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Meine Damen und Herren, eine der wesentlichsten Grundlagen der
auswärtigen Politik der europäischen Staaten ist der nach dem Weltkrieg
geschaffene Völkerbund. Deutschland ist dieser Organisation im Jahre
1926 beigetreten und damit wurde eine Forderung erfüllt, die die
Sozialdemokratie seit langem aufgestellt hatte.
Wir waren für den
Anschluss an den Völkerbund und treten für eine loyale und positive
Mitarbeit ein, trotzdem wir wissen, dass er die letzten Ideale des
Sozialismus und der internationalen Arbeiterschaft nicht verwirklichen
kann. Er ist zunächst kein eigentlicher Bund der Völker, sondern ein
Bund der Staaten, das heißt ihrer Regierungen.
Er wird also der
Aufrechterhaltung und Sicherung des Friedens immer nur in dem Maße
dienen, als es den Wünschen und Anschauungen der einzelnen Regierungen
entspricht, zumal für die in Genf zu fassenden Beschlüsse Einstimmigkeit
erforderlich ist.
Wer also den Völkerbund zu einem wirksameren
Instrument des Friedens machen will, muss - jeder in seinem Lande -
seine Kraft dafür einsetzen, dass Regierungen an der Spitze stehen, die
gewillt und imstande sind, an die Stelle der gewaltsamen Lösungen
internationaler Streitigkeiten den friedlichen und schiedsrichterlichen
Ausgleich zu setzen.
Die heute geltende Völkerbunds-Satzung ist in
dieser Beziehung noch sehr unvollkommen. Zwar verpflichten sich die
Mitglieder bei allen zwischen ihnen auftauchenden Streitfragen den
Versuch einer friedlichen Lösung zu unternehmen, aber die Möglichkeit
des Krieges ist durch die Satzung keineswegs ausgeschaltet.
Unser
Streben muss darauf gerichtet sein, dass alle irgendwie denkbaren
Streitfragen durch Vermittlung oder Richterspruch aus der Welt geschafft
werden. Und solange die Bestimmungen des Völkerbundes dafür nicht
ausreichen, müssen nebenher Einzelverträge abgeschlossen werden, die,
wie der zwischen Deutschland und seinen westlichen Nachbarn in Locarno
zustande gekommene Pakt, den Krieg als Mittel der Streiterledigung
ausscheiden.
Aber auch dann wird der Friede noch nicht endgültig
gesichert sein. Verträge und Paragrafen genügen nicht. Ausschlaggebend
ist der Wille der Völker, der nicht zuletzt auch darauf gerichtet sein
muss, dass die große Gefahr, die in der Aufrechterhaltung der
militärischen Rüstungen liegt, beseitigt wird. Dieser Wille wird umso
stärker werden, je mehr der Einfluss des arbeitenden Volkes in der
Politik aller Länder zunimmt und je mehr infolgedessen die Herrschaft
des immer wieder internationaler Reibungen heraufbeschwörenden
Kapitalismus eingeschränkt wird.
Den dauernden Frieden vermag nur
der Sieg des Sozialismus zu garantieren Aber bis der errungen ist,
halten wir uns für verpflichtet, die Arbeit des Völkerbundes zu
unterstützen. Die Organisation des Völkerbundes lässt sehr viele Wünsche
unbefriedigt. Aber sie ist doch der unter den gegebenen Verhältnissen
beste und sicherste Wall gegen die Wiederkehr der fürchterlichen Flut,
die in Zeit von 1914 bis 1918 so viel Werte und so viel Glück zerstört
hat und unter deren Folgen noch auf lange Zeit hinaus die ganze Welt
leiden wird.
Quelle: SWR 2 Archivradio, https://www.swr.de/swrkultur/wissen/archivradio/rudolf-breitscheid-ueber-den-voelkerbund-1928-102.html