Kurzbeschreibung

Otto Schumacher-Hellmold (1912-2006) schrieb für verschiedene westdeutsche Zeitungen über Politik und war Mitbegründer der liberal-demokratischen Partei der Mitte, aus der schließlich die FDP hervorging, die er später als Kommunalpolitiker und Bürgermeister der Stadt Bonn vertrat.

Bonn stand wie der Großteil des Rheinlandes seit dem Ende des Ersten Weltkriegs unter alliierter Besatzung, zunächst durch die Briten und Kanadier und ab Februar 1920 durch die Franzosen. In diesem Textausschnitt erinnert sich Schumacher-Hellmold an die Ressentiments der Bonner Bevölkerung gegenüber den französischen Soldaten sowie an die kleinen Racheakte, die Bürger, darunter er und seine Klassenkameraden, gegen die Besatzungssoldaten und ihre Kinder verübten. Die Zwischenkriegszeit war von antifranzösischer Propaganda geprägt, da man vor allem Frankreich für die harten Bestimmungen des Versailler Vertrages verantwortlich machte.

Auseinandersetzungen mit den französischen Besatzern im Rheinland (Rückblick, 1990)

Quelle

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Größere und kleinere Auseinandersetzungen und Reibereien waren deshalb an der Tagesordnung. So wurde erzählt, ein aus dem Vorgebirge stammender Primaner sei vor der „Lese“ einem Offizier nicht schnell genug aus dem Weg gegangen und von diesem mit dem „Stöckchen“ traktiert worden. Unverzüglich habe „der Junge vom Lande“ dem „arroganten Burschen“ aber eine saftige Ohrfeige verpaßt. Die Offiziersmütze habe auf dem Bürgersteig Purzelbäume geschlagen, begleitet vom höhnischen und schadenfrohen Gelächter zahlreicher Schüler. Bei anderer Gelegenheit hätten Schüler des Gymnasiums vom Schulhof aus mit Steinen auf Offiziere und Pferde, die unten auf dem am Rhein entlangführenden Reitweg vorbeigaloppierten, gezielt, so daß die Pferde sich aufbäumten und durchgingen.

Solche und ähnliche Begebenheiten, bei denen der oder die Täter nicht sofort festgestellt werden konnten, führten wiederholt zur Verhaftung des Gymnasialdirektors. Mehrfach mußten alle Schüler oder die der in Frage kommenden Altersstufe zum Verhör auf dem Schulhof antreten. Da sich in der Regel der Täter nicht meldete, wurde von französischer Seite „Gesichtskontrolle“ durchgeführt—natürlich mit geringem Erfolg.

Die Kinder der Besatzungsfamilien hatten meist den gleichen Schulbeginn wie die deutschen. Häufig begegneten sie uns auf dem Bürgersteig des Belderbergs kurz vor dem Koblenzer Tor in größeren Gruppen, vorne und hinten bewacht von „Poilus“ mit geschultertem Gewehr. Verschwanden wir nicht schnell genug vom Gehweg, wurden wir auf die Straße gescheucht oder gegen die Hauswände gedrängt. Versuchten in solchen Fällen meine Kameraden und ich, „normal“ an Wänden und Schaufenstern vorbeizugehen, waren uns Schubser und Nackenschläge der Bewacher gewiß.

Der nächste Winter kam. Jenseits des Koblenzer Tors, im Hofgarten, entstand eine herrliche Schneelandschaft. Dort veranstalteten wir nach Schulschluß eine Schneeballschlacht, die wir, als die französischen Schüler auftauchten, mit diesen fortsetzten. Und dann schnappten wir uns mit einem Armzug jeweils einen jungen Franzosen, drückten ihm den Kopf hinunter und nahmen mit der freien Hand eine „Waschung“ mit Schnee vor. Das mußte sich innerhalb weniger Sekunden vollziehen, denn auf die Hilferufe der „Gewaschenen“ rannten die Bewacher heran. Sofort warfen wir unsere Ranzen den an den Rangeleien nicht beteiligten Kameraden zu und spurteten Richtung Stockentor/Markt, wohl wissend, daß die Soldaten mit ihren langen Mänteln und Gewehren es schwer hatten, uns sportlich trainierten Jungen zu folgen.

Der Stadtgarten grenzte an den Alten Zoll und lag gegenüber dem Hofgarten, knapp dreißig Meter vom Koblenzer Tor entfernt. Er beherbergte eine französische Dienststelle, die von einem Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr bewacht wurde, zur Seite ein blau-weiß gestreiftes Wachhäuschen. Und alles war verschneit. Schnell hatten wir ein ganzes „Munitionslager“ an schlagballgroßen Schneebällen produziert und um die Sockel der Säulen des Koblenzer Tors gestapelt, und die meisten von uns waren gute Schlagballspieler, darin geübt, den Gegner auf weite Entfernungen zu treffen.

„Los!“ hieß es dann. Die Geschosse wurden quer über die Straße auf den Wachposten „abgefeuert“! Manche verfehlten das Ziel, viele aber auch nicht. Das Bombardement schuf schnell einen „Schneemann“, der sich in das Wachhäuschen zurückzog, um unseren gezielten Bällen zu entgehen.

War die „Munition“ verschossen, rannten wir durchs Tor in Richtung Brücke genau über den Teil des Belderbergs, wo wir bei Begegnungen mit den französischen Schülern so oft vom Bürgersteig vertrieben worden waren.

Die stärkste Anziehungskraft auf Bonner Bürger übte—vor den Paraden auf dem Marktplatz—das jährliche Reitturnier der Franzosen im Hofgarten aus. Zu Tausenden verfolgten sie die Ritte über Wassergraben, niedrige und höhere Oxer. Das Hauptaugenmerk richtete sich auf den „Wall“, der auf der Westseite des Platzes in der Nähe des „Akademischen Kunstmuseums“ aufgebaut war. Dort verweigerten die Pferde nicht selten den Sprung oder schafften das Hindernis nicht. Die uniformierten Reiter in ihren gepflegten Uniformen landeten auf Rasen oder sandigem Wall, und die hochrandigen, reich mit Litzen verzierten Offiziersmützen kullerten durchs Gelände. Ringsum unverhohlene Schadenfreude bei den Deutschen, begleitet von Beifallsklatschen: „Dat schad inne nix! “

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Quelle: Otto Schumacher-Hellmond, „Prügelstrafe für Separatisten. Puck, die Patrioten und die ‚Poilus‘ – Bonn zwischen den beiden Weltkriegen“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 385–87.

Auseinandersetzungen mit den französischen Besatzern im Rheinland (Rückblick, 1990), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/die-weimarer-republik-1918-1933/ghdi:document-5390> [16.03.2026].