Kurzbeschreibung

Am 7. Dezember 1924 fanden erneut Reichstagswahlen statt, die zweiten Wahlen in jenem Jahr. Die ersten Wahlen hatten im Mai 1924 stattgefunden, doch nachdem politische Unstimmigkeiten innerhalb der Minderheitsregierung unter Reichskanzler Wilhelm Marx die Regierung zu stürzen drohten, löste der Reichspräsident den Reichstag auf, und es wurden Neuwahlen im Dezember angesetzt. Dieser Artikel, der zweit Tage vor der Wahl am 5. Dezember 1924 in der Deutschen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde, appelliert an Hausfrauen und Mütter, sich an der Wahl zu beteiligen und mit ihrer Stimme die Zukunft Deutschlands zu gestalten. Seit der Einführung des neuen Wahlgesetzes durch den Rat der Volksbeauftragten am 30. November 1918 hatten Frauen über 20 Jahre erstmals das aktive und passive Wahlrecht. Zeitgenössische Auszählungen der Stimmen nach Geschlecht zeigten jedoch, dass die Wahlbeteiligung der Frauen geringer war als die der Männer. Frauen stimmten insgesamt eher für gemäßigte und christliche Parteien wie die katholische Zentrumspartei und die DNVP, aber auch für die SPD, die sich am stärksten für das Frauenwahlrecht eingesetzt hatte.

Die Deutsche Allgemeine Zeitung, die seit 1861 in Berlin erschien, hatte während der Bismarck-Ära als inoffizielle Regierungszeitung gedient und war auch in den folgenden Jahren eher konservativ ausgerichtet. 1920 wurde die Zeitung von Hugo Stinnes gekauft, einem der einflussreichsten deutschen Industriellen und Abgeordneten der nationalliberalen DVP. Der Tenor dieses Artikels, dessen Verfasser nicht genannt wird, ist ein Beleg für die zunehmend konservative Politik der Zeitung in dieser Zeit.

„Hausfrauen an die Wahlurne“ (5. Dezember 1924)

Quelle

Hausfrauen, wißt Ihr, daß die größere Hälfte der deutschen Wähler aus Frauen besteht?

Wißt Ihr, daß Ihr es seid, die letzten Endes das Ergebnis des Wahlkampfes entscheiden?

Ihr ersehnt eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse, ein Ende der Wohnungsnot, Herabsetzung der Lebensmittelpreise. Ihr wünscht, daß Eure Kinder einen geregelten Schulunterricht erhalten, daß sie zu Ordnung und Sitte erzogen werden. Ihr wünscht, daß Eure Männer vom Abbau verschont bleiben, daß Euch keine neuen Steuerlasten auferlegt werden.

Das kann sich nur verwirklichen, wenn die nationalen bürgerlichen Parteien neu gestärkt aus dem Wahlkampf hervorgehen, wenn die Vertreter des Internationalismus und des Klassenkampfes überwunden werden.

Jede von Euch muß dazu beitragen.

Keine Pflicht ist am 7. Dezember wichtiger als der Gang zur Wahlurne.

Glaubt nicht, Ihr wäret am Wahlsonntage in Eurem Haushalt unentbehrlich! Glaubt nicht, daß Ihr am eigenen Herde stehen und Eure Suppe kochen müsst, während die Wahlurne leer bleibt, weil die Zettel der Hausfrauen darin fehlen!

Glaubt nicht, daß Ihr Eure Kinder hüten müsst, während das Vaterland zugrunde geht, weil Ihr keine Hand rührt, um es zu retten!

Ihr könnt die Sonntagssuppe schon am Sonnabend vorbereiten und sie Sonntags aufwärmen. Ihr könnt eine Freundin oder Verwandte bitten, Euch eine Stunde lang bei den Kindern zu ersetzen.

Wenn Ihr es ernstlich wollt, kann jede von Euch sich freimachen.

Ihr könnt noch mehr tun. Ihr könnt Eure Stütze, Eure Mieterin, Eure Freundinnen und Verwandten überreden, ihre Wahlpflicht zu erfüllen. Ihr könnt Eure erwachsenen Kinder davon überzeugen, daß sie den Weg ins Wahllokal nicht scheuen dürfen.

Deutsche Hausfrauen und Mütter! Wißt Ihr, wie groß Euer Einfluß ist?

Wißt Ihr, daß Ihr die Verantwortung tragt, wenn das stimmberechtigte Bürgertum sich am 7. Dezember seiner Wahlpflicht entzieht?

Hausfrauen, geht alle den Weg zur Wahlurne und nehmt mit, die Euch nahestehen. Von Euch hängt der Ausgang des Wahlkampfes ab!

Quelle: „Hausfrauen an die Wahlurne“, in Deutsche Allgemeine Zeitung, 5. Dezember 1924. Online verfügbar unter: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/2807323X/