Quelle
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Der Krieg ging verloren. Was aber das deutsche Gemüt am tiefsten zerrüttete und quälte, war nicht die physische Niederlage, der Ruin, der ungeheure Sturz in staatliches Elend von der Höhe äußerer Macht. Es war eine schrecklichere Beirrung: das Zuschandenwerden seines Glaubens, das ideelle Besiegtsein, der Zusammenbruch seiner Ideologie, die Katastrophe des Kraftzentrums dieser Ideologie, seiner Kulturidee, welche in diesem Kriege mit überwältigt worden war – von der ideellen Gegenwelt, der Welt der demokratischen Zivilisation. Viel zu ernsthaft hatte Deutschland den Krieg auch dialektisch, auch im Ideellen geführt, als daß es ihm nicht entsetzlich ernst hätte sein müssen mit der Auffassung, daß es auch ideell geschlagen sei; und wenn es verzweifelte Versuche machte, die Niederlage zu leugnen und sich selbst beteuerte, es sei „im Felde unbesiegt“, so geschah es, wenn ich recht empfinde, namentlich aus ideologischen Gründen: um zugleich die geistige, ideelle, sozusagen philosophische Niederlage leugnen zu können. Die Gegensätze, die heute Deutschland zerreißen, führen mancherlei Namen und kleiden sich in mancherlei Gestalt. Im Grunde und in der Tiefe sind sie nur einer: der Gegensatz von Trotz und Willensneigung zu versöhnlichem Zugeständnis; die mit bleicher Erbitterung umkämpfte Streitfrage, ob Deutschland auf seinem überlieferten Kulturbegriff beharren oder eine korrigierende, ihn ins Neue hinüberwandelnde Hand daran legen soll. Wir sind zu sehr ein geistiges Volk, als daß wir im Widerstreit von Staatsform und Glauben zu leben vermöchten. Indem es die republikanische Staatsform einführte, war Deutschland nicht „demokratisiert“. Jeder deutsche Konservatismus, jeder Wille die deutsche überlieferte Kulturidee unangetastet zu lassen muß, in politischer Sphäre, die republikanisch-demokratische Staatsform als land- und volksfremd, als unwahr und seelisch wirklichkeitswidrig verwerfen und befehden. Das liegt in der Natur und inneren Konsequenz der Dinge, und ebenfalls liegt darin, daß zur demokratischen Staatsform stehen, an ihre Möglichkeit und Zukunft in Deutschland glauben nur kann, wer die Wandlung der deutschen Kulturidee in weltversöhnlich-demokratischer Richtung für möglich und wünschenswert hält.
Hier ist nun festzustellen, daß die wirklichen, höheren Schwierigkeiten, die sich der „Demokratisierung“ Deutschlands entgegenstellen, im Auslande kaum erkannt, und Versuche, dergleichen ins Werk zu setzen, nur unzureichend gewürdigt werden. Indem man sich über ihr Fehlschlagen wundert und sich dadurch im politischen Mißtrauen bestärken läßt, übersieht man, daß fast alle seelischen Vorbedingungen zu ihrem Gelingen fehlen. Die Bildner und Erzieher deutscher Menschlichkeit, die Luther, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, George waren keine Demokraten – o nein. Wenn man sie draußen ehrt, so überlege man sich, was man tut. Sie waren es, welche die Kulturidee mit großem K schufen, die das Kraftzentrum der deutschen Kriegsideologie bildete. Man applaudiert in Paris den „Meistersingern“. Das heißt die Zusammenhänge verkennen. Nietzsche schrieb über dies Werk: „– Gegen die Zivilisation. Das Deutsche gegen das Französische.“
Das Wort „Kultur“ ist einer Herkunft mit jenem anderen, das sich von ihm nur durch einen Buchstaben der Endung unterscheidet, dem Worte „Kultus“. Beide bedeuten „Pflege“, dieses im Sinne der Verehrung und rituellen Betreuung der religiösen Heilsgüter, jenes in dem einer vom Religiösen gelösten und rein humanen ästhetisch-moralischen Verfeinerung, Veredelung, Steigerung des innerlich Individuellen, welcher man eine mittelbar weltfördernde Wirkung zuschreibt, ohne daß es unmittelbar auf eine solche abgesehen wäre. Eben hierdurch, nämlich durch die Unwillkürlichkeit und persönliche Unvorgesehenheit seiner über- und außerindividuellen Wirkungen, tritt ein Element des Wunderartigen und Mystischen in den Kulturbegriff ein, das seinen religionsnahen Charakter aufs neue deutlich macht. Denn im Verhältnis zum eigentlich Kultischen ist „Kultur“ zwar ein profaner Begriff; zusammengehalten aber mit dem der „Zivilisation“, der gesellschaftlichen Gesittung also, erweist er seinen religiösen, das heißt: seinen wesentlich ungesellschaftlichen, egoistisch-individualistischen Charakter. „Der religiöse Mensch“, sagt Nietzsche, „denkt nur an sich.“ Das heißt: er denkt an seine „Rettung“, sein eignes Seelenheil – und, ursprünglich wenigstens, an nichts weiter, huldigt jedoch unter der Hand und prinzipiell dem Glauben und vertraut der Verheißung, das innere Werk seiner Selbstheiligung werde auf irgendeine mystische Weise „dem Ganzen“ zustatten kommen. Das ist durchaus auch der Fall des Kulturgläubigen.
