Quelle
Die erotische Revolution
Soziale Gegensätze, wie sie schroffer nie gewesen sind, bitterste Wohnungsnot, die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten durch die Geldentwertung, Haß zwischen Rassen und Nationen, der Kampf Deutschlands um seine Existenz, soziale Umschichtung, Steuerprobleme, kapitalistische Behauptungswünsche und das Bestreben der unteren Schichten, die Erfolge, die sie errungen haben, nicht zu verlieren, nebenbei gewaltige technische Fortschritte — das sind die Dinge, die die Welt beschäftigen, die Zeitungen füllen, im Mittelpunkt aller Diskussionen stehen. Bei näherer Betrachtung nur Augenblicksprobleme, nur Dinge für morgen und übermorgen, unwesentlich gegenüber den Ewigkeitsfragen, von denen die Gestaltung der Menschheit, das Glück der Kommenden abhängt.
So sehr verwirren und betäuben uns aber diese Sorgen des Tages, diese kleinen und großen Sensationen, daß wir gar nicht wissen und fühlen, wie wir inmitten der gewaltigen und entscheidendsten Revolution aller Zeiten leben, wie sich ohne Führer und Tendenz, ohne Aufgebot von Machtmitteln und Demagogie unaufhaltsam eine Revolution vollzieht, die mehr als jede politische das Leben der kommenden Generationen verändern muß.
Es ist dies: die erotische Revolution!
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Seit dem Sieg des Christentums sind in Europa alle jene Institutionen, die mittelbar oder unmittelbar mit sexuellen Fragen zusammenhängen, stabil und unabänderlich geblieben. Grundprinzip: Die erotischen Triebe haben sich auf die Einehe zu beschränken. Der erwachsene Mann hat eine Gefährtin zu wählen, die mit ihm untrennbar bis zum Tode erotisch verbunden ist. Mit dieser Wahlgefährtin muß er seine erotische Lust befriedigen, mit ihr Kinder zeugen, mit ihr welken, unfruchtbar werden und sterben. Jeder Schritt aus diesem Grundprinzip hinaus ist mehr oder weniger strafbar, wird mit sozialer Ächtung geahndet, ist in seinen Konsequenzen fluchbeladen. Ehebruch ist ein Verbrechen, das uneheliche Kind ein verdammtes, das Mädchen, das sich ohne Ehe einem Mann hingibt, eine Verworfene, wenn es aus bitterer Not sich verkauft, eine Dirne, die außerhalb des Gesetzes steht, rechtlos ist.
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Das Grundprinzip: „die Erotik ist Sache der Ehe“, ist von Männern geschaffen worden, berücksichtigt die Frau überhaupt nicht. Die Frau ist einfach Objekt, ist Sache, die geheiratet wird, steht bis zur Heirat unter der Hörigkeit der Eltern, dann des Mannes. Ist ihr erotischer Trieb stärker als der ihres Mannes, so muß sie psychisch und physisch zugrunde gehen, bekommt sie keinen Ehemann, so muß sie auf jede erotische Betätigung verzichten und verwandelt sich in ein abscheuliches, verdorrtes Wesen, das man als alte Jungfrau mit Hohn und Spott dafür bestraft, daß es das von den Männern aufgestellte Grundprinzip befolgt hat, statt es zu umgehen. Umgeht sie es aber offensichtlich, so hört sie auf, Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein, wird zur Dirne, die man bespeien und verfolgen darf. Nur die heimliche Umgehung des Grundprinzips ist gestattet. Wie überhaupt in erotischen Dingen nur Heuchelei, Lüge und Betrug gestattet sind, wie überhaupt das ganze öffentliche Leben, soweit es mit sexuellen Fragen zusammenhängt, auf Heuchelei, Lüge und Betrug aufgebaut ist!
