Kurzbeschreibung

Paula Heimann wurde 1895 als Tochter einer Breslauer Bankiersfamilie mit jüdischen Vorfahren geboren, wuchs im katholischen Glauben auf, diente während des Ersten Weltkriegs als Krankenschwester und heiratete Anfang der 1920er Jahre Burghard, wahrscheinlich angezogen von seinem Interesse am Tennis und seinem aristokratischen Stammbaum. Burghard, der 1896 geboren und später vom zweiten Ehemann seiner Mutter, dem Wiener Komponisten und Baron Emil Nikolaus von Reznicek, adoptiert wurde, arbeitete später als Tennisjournalist und Autor von Büchern über den Sport. Paula und Burghard von Reznicek veröffentlichten 1928 das Buch Der vollendete Adam als heiteren Kommentar dazu, wie die sich rasch verändernden Geschlechterrollen in der Gesellschaft neue Erwartungen an die soziale Interaktion und die Selbstdarstellung von Männern und Frauen mit sich brachten. Es erschien im selben Jahr wie Paula von Rezniceks Solowerk über die moderne Frau, Auferstehung der Dame, und die beiden Bücher behandelten ähnliche Themen (siehe die Auszüge aus Auferstehung der Dame, ebenfalls in diesem GHDI-Band).

Der vollendete Adam beginnt mit einem Gespräch zwischen einem theaterbesuchenden Paar, in dem die Frau den gegenwärtigen Zustand der Männlichkeit beklagt. Ihr männlicher Partner entgegnete, dass das Drama, das sie sich gleich ansehen würden, ein neues männliches Ideal, „den vollendeten Adam“, präsentieren würde, und der Rest des Buches spielt sich in einer Reihe von „Szenen“ aus diesem Drama ab und endet mit einem weiteren kurzen Gespräch zwischen dem Paar, als sie das Theater verlassen. Diese Rahmenhandlung – ein inszeniertes Drama über die Beziehung zwischen den Geschlechtern innerhalb eines Buches zum selben Thema – ermutigte die Leser/innen von Anfang an, Geschlecht als ein Konzept zu betrachten, das kritisiert und verändert werden darf. Gleichzeitig zeichnete der Text aber auch oft ein komplizierteres Bild. Aufrufe zur Gleichberechtigung und „Kameradschaft“ zwischen Männern und Frauen standen im Widerspruch zu Passagen, die eine „natürliche“ Rollenverteilung zwischen den beiden implizierten, eine Teilung, die in der metaphorischen Verwendung von Adam, Eva und dem biblischen Eden impliziert war. Auch bei der Beschreibung der sich wandelnden Beziehungen zwischen den Geschlechtern setzten die Autoren eine Reihe militärischer Metaphern ein, wobei sie in den Kapiteln immer wieder auf Schlachten, Machtverhältnisse, Flankenmanöver und Gegenangriffe verwiesen und auf der letzten Seite einen Friedensvertrag ankündigten. Die Bestimmungen dieses „Vertrags“, so suggeriert das Buch, bekräftigten eine Wertschätzung der angeblichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie eine Anerkennung ihrer Gleichheit. Es forderte zudem eine Art Wiederverzauberung des romantischen Werbens – eine Rückkehr zur Illusion und zu bestimmten traditionellen Ritualen – im Gegensatz zur mechanistischen „Sachlichkeit“, die angeblich in den vorausgegangenen Jahren das Liebesleben bestimmt hatte.

Das Buch stellte eine Karikatur der sich wandelnden Geschlechterordnung im Weimarer Deutschland dar, und die folgenden Auszüge zeigen einige der prominenten Stereotypen, die diesen Wandel umgaben, sowie einige der Ängste, die er hervorgerufen hatte. Die Auszüge offenbaren auch die eindeutige Klassenzuordnung des Buches hinsichtlich seines Zielpublikums – das Werk sprach ein Publikum aus der oberen Mittelschicht an, das belesen war und dem gelegentliche französische oder italienische Ausdrücke vertraut waren. Es ging auch davon aus, dass die Paarbeziehung, insbesondere die heterosexuelle Paarbeziehung, das zentrale Ziel dieses Publikums blieb, ungeachtet des Aufkommens einer sichtbaren LGBTQ-Subkultur und eines prominenten Diskurses über das Singledasein, insbesondere in Bezug auf unabhängige Frauen (siehe z. B. die Auszüge aus den Tagebüchern von Käthe Kollwitz).

