu pflegen.
Auch ihr könnt darauf nicht verzichten, glaubt es mir, ganz gleichgültig, ob ihr euch Ernährer, Freund, Gatte oder Vater nennt!
Das berühmte „Wir haben es nicht nötig“ bleibt ein Armutszeugnis des Mannes und verkennt die Tatsache. Es kann doch kein angenehmes Gefühl sein, nur eines amerikanischen Sechszylinders, einer Luxuswohnung oder guter Beziehungen wegen – in den Kauf genommen zu werden! Euer Gegenangriff: „Unsere Zeit ist nun mal so, die Frauen wollen es nicht anders, belustigen sich über tagelanges Schmachten und Werben – darum gibt es für uns nur: Es klappt oder es klappt nicht – man findet jederzeit andere, die es mit Freuden klappen lassen!“
O mißverstandene Sachlichkeit! Auch die fortschrittlichste Frau von heute braucht Illusionen, will umworben werden und als Persönlichkeit gewertet sein. Sie sagt es nicht – vielleicht, um nicht materielle Einbuße zu erleiden oder mit dem Herzen bei einer Sache hängen zu bleiben, die von der andern Seite nur als Amüsement betrachtet wurde. Aber verlaßt euch drauf, die sachlich behandelte Frau, mag es ihr noch so gut gehen, mißachtet leicht die Warnung: „Du sollst keine andern Götter haben neben mir ...“
Die wirklich vorhandene Arbeitsüberlastung und gegenüber früheren Zeiten nervenaufreibende Betätigung einer gehetzten Epoche will ich nicht einmal zu den Dubiosen rechnen, sondern euch voll gutschreiben, und verstehen, daß der Mann für „Othellospielen“ und Liebeslyrik die Kraft oft nicht mehr aufbringen kann. Fragt aber einmal die Frauen eurer Umwelt, wen sie vorziehen – den Mann, der trotz fehlenden Reichtums Beweise wahrer Kameradschaft, liebevoller Aufmerksamkeit, aufrichtiger Achtung und zartsinnigen Geschmack häuft und dabei doch innerhalb seiner Grenzen auf sein Äußeres zu jeder Stunde bedacht ist – oder die Möglichkeit, an Hand sachlich eingestellter, nicht unvermögender Kavaliere in gelegentlicher Abwechslung der Gegenparts die Annehmlichkeiten des Lebens mitzunehmen.
Fragt sie einmal alle, die mondänen Evas, deren frivole Gespräche mitunter bürgerliche Sehnsüchte verdecken wollen – sie wollen doch den Mann, der erst wirbt, um erhört zu werden, nach einem „chevalier, sans peur et sans reproche“, der auch auf die Psyche eingeht und nicht nur zum Blumenhändler geht, um für fünf Mark „irgendwelche Blüten“ zu kaufen. Ihm wird mit Freude mehr Freiheit gelassen, ein Nebenflirt nichtübel vermerkt. Was sein soll? Kurzgesagt: der Casanova up to date, der abseits von Treue oder Untreue ein Meister der Illusionen verbleibt, mit liebenswürdiger Vollendung die psychischen und physischen Register spielen läßt.
[…]
Also doch: „Herr der Schöpfung!“
(Beim Nachhausegehen.)
Sie: ... also gut – ich will nicht
mehr mit der Vergangenheit liebäugeln, Vergleiche mit einem Paris,
Tristan oder Casanova ziehen –; ich erkläre mich mit dem Manne des
zwanzigsten Jahrhunderts solidarisch – mit seiner Mentalität
konform.
Er: Sie haben eingesehen – herrlich –
Sie: Sie
aber auch – ein Blick auf und hinter die Kulissen genügte, euer
Spiegelbild mißfiel euch selbst – eure Schwächen – ohne aus der
Schule plaudern zu wollen – waren zu offensichtlich –
Er: Wir
verwandeln sie endlich in Stärken –
Sie: – denen wir uns
allzu gern beugen. Trotz Kameradschaftlichkeit und ehrlichem
Nebeneinander haben wir wieder Herzklopfen und kalte Hände, wenn
ihr den Nelkenstrauß achtlos beiseite legt und uns in die Arme
nehmt! – Wir sind trotz Überkultur und „100-Kilometer-Tempo“,
trotz intellektueller Einstellung und nicht wegzuleugnender
Dekadenz wieder ganz Eva – aber in zeitgemäßer Hülle – wieder
absolut Frau, Mutter und Geliebte – auf dem Wege „zurück zur
Natur!“
Er: Der Pakt ist geschlossen – der Friedensvertrag
des „Garten Eden“ unterzeichnet – wir haben uns oft verloren, aber
neu gefunden – nun gehen wir gemeinsam – die Ergänzung der Frau,
ihr Halt und ihr Schutz, ihre Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart –
alles in einer Person – im sogenannten – „vollendeten Adam!“
Quelle: Paula von Reznicek und Burghard von Reznicek, Der vollendete Adam. Das Herrenbrevier. Stuttgart: Dieck & Co., 1928, S. 9-18, 174. Online verfügbar unter: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Reznicek,+Paula+und+Burghard+von/Der+vollendete+Adam.+Das+Herrenbrevier