Kurzbeschreibung

Bernhard Hanssler (1907-2005) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg katholischer Prälat und Seelsorger der Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie Gründer des Cusanuswerks, einer finanziellen und intellektuellen Begabtenförderung für katholische Studenten. Geboren 1907 auf einem Bauernhof im südlichen Württemberg, in der Nähe von Konstanz, erlebte er als Student und gläubiger Katholik die Weimarer Republik und trat im März 1932, ein Jahr bevor Hitler Kanzler wurde, in den Priesterstand ein.

In dieser Passage reflektiert Hanssler rückblickend über das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der demokratischen Teilhabe in der neuen Republik und spricht von einer Art „katholischer Emanzipation“ in den 1920er Jahren, als viele katholische Politiker und Beamte Führungsrollen übernahmen, die vor dem Krieg undenkbar gewesen wären. Abschließend erinnert Hanssler jedoch an den spöttischen Ton, den sein Schuldirektor gegenüber der Republik anschlug, wozu auch eine übertriebene Satire auf angeblich neue republikanische Begriffe und Anredeformen gehörte.

Bernhard Hanssler über Katholizismus und Demokratie (Rückblick, 1990)

Quelle

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Es kamen die Jahre, in denen sich der Horizont weitet und in denen man als junger Mensch an den öffentlichen Dingen Anteil zu nehmen beginnt. Die öffentliche Diskussion über demokratische Loyalität hatte früh eingesetzt. Der Katholizismus hatte zeitiger und breiter eine zustimmende Haltung zur neuen Staatsform gefunden als der Protestantismus, der ja auch in vielen Ländern mit dem jeweiligen Monarchen zugleich das Kirchenhaupt verloren hatte.

Aber auch in der katholischen Diskussion gab es einen langen theologischen Streit. „Alle Gewalt geht vom Volke aus“, der profanste aller politischen Sätze, schien vielen die reine Lästerung zu sein, denn daß alle Gewalt von Gott ausgehe, das könne denn wohl nicht bestritten werden, solange noch die Allmacht als das sozusagen oberste Prädikat Gottes zu gelten habe. Weil Gott notwendig als allmächtig gedacht werden müsse, könne auch alle politische und alle anderweitige Macht immer nur als abgeleitete Macht verstanden werden.

Immerhin, der unfruchtbare doktrinäre Streit trat bald in den Hintergrund, als der Ernst des politischen Alltags sich geltend machte. Der Katholizismus als ganzer kam mit der Republik bald ins reine, zumal der „Volksverein für das katholische Deutschland“ mit breit angelegter Volksbildung die Katholiken zur Weimarer Republik erzogen hat. Die Republik hatte ohnehin eine Art Katholikenemanzipation mit sich gebracht. Katholiken waren im Kaiserreich in politisch führenden Stellungen und in den oberen Rängen der Armee so gut wie undenkbar gewesen. Erst als das Kaiserreich in den letzten Zuckungen lag, rief man sie, Graf Hertling zum Beispiel als letzten Reichskanzler vor Prinz Max von Baden. In der jungen Republik aber gab es dank der Parteienkonstellation bald eine ganze Anzahl katholischer Reichskanzler und Reichsminister.

Als der Staat endlich einigermaßen auf die Beine gekommen war, also nach der Währungsreform und nach den ersten internationalen Abkommen, die den politischen Wahnsinn des Versailler Vertrages zu korrigieren versuchten („die Gotteslästerung von Versailles“, schrieb Theodor Haekker schon 1921), waren wir jungen Gymnasiasten fröhliche und begeisterte Demokraten.

Jedoch darf man sich nicht täuschen über die durch und durch unzulängliche Verwurzelung der Demokratie. An meinem Gymnasium in Ehingen a.D., dessen Schüler ich 1923 bis 1927 war, herrschte die Reaktion – in der Person des Schulleiters, der Altphilologe und katholischer Geistlicher war, entsprechend der Regelung für die zwei Konviktsgymnasien des Landes. Man trug dort mehr oder weniger offen Schwarz-Weiß-Rot, man machte die Farben der Republik lächerlich („Schwarz-Rot-Senf“), man sprach deutsch bis zur Lächerlichkeit. „Herr Amtsgenosse“, sagte der Direktor beim Betreten eines Klassenzimmers zum anwesenden Lehrer, zeitliche Festlegungen (nicht etwa Termine) wurden anhand des „Zeitweisers“ (nicht etwa des Kalenders) vorgenommen.

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Quelle: Bernhard Hanssler, „Es war eine große Zeit für die Kirche: Die Revolution fand im Reiche des Geistes statt“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 222–24.