Paula und Burghard von Reznicek ließen sich kurz nach Erscheinen des Buches scheiden. Paula, die talentiertere und ehrgeizigere der beiden, verfasste zahlreiche weitere Bücher, schrieb für verschiedene Zeitschriften und gewann mehrere nationale und internationale Tennistitel.

Paula und Burghard von Reznicek, Der vollendete Adam (1928)

Quelle

„Herr der Schöpfung!“

(Vor Aufgehen des Vorhangs. Letzte Kontroverse im Parkett.)
Sie: ... nein, mein Lieber, es gibt keinen „Adam in der Vollendung“! Vergleichen Sie einmal: Paris, Petronius, Ovid, Tristan, Romeo, Walter von der Vogelweide, Don Juan Casanova – sie wandelten sich in: Dandies, Snobs, Gents, Ladieskillers, kurzum in vauriens. Was für ein Rückzug, welch traurige Perspektive!
Er: Nicht gleich so heftig und vorwurfsvoll! Kritik bedingt stichfeste Begründung. Eva als Staatsanwalt – allzu strenge Richterin unserer Schwächen – eigenmächtige Herrscherin ...
Sie: Absolut ungewollt, gar nicht eigenmächtig. Da „er“ nicht mehr wollte, griff „sie“ eben zum Zepter.
Er: Wie beweisen Sie das?
Sie: Ein Blick in die Welt genügt!
Er: Vielleicht ging alter Glanz zum Teufel, zugegeben. Doch wir nähern uns bereits neuen Grenzen. Mißachtete Kultur droht mit unserem Bankrott. Verabsäumtes wird nachgeholt, seien Sie überzeugt. Ihr Frauen gingt zwar voraus, leichtfüßig und erfolgreich – wir folgen noch bedächtig, aber bewußt, bekehrt und fest entschlossen, euch zu überflügeln, die ihr dem Ziel bedenklich nahegerückt ...
Sie (ihn unterbrechend): Unser sehnlichster Wunsch ist: zurück zum „Herrn der Schöpfung“, wie die Natur es befiehlt. Aber ich fürchte, alles Gesagte sind nur Worte, Begriffe, Erwartungen – geben Sie sich ruhig geschlagen!
(Klingelzeichen, es wird dunkel.)
Er (schnell): Geduld, meine Schöne, die Handlung beginnt, „der vollendete Adam“ in der Gestalt unserer Tage liegt vor Ihnen aufgerollt – ist in Ihre Hand gegeben – – – da, urteilen Sie selbst!
(Der Vorhang hebt sich.)

Tyrann und Pantoffelheld.

Das ewige Klagelied von der Unterdrückung der Geschlechter – eine Temperamentsangelegenheit oder Gewohnheitssache, und letzten Endes eine Geldfrage – unser tägliches Brot!

Nun, wo „sie“ längst nicht einmal mehr die Höschen anhat – wenn auch oft „die Hosen“ – und als freiwilligen Verzicht sich der langen Haare entäußerte, ohne damit ihre geheimnisvolle Simsonkraft einzubüßen, ist Mr. Adam unversehens in die Verteidigungsstellung gedrängt worden, der er sich nur durch heftigen Gegenangriff entziehen kann.
Dialog der Zeit
Max (am Telephon): ... auch für dich habe ich gleich eine Karte genommen, wir können dann hinterher noch einen kleinen „trip“ machen.
Moritz: Ausgeschlossen! Meine Frau ist seit gestern zurück –
Max: Nun wenn schon, einmal wirst du doch auch ohne sie ...
Moritz: Ich bin Egoist genug, um mir die gräßlichen Szenen zu ersparen –
Max: Armer Sklave, zeig' doch endlich einmal, wer Herr im Hause ist!
Moritz: Tu nur nicht so, das bist du ja auch nicht – „tempi passati“ ... Eine gänzlich verfehlte Moral! Im Zeichen der Parlamente kann nur das Gleichgewicht der Macht gewinnen. Im Innendienst: die Frau, im Daseinskrieg: der Mann. Daher hat er die Verantwortung als Kapitän und die verdammte Pflicht, bis zuletzt den richtigen Kurs zu steuern.
Quintessenz:
Handgreiflichkeiten und Wortgefechte überlassen wir den Raubrittern. Ein Menü kann nie Mittelpunkt der Debatte werden, ein Seidenkleid nur, wenn es die Finanzen gefährdet. Als Gegendienst wird der mitternächtliche „drink an der Tanzbar“ auch bei Fernsein der Gefährtin zugebilligt, sofern er nicht ostentative Vernachlässigung in sich birgt. Als vollendeter Kavalier wird er ihr, aus freien Stücken, die lila Lederpantöffelchen auf den kleinen Fuß streifen, der aus dem Spalt der Badezimmertür herauslugt ...

