Kurzbeschreibung

In diesem Auszug aus einer Rede, die er 1928 im Vorfeld der deutschen Reichstagswahlen am 20. Mai hielt, sprach sich der außenpolitische Sprecher der SPD, Rudolf Breitscheid, für die weitere Unterstützung Deutschlands für den Völkerbund aus. Der Völkerbund wurde 1920 als internationale Organisation zur friedlichen Beilegung von Konflikten gegründet und ging direkt aus einer Reihe von Vorschlägen des US-Präsidenten Woodrow Wilson aus dem Jahr 1918 zur Verhinderung künftiger Kriege hervor, seinen berühmten Vierzehn Punkten. Der Völkerbund schloss Deutschland zunächst von der Mitgliedschaft aus, und Frankreich drohte 1923 sogar mit dem Austritt aus der Organisation, sollte Deutschland aufgenommen werden. In den folgenden drei Jahren verbesserten sich jedoch die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich und seinen anderen europäischen Nachbarn erheblich. 1926 wurde Deutschland offiziell als Mitglied in den Völkerbund aufgenommen. Darüber hinaus erhielt Deutschland einen Sitz im Völkerbundrat, einem Vorläufer des UN-Sicherheitsrats, was ein weiteres Zeichen für die Wiedereingliederung des Landes in die internationale Gemeinschaft der Nachkriegszeit darstellte. Breitscheid selbst war Mitglied der deutschen Delegation beim Völkerbund und nutzte diese Position, um insbesondere die Beziehungen zu Frankreich weiter zu verbessern.

Obwohl das Engagement Deutschlands im Völkerbund bei den Wahlen von 1928 keine besonders wichtige Rolle spielte – die SPD konzentrierte sich in ihrem Wahlkampf stattdessen auf die soziale Wohlfahrt und ihre Ablehnung verschwenderischer Militärausgaben –, bekräftigte Breitscheids Rede dennoch das zentrale Bekenntnis der SPD zur internationalen Zusammenarbeit und erinnerte die Wähler auf subtile Weise daran, wie dieses Bekenntnis die Stellung Deutschlands auf der Weltbühne gestärkt hatte.

Der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheid über den Völkerbund (1928)

Quelle

Meine Damen und Herren, eine der wesentlichsten Grundlagen der auswärtigen Politik der europäischen Staaten ist der nach dem Weltkrieg geschaffene Völkerbund. Deutschland ist dieser Organisation im Jahre 1926 beigetreten und damit wurde eine Forderung erfüllt, die die Sozialdemokratie seit langem aufgestellt hatte.
Wir waren für den Anschluss an den Völkerbund und treten für eine loyale und positive Mitarbeit ein, trotzdem wir wissen, dass er die letzten Ideale des Sozialismus und der internationalen Arbeiterschaft nicht verwirklichen kann. Er ist zunächst kein eigentlicher Bund der Völker, sondern ein Bund der Staaten, das heißt ihrer Regierungen.
Er wird also der Aufrechterhaltung und Sicherung des Friedens immer nur in dem Maße dienen, als es den Wünschen und Anschauungen der einzelnen Regierungen entspricht, zumal für die in Genf zu fassenden Beschlüsse Einstimmigkeit erforderlich ist.
Wer also den Völkerbund zu einem wirksameren Instrument des Friedens machen will, muss - jeder in seinem Lande - seine Kraft dafür einsetzen, dass Regierungen an der Spitze stehen, die gewillt und imstande sind, an die Stelle der gewaltsamen Lösungen internationaler Streitigkeiten den friedlichen und schiedsrichterlichen Ausgleich zu setzen.
Die heute geltende Völkerbunds-Satzung ist in dieser Beziehung noch sehr unvollkommen. Zwar verpflichten sich die Mitglieder bei allen zwischen ihnen auftauchenden Streitfragen den Versuch einer friedlichen Lösung zu unternehmen, aber die Möglichkeit des Krieges ist durch die Satzung keineswegs ausgeschaltet.
Unser Streben muss darauf gerichtet sein, dass alle irgendwie denkbaren Streitfragen durch Vermittlung oder Richterspruch aus der Welt geschafft werden. Und solange die Bestimmungen des Völkerbundes dafür nicht ausreichen, müssen nebenher Einzelverträge abgeschlossen werden, die, wie der zwischen Deutschland und seinen westlichen Nachbarn in Locarno zustande gekommene Pakt, den Krieg als Mittel der Streiterledigung ausscheiden.
Aber auch dann wird der Friede noch nicht endgültig gesichert sein. Verträge und Paragrafen genügen nicht. Ausschlaggebend ist der Wille der Völker, der nicht zuletzt auch darauf gerichtet sein muss, dass die große Gefahr, die in der Aufrechterhaltung der militärischen Rüstungen liegt, beseitigt wird. Dieser Wille wird umso stärker werden, je mehr der Einfluss des arbeitenden Volkes in der Politik aller Länder zunimmt und je mehr infolgedessen die Herrschaft des immer wieder internationaler Reibungen heraufbeschwörenden Kapitalismus eingeschränkt wird.
Den dauernden Frieden vermag nur der Sieg des Sozialismus zu garantieren Aber bis der errungen ist, halten wir uns für verpflichtet, die Arbeit des Völkerbundes zu unterstützen. Die Organisation des Völkerbundes lässt sehr viele Wünsche unbefriedigt. Aber sie ist doch der unter den gegebenen Verhältnissen beste und sicherste Wall gegen die Wiederkehr der fürchterlichen Flut, die in Zeit von 1914 bis 1918 so viel Werte und so viel Glück zerstört hat und unter deren Folgen noch auf lange Zeit hinaus die ganze Welt leiden wird.

SWR