Kurzbeschreibung

Dieser Brief aus dem bayerischen Dorf Oberammergau vom 13. Dezember 1919, der in der New York Times abgedruckt wurde, nannte sowohl die Zahl der jungen Männer, die ein einziger Ort im Ersten Weltkrieg verloren hatte – 74 junge Männer fielen in den Kämpfen, bei einer Gesamtbevölkerung von weniger als 5.000 – als auch die anhaltende Lebensmittelknappheit und andere Notlagen, einschließlich der „schrecklichen Krankheit“ des Vorjahres, womit vermutlich die Spanische Grippe gemeint war. Darüber hinaus deutet die wohlwollende Behandlung, die dieser Brief durch seinen Begleittext und die Veröffentlichung auf der Titelseite der Zeitung erfuhr, darauf hin, dass die antideutsche Hysterie von 1917-18 in den Vereinigten Staaten ein Jahr nach Kriegsende nicht nur abgeklungen war, sondern durch implizite Appelle ersetzt wurde, Deutschland beim Wiederaufbau nach dem Krieg zu unterstützen. Schließlich wiesen der Artikel und seine Überschrift auf den Weltruhm der vierhundert Jahre alten Oberammergauer Passionsspiele und auf den Bekanntheitsgrad von Anton Lang hin, der in den Aufführungen von 1900 und 1910 Christus gespielt hatte. Langs Frau Mathilde schrieb, dass die wirtschaftliche Notlage das Dorf dazu veranlasst habe, die Passionsspiele um ein Jahr oder mehr zu verschieben, die erste Verschiebung seit dem 17. Jahrhundert. Statt 1920 wurde das Spektakel schließlich 1922 wieder aufgeführt, erneut mit Lang in der Rolle des Christus.

In einem späteren Artikel in der New York Times (13. November 1921) wurde festgestellt, dass insgesamt 530 Männer aus Oberammergau im Militär gedient hatten und dass zusätzlich zu den 74 Todesfällen einer Reihe von Männern aufgrund der erlittenen Wunden Gliedmaßen amputiert werden mussten. Dies machte es für das Dorf noch schwieriger, die 700-köpfige Besetzung für die Produktion von 1922 zu besetzen.

Beschreibung der Notlage in einem bayrischen Dorf nach dem Ersten Weltkrieg (Dezember 1919)

Quelle

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13. Dezember 1919.
Liebe _______: Ihr Brief hat große Freude in unser Haus gebracht; das ist seit langem schon selten, denn das Leben ist so anders geworden, seit wir das letzte Mal voneinander gehört haben. Wir können es uns nicht leisten, viele Briefe ins Ausland zu schreiben, obwohl man es gerne tun würde, aber ich muss Ihnen sagen, dass die schreckliche Krankheit vom letzten Jahr, als wir alle im Haushalt krank waren, vorbei ist und wir jetzt alle wieder gesund sind. Wir haben furchtbare, anstrengende Jahre hinter uns, nicht nur Leid und Tod sind in unsere Häuser gekommen, sondern wir haben auch erfahren, was Hunger ist. Keiner von uns wird jemals den Rübenwinter vergessen, wir lebten fast mit den Tieren.

Mein lieber Mann war viel zu gebrechlich, um Kriegsdienst zu leisten, und auch meine Brüder sind wohlbehalten zurückgekehrt. Aber wir haben 74 Männer aus unserem Dorf verloren – einige unserer besten Jungen. Das Jahr unseres Passionsspiels rückt näher, aber leider werden wir es 1920 nicht mehr erleben können. Der Friede ist gekommen, aber mit ihm kein Essen. Wie sollen wir Gäste von außerhalb ernähren, wenn wir kaum genug für uns selbst haben? Außerdem haben wir keine Motoren mehr, keine Eisenbahnen, keine Kohle. Ich nehme an, Sie können sich die Armut in Deutschland nicht vorstellen. Die Werkzeuge, mit denen wir arbeiten sollen, werden uns weggenommen. Es scheint alles so hoffnungslos. Noch träumen wir von 1921, von einer besseren Zeit. Wir sehnen uns so sehr danach, dass sie wahr wird. Die Vorstellung macht das Leben wieder glücklicher. Wir arbeiten furchtbar hart und fühlen uns erschöpft, aber das Leben ist zu teuer – wir müssen weitermachen. Unseren sechs Kindern geht es gut. Baby Gottfried ist 8 Monate alt und das Kriegskind Tilde ist 5 Jahre alt. Karl, Toni und Maria sind in der Schule, nur die drei Kleinen sind zu Hause. Mein Mann dankt Ihnen für das Geld. Er hatte Ihnen geschrieben, nachdem er es erhalten hatte. Wir hoffen, dass es Ihnen gut geht. Mögen Sie ein frohes Weihnachtsfest haben und ein gesegnetes Neues Jahr. Mit Grüßen an Sie und alle, die wir als Freunde kennen.
Mit freundlichen Grüßen,
ANTON UND MATHILDE LANG.

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Quelle des englischen Originaltextes: „Anton Still Lives. Passion Play Actor Writes Friends Here of Wartime Hardships.” New York Times, 18. Januar 1920, Abschnitt 2, S. 1. Online verfügbar unter: https://timesmachine.nytimes.com/timesmachine/1920/01/18/112645521.html?pageNumber=3

Übersetzung: Insa Kummer