Schön oder häßlich?

Douglas Fairbanks und Harry Liedtke, Valentino oder Menjou haben nichts gemein mit den Idealgestalten einer hellenischen Epoche, die über eine apollinische Vollendung des Menschen in tranceartige Verzückung geraten konnte. Der Film hat dem Begriff „schöner Mann“ restlos die Daseinsberechtigung geraubt und mit dem Teufelswerk der Technik ein Klischee für die Wunschfiguren der Menge geliefert.

Der Geschmack ist individuell geworden. „Jede“ kann sich den „Ihren“ auserwählen. Allein „schön“ zieht nicht mehr – wie der Volksmund typisch prägt: „er muß so etwas haben“, dann ist er richtig!

Welch Privileg der Zeit – welche Annehmlichkeit und Entlastung! Mit leicht gekrümmter Nase, nicht geradem Mund, breiter Oberlippe, ungleichen Schultern, mit nicht ganz einwandfreier Figur kann man dennoch zum Idol unseres „Heute“ aufsteigen, in Übereinstimmung mit Körper, Auftreten, Gesinnung als begehrtes Vorbild des starken Geschlechtes hingestellt werden.

Die blendende Maske ist überholt. Wenn es auch nicht immer „der Geist“ sein kann, „der sich den Körper baut“ – so soll das Temperament und Wesen des einzelnen der Äußerlichkeit eine besondere Note geben, die über „schön“ oder „häßlich“ erhaben ist.

Die Frau hat es schwerer! An ihre Körperlichkeit wird größerer Anspruch gestellt – aus „dem häßlichen Entlein“ kann nicht über Nacht ein „Goldfasan“ werden, aber der sich selbst erkennende Mann ist in der Lage, mit minimaler Retusche – als „Phönix aus der Asche“ zu steigen!

Casanova, wo bist du?

Gestehen wir es offen: Der Mann von heute ist weniger anziehend als früher! Ist vom Mann die Rede, muß man bei der Frau beginnen. Die Frau hat den Mann überflügelt. Zweifelsohne. Ganz gleichgültig, ob sie Drohne oder Arbeitsbiene, ist die äußere Schale ungemein reizvoll und beim Gesamtdurchschnitt fabelhaft verbessert. Ein Blick in die Restaurants, Theater, Kinos, auf die Sportplätze und Kurpromenaden erhärtet diese schon allbekannte Tatsache. Nicht mehr Zobelpelz und Scheckbuch allein entscheiden im Reich der Frau – auch die kleine Verkäuferin und die graziöse „Daktylo“ fügen sich dem eleganten Bild ein und könnten mitunter sogar zu Vorbildern werden.

Hingegen der Mann! ... Wo bleibt der Fortschrittsgeist des „Herrlichsten von allen“? Trotz Sport und Aufklärung, trotz Modekunst und Ästhetik überwiegt das Unharmonische, drängen sich der Spitzbauch, das unrasierte Gesicht, die unsaubere Manschette, der ungepflegte Anzug in den Vordergrund.

Euer Einwand der ermangelnden Zeit, des fehlenden Geldes hält nicht stand – gleiches Recht gilt auch für die arbeitstätige Weiblichkeit, deren Mehrzahl adrett, sauber, korrekt angezogen, sich die Zeit nimmt, die Erscheinung zu pflegen.

Auch ihr könnt darauf nicht verzichten, glaubt es mir, ganz gleichgültig, ob ihr euch Ernährer, Freund, Gatte oder Vater nennt!