Im Wandel der Zeiten ist das Grundprinzip siegreich geblieben und es hat sich am offiziellen Verhältnis von Mann zum Weib fast nichts geändert. Nach wie vor darf nur der Mann die Frau wählen, nicht aber die Frau den Mann, nach wie vor muß sie ihre Erotik auf ihn einstellen, nach wie vor darf der Mann das ledige Mädchen zur Dirne machen, die Dirne aber keinen Anspruch auf Menschenrechte erheben, nach wie vor gibt es für den Mann eine auf Schleichwegen erreichbare freie Liebe, für die Frau aber nur Hörigkeit. Nur eines hat sich geändert und das sehr gründlich: Mit der fortschreitenden kapitalistischen Industrialisierung der Welt wurde die Frau vom Mann aus dem Harem, dem Kemenat, dem Frauenhaus, der Web-, Näh- und Kinderstube hinaus ins Leben geschleppt, in die Fabrik, die Schwitzbude, in das Kontor. Und in unausweichbarer Konsequenz in den Ballsaal, das Kaffeehaus, auf die Straße. Und in weiterer Konsequenz konnte der Frau eine scheinbare Gleichberechtigung nicht versagt werden. Eine scheinbare. Denn wenn die Frau auch reiten, Auto fahren, allein ausgehen und reisen darf, wenn man ihr gestattet Doktor und Abgeordneter zu werden, ihr erlaubt, ja sogar sie dazu zwingt, zu robotten und zu schuften wie der Mann, so bleibt sie doch seine Hörige, ist in ihren köstlichsten und lebenswichtigsten Funktionen von ihm abhängig, wird schuldbeladen und verflucht, wenn sie das Grundprinzip übertritt.
Der Frau geht es heute nicht besser, sondern schlechter als vor hundert Jahren. Damals, in ihrer Zurückgezogenheit, lernte sie sich bescheiden, reagierte als Kindergebärerin ihre Erotik ab. Heute ist sie sexuell aufgepeitscht, kann im Alkoholrausch und Nikotindunst sich stundenlang als Freie bewegen, aber nur bis zu einer eng gezogenen Grenze, einer Grenze, die der Mann aus rein egoistischen Gründen gezogen hat.
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Die Frau ist also zum Arbeitstier geworden, wie es der Mann ist. Ihre sexuelle Freiheit hat sie dadurch nicht erobert. […] Denn das Grundprinzip besteht zu Recht.
Oder bestand zu Recht. Denn die erotische Revolution ist im Gange, läßt sich trotz aller Vogelstrauß-Politik nicht aufhalten. Seit zwei, drei Jahren beginnen sich alle erotischen Begriffe umzuordnen, beginnen die Jungen an dem Grundprinzip zu rütteln. Das arbeitende, produktive Volk hat damit begonnen, legt die Axt an ein uraltes System der Heuchelei und Verlogenheit, zu dessen Errichtung der Name des Heilands mißbraucht wurde. Wer die Augen offen hält, wer nicht so mit Dummheit geschlagen ist, daß er glaubt, Ruhrbesetzung und „Broadcasting“ seien die wichtigsten Dinge der Welt, der kann sehen, wie von Tag zu Tag die erotische Revolution fortschreitet. Die erotische Revolution, die freie, glücklichere Menschen schaffen soll. Denn es ist nun einmal so und kein Mucker kann es ändern, daß alles, was ist, auf Erotik beruht, alles, was schön, gut, lieblich auf Erden, untrennbar mit Erotik verknüpft ist. Die Blume auf der Wiese, der Schmetterling, der sich über ihr schauckelt, das Singen der Vögel, das Zirpen der Grille, das Rauschen der Bäume und das Reifen der Früchte — erotisches Symbol, erotischer Zweck, erotisches Wollen. Der Habgier, der Selbstsucht, der Dummheit und Bösartigkeit von Menschen war es vorbehalten, Gott Eros zum Verbrecher zu stempeln, erotisches Spiel mit Schmutz zu besudeln.
Diese Zeitschrift, die im Zeichen der großen erotischen Revolution entsteht, will mitkämpfen, will offen über Dinge sprechen, an denen der Philister noch immer mit Scheuklappen vorübergeht, wird sich nicht fürchten, die heikelsten, zartesten Probleme des Lebens zu erörtern und wird es sich nicht nehmen lassen, offene Wunden aufzudecken, die die Menschen mit Lüge und Heuchelei verschleiern wollen.
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Quelle: Hugo Bettauer, „Die erotische Revolution“, Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik 1 (1924), S. 1–2.