Quelle
1. Im letzten Wannseezug.
Uns wird geschrieben:
Fahre ich da vorgestern abend – am 5. Jahrestag der Verfassung – mit dem letzten Zuge der Wannseebahn nach Hause. In unser Abteil steigen zwei junge vergnügte Menschen, die offensichtlich von einer Volksverfassungsfeier kommen. Die junge Dame hat einen bei der Verlosung gewonnenen Teddybär im Arm, dem sie kokett einen Strauß weißer Nelken und eine kleine schwarz-rot-goldene Papierfahne in die dicken Pfoten gedrückt hat.
Der blonde Begleiter verläßt in Friedenau den Zug mit kameradschaftlichem Abschied.
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzt, stößt das Gegenüber der Dame an die schwarz-rot-goldene Fahne, ohne „Verzeihung“ zu sagen. Ein prüfender Blick sucht zu erforschen, ob die Berührung Zufall oder Absicht war. Eine Minute später stößt der – wie ich jetzt erst bemerkte – Hakenkreuzgeschmückte zum zweiten Male, diesmal offenbar absichtlich, an die Fahne. Zwei blaue Augen blitzen ihn so herausfordernd an, daß ihm die Worte entfallen: „Verfl….. Judenfahne!“
„Sie – Volksgenosse –“, sagt die Republikanerin mit bewundernswerter Sicherheit und Ruhe, –sehen Sie sich vor, daß ich Ihnen nicht die Judenfahne und ein Paar Republikanerfäuste so um die Ohren und Ihre Mörderabzeichen schlage, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht!“
Der Hakenkreuzjüngling zuckt zusammen, wie wenn ihm nicht eine zarte Schöne gegenüber, sondern in der Tat ein Paar Republikanerfäuste im Nacken säßen. Er sagt keinen Ton und verläßt in Steglitz fluchtartig das Abteil.
Als unser Zug schon weiterrollt, steht er noch ganz verdattert auf dem Bahnsteig; er scheint also nicht in Steglitz zu wohnen. Dann hat er wohl in der Nacht zu Fuß nach Hause pilgern müssen, denn es war, wie gesagt, der letzte Zug.
Ein Lichterfelder.
Quelle: Vossische Zeitung Nr. 382, 13. August 1924.
2. Republikanische Abwehr.
Berlin W., 14. August.
An die Redaktion der „Vossischen Zeitung“.
In ihrer Morgenausgabe vom 13. August brachte die „Vossische Zeitung“ eine Zuschrift, in der über die Abwehr eines Angriffs von Hakenkreuz-Seite auf eine von den Verfassungsfeiern heimkehrende Dame berichtet wurde. Ich bekenne mich schuldig, dieses energische Mädchen zu sein, und ich fühle mich verpflichtet, an dieser Stelle dem Herrn Einsender für seine durchaus wahrheitsgetreue und objektive Darstellung zu danken. Und ich möchte nicht verfehlen, im Anschluß an mein Erlebnis hier der Oeffentlichkeit einige Bemerkungen zu unterbreiten, die mir im Hinblick auf derartige antirepublikanische Anpöbelungen erforderlich erscheinen.
Es wird im republikanischen Lager meines Erachtens viel zu wenig der Umstand beachtet, daß im allgemeinen die Tapferkeit unstreitig die weitaus schwächste Seite der Völkischen und Monarchisten ist. Dort ist man stark und energisch gewöhnlich nur in Rudeln und größeren Massen. Der einzelne Gegner der Republik pflegt feige und weich zu sein. Daß er sich zu Anrempelungen und Provokationen hinreißen läßt, liegt zumeist daran, daß er auf der Gegenseite keinerlei Widerstand erwartet. Der Hakenkreuzler glaubt eben – und dies vor allem in einer Umgebung, die dem Milieu eines Wannseebahnkupees zweiter Klasse entspricht –, stets Unterstützung und Gesinnungsgenossen zu finden.
Bei energischer Abwehr aber wird der Gegner fast regelmäßig kneifen. An dieser realen Erfahrung gilt es für alle republikanisch Gesinnten zu lernen. Ein paar Beispiele mögen verdeutlichen, wie der Republikaner sich zu wehren hat. Fährt da neulich ein Bekannter von mir oben auf dem Verdeck eines Autobusses, bewehrt mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne. Steht ein Jungdo-Jüngling auf, geziert mit dem Abzeichen der politischen Sextaner, dem Hakenkreuz. Erblickt die Flagge, dreht sich wütend um und schickt sich an, darauf – sit venia verbo – zu spucken. Mein Gewährsmann faßt daraufhin lediglich den Burschen fest ins Auge und – seinen Spazierstock fester. Dem Angreifer blieb alles Uebrige im Halse stecken – blitzschnell wendet er sich und verläßt eiligen und sichtlich beschwingten Schrittes das Verdeck, um von dem in voller fahrt befindlichen Wagen im Nu abzuspringen. Heil!
Und noch ein anderes. Ein mir ebenfalls befreundeter Angehöriger der Republikanischen Frontkämpfertruppe – die dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold nahesteht – fährt im Eisenbahnabteil mit einigen jüngeren Herren zusammen. Die betrachten mit Erstaunen seine Uniform, beginnen etwas von „Stahlhelm-Ersatz“, „Papphelm“ und „Strohhelm“ zu murmeln; plötzlich erhebt sich der eine und beginnt: „Lieber Volksgenosse, ich sehe, Sie sind Mitglied einer jüdischen Organisation. Hier haben Sie ein echt deutsches Blatt. Lesen Sie es und unterrichten Sie sich, wohin Sie als guter Deutscher gehören“— und reicht meinem Freund die Zeitung – Knüppel-Kunzes[1] herüber. Darauf dieser mit ernster Miene: „Sehr liebenswürdig.“ Greift in die Tasche, holt einen Zeitungsausschnitt hervor und drückt ihn dem Verwunderten in die treudeutschen Hände. Die so Bedachten vertiefen sich neugierig in das Blatt – die Gesichter werden immer länger – sie erheben sich und verlassen fluchtartig das Kupee. Man hatte ihnen nämlich den bekannten Bericht des Badearztes Posener übergeben, in dem dieser die Rettung Kunzes aus „Seenot“ beschreibt…
Milly Zirker.
Anmerkungen
Quelle: Vossische Zeitung Nr. 390, 17. August 1924.