Kurzbeschreibung

Der deutsch-schweizerische Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) wurde in den 1920er und 1930er Jahren vor allem durch seine Prosawerke Demian (1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlicht), Siddhartha (1922), Der Steppenwolf (1927) und Narziß und Goldmund (1930) bekannt. 1946 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. In seinen Werken nimmt die Suche des Menschen nach Selbsterkenntnis, Authentizität und Spiritualität häufig eine zentrale motivische Rolle ein. Dieser Essay erschien zuerst 1926 in der Novemberausgabe der Zeitschrift Uhu. Der Uhu war ein anspruchsvolles Massenmagazin, das von 1924 bis 1934 monatlich im Berliner Ullstein-Verlag erschien. Hesses gesellschaftskritischer Text, der einen Zusammenhang zwischen Industrialisierung und Sittenverfall herstellt, lässt die Einflüsse der Lebensreform-Bewegung auf sein Denken erkennen.

Hermann Hesse, „Die Sehnsucht unserer Zeit nach einer Weltanschauung“ (1926)

  • Hermann Hesse

Quelle

Die Sehnsucht unserer Zeit nach einer Weltanschauung

Dem innerhalb weniger Jahrzehnte vollkommen verwandelten und umgestalteten Bild der Erdoberfläche, den ungeheuren Veränderungen, welche jede Stadt, jede Landschaft der Welt seit der vollzogenen Industrialisierung aufweist, entspricht ein gleicher Umschwung in den Seelen und im Denken der Menschen. Die Jahre seit dem Ausbruch des Weltkrieges haben diese Entwicklung beschleunigt, so daß man ohne Übertreibung schon heute den Tod und Abbau jener Kultur feststellen kann, in welche wir Älteren einst als Kinder hinein erzogen wurden und die uns damals ewig und unzerstörbar erschien. Hat auch der Mensch selbst sich nicht verändert (er kann dies ebensowenig innerhalb zweier Generationen, wie irgendeine Tierart dies könnte), so haben doch die Ideale und Fiktionen, die Wunsch- und Traumbilder, die Mythologien und Theorien, unter deren Herrschaft unser geistiges Leben steht, sich in dieser Zeit ganz und gar verändert. Unersetzliches ist verlorengegangen und für immer zerstört, unerhört Neues wird an dessen Stelle geträumt.

Zerstört und verlorengegangen sind für den größeren Teil der zivilisierten Welt vor allem die beiden Fundamente aller Lebensordnung, Kultur und Sittlichkeit: die Religion und die Sitte. Das Letztere wird jeder ruhige Beobachter ohne weiteres zugeben. Es fehlt unserm Leben durchgehend an Sitte, an einer traditionell überkommenen, geheiligten, ungeschriebenen Übereinkunft über das, was zwischen Menschen schicklich und geziemend sei. Ist auch die Hauptursache dieses Verlustes im Rückgang der bisherigen Religionsformen, in der Zerstörung der Autorität der Kirchen zu suchen, so haben doch auch rein äußere Veränderungen im Leben daran großen Anteil, vor allem die Mechanisierung des Lebens und der menschlichen Arbeit durch die Technik. Der Fabrikarbeiter kann unmöglich die Sitte seiner bäuerlichen Vorfahren bewahren, darüber ist kein Wort zu verlieren.

Man braucht nur irgendeine kleinere Reise zu machen, um am lebendigen Beispiel den Verfall der Sitten beobachten zu können. Überall, wo die Industrialisierung noch in den Anfängen liegt, wo bäuerliche und kleinstädtische Tradition noch stärker sind als die modernen Verkehrs- und Arbeitsformen, da ist auch Einfluß und Machtgefühl der Kirchen noch wesentlich stärker, und an allen diesen Orten treffen wir mehr oder minder unzerstört auch das noch an, was man einst Sitte nannte. In solchen „rückständigen“ Gegenden findet man noch Formen des Umgangs, des Grußes, der Unterhaltung, der gesellschaftlichen Stufung, der Feste, der Spiele, welche dem modernen Leben längst verlorengegangen sind. Als schwachen Ersatz für die verlorene Sitte hat der moderne Durchschnittsmensch die Mode. Sie gibt ihm, von Saison zu Saison wechselnd, die unentbehrlichsten Vorschriften für das gesellige Leben, wirft ihm die erforderlichen Modeausdrücke, Schlagworte, Tänze, Melodien zu – besser als nichts, doch immerhin lauter vergängliche Tageswerte. Kein Volksspiel mehr, sondern die modische Unterhaltung der Saison. Kein Volkslied mehr, sondern der Schlager des letzten Monats.