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Der deutsche Sozialismus, Erfindung eines in Westeuropa erzogenen jüdischen Gesellschaftstheoretikers, ist von deutscher Kulturfrömmigkeit immer als landfremd und volkswidrig, als Teufelei pur sang empfunden und verflucht worden: mit Fug, denn er bedeutet die Zersetzung der kulturellen und anti-gesellschaftlichen Volks- und Gemeinschaftsidee durch die der gesellschaftlichen Klasse. Wirklich ist dieser Zersetzungsprozeß soweit fortgeschritten, daß man den kulturellen Ideenkomplex von Volk und Gemeinschaft heute als bloße Romantik anzusprechen hat und das Leben mit allen seinen Gehalten an Gegenwart und Zukunft ohne allen Zweifel auf Seiten des Sozialismus ist –, dergestalt, daß ein dem Leben zugewandter Sinn – und sei er es auch nur ethisch-willentlich, nicht seinem vielleicht romantisch-todverbundenen Wesen nach – gezwungen ist, es mit ihm und nicht mit der bürgerlichen Kulturpartei zu halten. Der Grund dafür ist, daß, obgleich das Geistige in Gestalt des individualistischen Idealismus ursprünglich mit dem Kulturgedanken verbunden war, während die gesellschaftliche Klassenidee ihre rein ökonomische Herkunft nie verleugnete, diese dennoch weit freundlichere Beziehungen zum Geist unterhält als die bürgerlich volksromantische Gegenseite, deren Konservativismus die Berührung mit dem lebendigen Geist, die Sympathie mit seinen Lebensforderungen, für jedes Auge sichtbar, fast völlig verloren und verlernt hat. Es war an anderer Stelle kürzlich die Rede von jenem krankhaften und gefahrdrohenden Spannungsverhältnis, welches in unserer Welt sich hergestellt hat zwischen dem Geist, dem von den Spitzen der Menschheit eigentlich bereits erreichten und innerlich verwirklichten Erkenntnisstande –, und der materiellen Wirklichkeit, dem, was in ihr noch immer für möglich gehalten wird. Diese beschämende und gefährliche Diskrepanz nach Möglichkeit zu tilgen, legt aber die sozialistische Klasse, die Arbeiterschaft, einen unzweifelhaft besseren und lebendigeren Willen an den Tag als ihr kultureller Widerpart, handle es sich nun um die Gesetzgebung, die Rationalisierung des Staatslebens, die internationale Verfassung Europas oder um was immer. Die sozialistische Klasse ist, in geradem Gegensatz zum kulturellen Volkstum, geistfremd nach ihrer ökonomischen Theorie, aber sie ist geistfreundlich in der Praxis –, und das ist, wie heute alles liegt, das Entscheidende.
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Quelle: Thomas Mann, „Kultur und Sozialismus“ (1927), in Thomas Mann, Essays, Band 3: Ein Appell an die Vernunft 1926–1933, Hrsg. Hermann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 57–63.