Kurzbeschreibung

Nach der jahrelangen radikal antisemitischen Politik und Propaganda des NS-Regimes war die Frage nach der Fortdauer antisemitischer Einstellungen bei den Deutschen von besonderem Interesse. Die Umfrage Ende 1946 in der amerikanischen Zone und in West-Berlin belegt, dass Vorurteile gegen die Juden immer noch weit verbreitet waren. Deutsche mit antisemitischer Einstellung waren weniger gebildet, weniger gut informiert, standen den Alliierten ablehnender gegenüber und hielten den Nationalsozialismus grundsätzlich immer noch für eine gute Idee.

OMGUS-Umfragen: Antisemitismus in der amerikanischen Zone (Dezember 1946)

Quelle

Antisemitismus in der amerikanischen Zone

Befragte: 3006 Personen in der amerikanischen Zone und in West-Berlin.

Untersuchungszeitraum: die letzten beiden Dezemberwochen 1946 (19 Seiten).

Schon in früheren Untersuchungen erwiesen sich Nationalismus und Rassismus als praktische Grundlage für den Antisemitismus. Mit einem Anstieg nationalistischer und rassistischer Ressentiments mehrten sich in der amerikanischen Zone auch die antisemitischen Äußerungen. Die Untersuchung bediente sich einer Guttmann-Skala mit acht Fragen mit einem direkten oder indirekten Bezug zu Einstellungen gegenüber Juden. Es wurde zwischen fünf Gruppen unterschieden: jene mit geringen Vorurteilen (20%), Nationalisten (19%), Rassisten (22%), Antisemiten (21%) und heftige Antisemiten (18%).

Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zeigten ein unterschiedliches Maß an Vorurteilen. Vergleichsweise geringer fielen die Vorurteile in West-Berlin aus, wo 45 Prozent der Befragten als Rassisten, Antisemiten und heftige Antisemiten eingestuft wurden. In den Ländern verzeichnete Bayern die kleinste Gruppe in dieser Kategorie (59%), gefolgt von Hessen (63%) und Württemberg-Baden. Nach der Parteigefolgschaft kategorisiert, gab es unter KPD-Anhängern die wenigsten Rassisten und Antisemiten (43%). Mit höherer Bildung sanken die Vorurteile: In den vorurteilsbelasteten Gruppen fanden sich 63 Prozent Personen mit sieben Jahren Schulbildung im Vergleich zu 48 Prozent mit 12 und mehr Jahren Ausbildung. Angehörige der oberen Mittelschicht oder einer höheren sozioökonomischen Schicht (53%) hatten weniger Vorurteile als andere Bevölkerungsgruppen. Freiberufler hatten weniger Vorurteile (48%) als Angehörige anderer Berufsgruppen. Katholiken (61%) hatten weniger Vorurteile als Protestanten (69%); Personen beider Religionen, die unregelmäßig zur Kirche gingen (60 Prozent Katholiken, 57 Prozent Protestanten), hatten weniger Vorurteile als regelmäßige Kirchgänger. Frauen hatten merklich mehr Vorurteile als Männer: Unter Berücksichtigung ausschließlich arbeitsfähiger Männer und Frauen fielen 50 Prozent der ersteren und 67 Prozent der letzteren in die Kategorie der Rassisten, Antisemiten und überzeugten Antisemiten.

Frustration scheint bei der Herausbildung von Vorurteilen keine Rolle zu spielen. Die am heftigsten antisemitisch eingestellten Gruppen hatten nicht mehr Alltagssorgen als die Gruppe mit den wenigsten Vorurteilen. Ein gewisses Maß an Apathie schien für jene mit stärkeren Vorurteilen bestimmend zu sein. Nur 12 Prozent der überzeugten Antisemiten lasen Zeitschriften und weniger als die Hälfte (46%) hörte Radio. Mit wachsenden Vorurteilen sank der Anteil jener, die wussten, wie die Entnazifizierung vollzogen wurde (von 66 Prozent bei jenen mit weniger Vorurteilen auf 42 Prozent bei den überzeugten Antisemiten), ebenso wie der Anteil jener, die zustimmten, dass Forschungen bewiesen haben, dass die Deutschen Millionen hilfloser Europäer folterten und ermordeten (von 72 auf 41 Prozent).

Mit der Intensität der Vorurteile stieg auch die Kritik an den Alliierten. Bei der Frage, ob die Alliierten die Anzahl und die Art der Industrieanlagen, über die Deutschland in Zukunft verfügen würden, begrenzten sollten, sank der Anteil jener, die diese Politik für gerecht hielten (von 17 Prozent bei jenen mit den wenigsten Vorurteilen auf 5 Prozent bei den überzeugten Antisemiten), obwohl der Anteil jener, die das für ungerecht hielten, einigermaßen konstant blieb (72 bzw. 74 Prozent). Der Anteil der mit der Durchführung der Entnazifizierung Zufriedenen ging von 25 auf 28 Prozent zurück.

Bei den allgemeineren Fragen waren die Unterschiede ausgeprägter. Der Anteil jener, die den Nationalsozialismus eher für eine schlechte Idee denn für eine gute Idee mit schlechter praktischer Umsetzung hielten, sank von 51 Prozent bei jenen mit den geringsten Vorurteilen auf 27 Prozent bei den überzeugten Antisemiten. Ähnlich ging der Anteil jener zurück, die die Besatzung Deutschlands durch fremde Mächte nicht für eine nationale Demütigung hielten, von 67 bei jenen mit den geringsten Vorurteilen auf 43 Prozent bei den überzeugten Antisemiten.

Quelle: A. J. und R. L. Merritt, Public Opinion in Occupied Germany, The OMGUS Surveys, Urbana, IL, 1970, S. 146–48.

Übersetzung: Erica Fisher