Was nun für die äußere Lebensgestaltung die Sitte ist, die erfreuliche und bequeme Führung durch eine Tradition und Konvention, das ist für die tieferen menschlichen Bedürfnisse die Religion und Philosophie. Der Mensch hat nicht bloß das Bedürfnis, in Brauch und Sitte, in Kleidung und Unterhaltung, Sport und Konversation durch eine gültige, vorbildliche Form, durch irgendein Ideal – sei es auch bloß das Eintagsideal einer Mode – regiert und geführt zu werden. Er hat in den tieferen Schichten seines Wesens auch das Bedürfnis, seinem ganzen Tun und Treiben, seinem Dasein, seinem Leben und Sterbenmüssen einen Sinn gesetzt zu sehen, er verlangt danach, sein Tun und Streben nicht nur durch die augenblickliche Nützlichkeit geregelt, sondern auch durch eine höhere Sinngebung gerechtfertigt, durch ein hohes Ideal geheiligt und angespornt zu sehen. Dies religiöse oder metaphysische Bedürfnis, so alt und so wichtig wie das Bedürfnis nach Essen, nach Liebe, nach Obdach, wird in ruhigen, kulturell gesicherten Zeiten durch die Kirchen und durch Systeme führender Denker befriedigt. In Zeiten wie der heutigen zeigt sich sowohl den überkommenen religiösen Bekenntnissen wie auch den Gelehrten-Philosophien gegenüber eine allgemeine Ungeduld und Enttäuschung; die Nachfrage nach neuen Formulierungen, neuer Sinngebung, neuen Symbolen, neuen Begründungen ist unendlich groß.

In diesem Zeichen steht das Geistesleben unserer Zeit: Schwächung der überkommenen Systeme, wildes Suchen nach neuen Deutungen des Menschenlebens, Aufblühen zahlloser gutbesuchter Sekten, Propheten, Gemeinschaftsgründer, feistes Gedeihen des tollsten Aberglaubens. Denn auch der ungeistige, oberflächliche, dem Denken abgeneigte Mensch noch hat jenes uralte Bedürfnis, einen Sinn seines Lebens zu kennen, und wenn er keinen mehr findet, verfällt die Sitte, und das Privatleben steht unter dem Zeichen wildgesteigerter Selbstsucht und gesteigerter Todesangst. Alle diese Zeichen der Zeit lassen sich für den, der sehen will, in jedem Sanatorium, in jedem Irrenhaus, im Material, das jeder Tag jedem Psychoanalytiker zuträgt, deutlich ablesen.