Das berühmte „Wir haben es nicht nötig“ bleibt ein Armutszeugnis des Mannes und verkennt die Tatsache. Es kann doch kein angenehmes Gefühl sein, nur eines amerikanischen Sechszylinders, einer Luxuswohnung oder guter Beziehungen wegen – in den Kauf genommen zu werden! Euer Gegenangriff: „Unsere Zeit ist nun mal so, die Frauen wollen es nicht anders, belustigen sich über tagelanges Schmachten und Werben – darum gibt es für uns nur: Es klappt oder es klappt nicht – man findet jederzeit andere, die es mit Freuden klappen lassen!“

O mißverstandene Sachlichkeit! Auch die fortschrittlichste Frau von heute braucht Illusionen, will umworben werden und als Persönlichkeit gewertet sein. Sie sagt es nicht – vielleicht, um nicht materielle Einbuße zu erleiden oder mit dem Herzen bei einer Sache hängen zu bleiben, die von der andern Seite nur als Amüsement betrachtet wurde. Aber verlaßt euch drauf, die sachlich behandelte Frau, mag es ihr noch so gut gehen, mißachtet leicht die Warnung: „Du sollst keine andern Götter haben neben mir ...“

Die wirklich vorhandene Arbeitsüberlastung und gegenüber früheren Zeiten nervenaufreibende Betätigung einer gehetzten Epoche will ich nicht einmal zu den Dubiosen rechnen, sondern euch voll gutschreiben, und verstehen, daß der Mann für „Othellospielen“ und Liebeslyrik die Kraft oft nicht mehr aufbringen kann. Fragt aber einmal die Frauen eurer Umwelt, wen sie vorziehen – den Mann, der trotz fehlenden Reichtums Beweise wahrer Kameradschaft, liebevoller Aufmerksamkeit, aufrichtiger Achtung und zartsinnigen Geschmack häuft und dabei doch innerhalb seiner Grenzen auf sein Äußeres zu jeder Stunde bedacht ist – oder die Möglichkeit, an Hand sachlich eingestellter, nicht unvermögender Kavaliere in gelegentlicher Abwechslung der Gegenparts die Annehmlichkeiten des Lebens mitzunehmen.

Fragt sie einmal alle, die mondänen Evas, deren frivole Gespräche mitunter bürgerliche Sehnsüchte verdecken wollen – sie wollen doch den Mann, der erst wirbt, um erhört zu werden, nach einem „chevalier, sans peur et sans reproche“, der auch auf die Psyche eingeht und nicht nur zum Blumenhändler geht, um für fünf Mark „irgendwelche Blüten“ zu kaufen. Ihm wird mit Freude mehr Freiheit gelassen, ein Nebenflirt nichtübel vermerkt. Was sein soll? Kurzgesagt: der Casanova up to date, der abseits von Treue oder Untreue ein Meister der Illusionen verbleibt, mit liebenswürdiger Vollendung die psychischen und physischen Register spielen läßt.

[]

Also doch: „Herr der Schöpfung!“

(Beim Nachhausegehen.)
Sie: ... also gut – ich will nicht mehr mit der Vergangenheit liebäugeln, Vergleiche mit einem Paris, Tristan oder Casanova ziehen –; ich erkläre mich mit dem Manne des zwanzigsten Jahrhunderts solidarisch – mit seiner Mentalität konform.
Er: Sie haben eingesehen – herrlich –
Sie: Sie aber auch – ein Blick auf und hinter die Kulissen genügte, euer Spiegelbild mißfiel euch selbst – eure Schwächen – ohne aus der Schule plaudern zu wollen – waren zu offensichtlich –
Er: Wir verwandeln sie endlich in Stärken –
Sie: – denen wir uns allzu gern beugen. Trotz Kameradschaftlichkeit und ehrlichem Nebeneinander haben wir wieder Herzklopfen und kalte Hände, wenn ihr den Nelkenstrauß achtlos beiseite legt und uns in die Arme nehmt! – Wir sind trotz Überkultur und „100-Kilometer-Tempo“, trotz intellektueller Einstellung und nicht wegzuleugnender Dekadenz wieder ganz Eva – aber in zeitgemäßer Hülle – wieder absolut Frau, Mutter und Geliebte – auf dem Wege „zurück zur Natur!“
Er: Der Pakt ist geschlossen – der Friedensvertrag des „Garten Eden“ unterzeichnet – wir haben uns oft verloren, aber neu gefunden – nun gehen wir gemeinsam – die Ergänzung der Frau, ihr Halt und ihr Schutz, ihre Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart – alles in einer Person – im sogenannten – „vollendeten Adam!“

Quelle: Paula von Reznicek und Burghard von Reznicek, Der vollendete Adam. Das Herrenbrevier. Stuttgart: Dieck & Co., 1928, S. 9-18, 174. Online verfügbar unter: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Reznicek,+Paula+und+Burghard+von/Der+vollendete+Adam.+Das+Herrenbrevier