Aber unser Leben ist ein nie unterbrochenes Gewebe von Auf und Ab, Niedergang und Neubildung, Verfall und Auferstehung, und so stehen all den düsteren und kläglichen Zeichen eines Zerfalles unserer Kultur andere, hellere Zeichen gegenüber, die auf ein neues Erwachen des metaphysischen Bedürfnisses, auf die Bildung einer neuen Geistigkeit, auf ein leidenschaftliches Bemühen um eine neue Sinngebung für unser Leben deuten. Die moderne Dichtung ist voll dieser Zeichen, die moderne Kunst nicht minder. Namentlich aber macht sich das Bedürfnis nach einem Ersatz für die Werte der vergehenden Kultur, nach neuen Formen der Religiosität und Gemeinschaft heftig geltend. Daß es dabei an geschmacklosen und drolligen, auch an gefährlichen und schlechten Ersatzdarbietungen nicht mangelt, ist selbstverständlich. Es wimmelt von Sehern und Gründern, Scharlatane und Kurpfuscher werden mit Heiligen verwechselt; Eitelkeit und Habgier wirft sich auf dies neue, vielversprechende Gebiet – allein diese traurigen oder lächerlichen Nebenerscheinungen dürfen uns nicht täuschen. An sich ist dies Erwachen der Seele, dies wilde Aufflammen einer neuen Gottessehnsucht, dies durch Krieg und Not geschürte Fieber eine Erscheinung von wunderbarer Wucht und Glut, die wir nicht ernst genug nehmen können. Daß neben diesem gewaltigen, durch alle Völker gehenden Seelenstrom der Sehnsucht eine Menge von betriebsamen Unternehmern lauert, die mit Religion Geschäfte machen, darf uns an der Größe, Würde und Wichtigkeit der Bewegung nicht irremachen. In tausend Formen und Abstufungen, vom naiven Geisterglauben bis zur echten philosophischen Spekulation, vom primitiv jahrmarkthaften Religionsersatz bis zur Ahnung wirklich neuer Lebensdeutung wogt der Riesenstrom über die Erde, umfaßt amerikanische Christian Science und englische Theosophie, Mazdaznan und Neu-Sufismus, Steinersche Anthroposophie und hundert ähnliche Bekenntnisse, führt den Grafen Keyserling um die Erde und zu seinen Darmstädter Versuchen, gesellt ihm einen so ernsthaften und wichtigen Mitarbeiter bei wie Richard Wilhelm, läßt daneben ein ganzes Heer von Geisterbeschwörern, Bauernfängern und Spaßmachern entstehen. Ich wage es nicht, die Grenze zwischen noch Diskutierbarem und schon völlig Groteskem zu ziehen. Aber neben den immerhin bezweifelbaren Stiftern moderner Geheim-Orden, Logen und Verbrüderungen, den unerschrockenen Seichtigkeiten amerikanischer Mode-Religionen, den Ahnungslosigkeiten unentwegter Spiritisten stehen andere, stehen hohe und höchste Erscheinungen, stehen wunderbare Leistungen, wie die Neumannsche Übersetzung der heiligen buddhistischen Texte und deren Verbreitung, Richard Wilhelms Übersetzungen der großen Chinesen, steht das große und herrliche Ereignis der plötzlichen Wiederkunft des Laotse, der, durch Jahrhunderte in Europa unbekannt, innerhalb dreier Jahrzehnte in zahllosen Übersetzungen fast in allen europäischen Sprachen erschienen ist und sich des europäischen Denkens bemächtigt hat. So wie im Wirrwarr und ärgerlichen Betrieb der so merkwürdigen deutschen Revolution einige reine, edle, unvergeßliche Gestalten stehen, wie Landauer und Rosa Luxemburg, ebenso stehen inmitten der wilden, trüben Flut moderner Religionsversuche eine Anzahl edler, reiner Erscheinungen, Theologen wie der Schweizer Pfarrer [Leonhard] Ragaz, Gestalten wie der im Alter zum Katholizismus bekehrte Frederik van Eeden, Männer wie in Deutschland der ganz einzigartige Hugo Ball, einst Dramaturg und Hauptbegründer des Dadaismus, dann unerschrockener Kriegsgegner und Kritiker der deutschen Kriegsmentalität, dann Einsiedler und Verfasser des wunderbaren Buches „Byzantinisches Christentum“, und, um die Juden nicht zu vergessen, Martin Buber, der dem modernen Judentum vertiefte Ziele zeigt und uns die Frömmigkeit der Chassidim, eine der liebenswertesten Blüten im Garten der Religionen, in seinen Büchern wiedergeschenkt hat.

„Und nun“, wird mancher Leser fragen, „wohin führt das alles? Was wird das Ergebnis sein, das Endziel? Was haben wir für die Allgemeinheit davon zu erwarten? Hat eine von den neuen Sekten Aussicht darauf, eine neue Weltreligion zu werden? Wird einer der neuen Denker fähig sein, eine neue, großzügige Philosophie aufzustellen?“

Aus manchen Kreisen wird diese Frage heute bejaht. Es herrscht bei manchen Anhängern der neuen Lehren, zumal bei der Jugend, eine frohe, siegesgewisse Jüngerstimmung, als sei unsere Epoche dazu bestimmt, den Heiland zu gebären, der Welt für eine neue Kulturperiode neue Gewißheiten, neuen Glauben, neue sittliche Orientierungen zu geben. Jener schwarzen Untergangsstimmung mancher älteren, enttäuschten Zeitkritiker entspricht als Gegenpol diese Jugendgläubigkeit der Neubekehrten. Und immerhin tönen diese jungen Stimmen angenehmer als jene verdrießlich-alten. Dennoch dürften diese Gläubigen im Irrtum sein.

Es ziemt sich, dem Wollen unserer Zeit, diesem drangvollen Suchen, diesen zum Teil leidenschaftlich-blinden, zum Teil besonnen-kühnen Experimenten mit Ehrfurcht entgegenzukommen. Seien sie auch alle zum Scheitern verurteilt, so sind sie doch eine ernste Bemühung um höchste Ziele, und sollte sogar keine von ihnen diese Zeit überdauern, so erfüllen sie doch für ihre Tage eine unersetzliche Aufgabe. Sie helfen, alle diese Fiktionen, diese Religionsbildungen, diese neuen Glaubenslehren, sie helfen den Menschen zu leben, sie helfen ihm, das schwere, fragwürdige Leben nicht nur ertragen, sondern hoch zu werten und zu heiligen, und wenn sie nichts wären als ein holdes Stimulans oder eine süße Betäubung, so wäre schon dies vielleicht gar nicht so wenig. Sie sind aber mehr, unendlich viel mehr. Sie sind die Schule, durch welche die geistige Elite dieser Zeit hindurchgehen muß. Denn zweierlei Aufgabe hat jede Geistigkeit und Kultur: den Vielen Sicherheit und Antrieb zu geben, sie zu trösten, ihrem Leben einen Sinn zu unterlegen – und dann die zweite, geheimnisvollere, nicht minder wichtige Aufgabe: den Wenigen, den großen Geistern von morgen und übermorgen, das Aufwachsen zu ermöglichen, ihren Anfängen Schutz und Pflege zu leihen, ihnen Luft zum Atmen zu geben.

Die Geistigkeit unserer Zeit ist von der, welche wir Älteren einst als Erbe antraten, unendlich verschieden. Sie ist turbulenter, wilder, traditionsärmer, sie ist schlechter geschult und hat wenig Methode – aber alles in allem ist gewiß diese heutige Geistigkeit, samt ihrem starken Hang zum Mystischen, um nichts schlechter als die besser erzogene, gelehrtere Geistigkeit jener Zeit, in welcher der altgewordene Liberalismus und der junge Monismus die führenden Richtungen waren. Mir persönlich, so muß ich bekennen, ist sogar die Geistigkeit der heute führenden Strömungen, von Steiner bis zu Keyserling, noch um einige Grade zu rationell, zu wenig kühn, zu wenig bereit, ins Chaos, in die Unterwelt einzutreten und dort bei Fausts „Müttern“ die ersehnte Geheimlehre vom neuen Menschentum zu erlauschen. Keiner der heutigen Führer, so klug oder so begeistert sie seien, hat den Umfang und die Bedeutsamkeit Nietzsches, dessen wahre Erben zu werden wir noch nicht verstanden haben. Die tausend einander durchkreuzenden Stimmen und Wege unserer Zeit aber zeigen ein wertvolles Gemeinsames: eine gespannte Sehnsucht, einen aus Not geborenen Willen zur Hingabe. Und die sind Vorbedingungen alles Großen.

Quelle: Hermann Hesse, „Sehnsucht unser Zeit nach einer Weltanschauung“, Uhu 2 (1926), S. 3–14; abgedruckt in Hermann Hesse: Betrachtungen und Berichte I 1899–1926. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2003, S. 479–84. Online verfügbar unter: http://digital.slub-dresden.de/id358216435-19260200