Quelle
[Notiz vor dem Text Blochs im Tage-Buch: „Der Verfasser des „Geistes der Utopie“ und des „Thomas Müntzer“ unternimmt es hier, das Problem der Hitler-Bewegung in eine höhere soziale Kategorie einzureihen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß dieser objektive Versuch in einer geistigen Sphäre unternommen wird, in dem sich Deutschvölkische nicht bewegen.“]
Hitlers Gewalt
Man ging zuerst wohl daran vorüber. Winkte ab, zuckte die Achseln über das hämische Pack, wie es vorkroch. Über die roten Plakate mit den faselnden Sätzen, aber dem klaren Schlagring dahinter. Was frühmorgens grob ans Bett trat, den Paß zu fordern, das schlug sich hier an den Säulen und langen Mauern als Partei an. Juden ist der Zutritt verboten.
All dieses konnte wieder zurücksinken. Es war noch zu fremd und zu wenig tief eingedrungen, das alte München lebte noch. Hier war zudem die Erbitterung gegen den Krieg am frühesten gereift, hier war ins Stadtbild bereits schöne Freude hineingetragen und blühte mit, blühte voran, wurde heimisch. Die finstere Erinnerung an 1919, an Eisners Tod und den Einmarsch der Weißen, konnte immerhin noch verblassen und die Rohheit sich einkapseln, als wäre sie nicht gewesen. Der geglückte Kapp-Putsch, die Verjagung der sozialistischen Minister freilich zeigte von neuem gekräuselte Luft. Aber auch dieses ließ sich noch als Reaktion eines Bauernlandes, einer Bauernstadt auf sehr ungeschickte kommunistische Dilettantismen verstehen. Hitler schien dieser Akt ein Abgesang; je weiter man sich rein zeitlich von der Räterepublik entfernte, desto sicherer schien Bayern wieder ins alte Gesicht zu kommen.
Statt dessen, wie bekannt, wurde das Land von Tag zu Tag bitterer. Die Bauern, die Stadtbauern, sind hier als Pöbel noch da, primitiver, suggestibel, gefährlich, unberechenbar. Dieselben Menschen, welche bei Eisners Begräbnis in zahllosen Trauerzügen die Straßen geschwärzt hatten, brüllten den Sozialisten nach dem Hosiannah das Kreuzige, hetzten die Führer von gestern in den Tod. Von heute auf morgen wechselten die Fahnenschäfte den Sowjetstern mit dem Hakenkreuz; von heute auf morgen stellte das Volksgericht, das Revolutionstribunal, von Eisner geschaffen, Leviné an die Mauer. Hier schwankt der treulose Pöbel, wie ihn alle Machthaber verachteten und gebrauchten, und er schwankt nicht nur, sondern gewiß eben zeigte sich die Jagd auf Tiere und Menschen als seine eigenste Natur. Das sind nicht nur verelendete Kleinbürger, wie sie bald diesem, bald jenem helfenden Mittel zulangen, das ist auch organisiertes Proletariat, nicht einmal relativ organisierbares, bei der Stange haltbares Lumpenproletariat, sondern durchaus nur Lumpenpack, die rachsüchtige, kreuzigende Kreatur aller Zeiten. Von der Attrappe wird sie noch geblendet, von Studenten im Wichs, von der Magie der Aufzüge, Paraden und klingendem Spektakel; aber Votivbilder malt Bayern nicht mehr. Und so zweideutig, eindeutig wie das Volk, sind die Zutreiber beschaffen, oft noch verächtlicher als dieses. Getaufte ungarische Juden werden Spitzel Hitlers, gekaufte „Demokraten“ aus dem Material balkanischer Journalisten füllen die Reihen. Die echten Thersites und Vansen wollen nicht fehlen, geben dem Pöbel sein homogenes Haupt.
Dennoch weiß von dem ganzen noch nichts, wer nur dieses weiß. Denn abgetrennt von den scheußlichen Gaffern und Mittätern glüht im Kern neue Jugend, ein sehr kräftiges Geschlecht. Siebzehnjährige brennen Hitler entgegen, Bierstudenten von ehermals, öde, im Glück der Bügelfalte schwelgend, sind nicht mehr zu erkennen, es hämmert ihr Herz. Der alte Burschenschafter steht wieder auf, Schills Offiziere, wiedergeboren, finden in Schlageter ihren Bruder, heldische Bünde mit allen Zeichen irrationaler Verschwörung sammeln sich unter einem geheimen Licht. Hitler, ihr Führer, hat die Schonung seiner Richter und diesen possenhaften Prozeß nicht verdient, aber selbst mit dem Witz Berliner Rechtsanwälte ist ihm nicht beizukommen, und auch Ludendorff, dies brutal beschränkte Mannssymbol, lebt nicht mit ihm auf gleicher Ebene. Der Tribun Hitler, von geringer Herkunft wie Johann von Leiden ist zweifellos eine mächtig suggestive Natur, leider um gar vieles vehementer als all die echten Revolutionäre, die Deutschland 1918 zitierten; von einer Kraft des gesammelten Willens, einem Vitaldruck und Talent der Entzündung, einem Fanatismus der Vision, die ihn seinen Jüngern wie aus dem Geschlecht Bernhard von Clairvaux, ja, der Jungfrau von Orleans erscheinen läßt. Wie diese gab er der abgematteten Ideologie des Vaterlandes ein fast rätselhaftes Feuer; und hat eine neue aggressive Sekte, einen Templerorden, den Keim zu einer stark religiösen Armee, zu einer Truppe mit Mythos geschaffen. Nicht daraus auch erklärt sich die anhaltende Kraft des Hitlerschen Programms, daß hier Befreiung von Juden, der Börse, der Zinsknechtschaft des internationalen Kapitals, von dem vaterlandsfeindlichen internationalen Marxismus versprochen wird und ähnliche verworrene Musik für die Wirtschaft an die Peripherie und die Staatsgesinnung wieder ins Zentrum rückt, so klingt damit zugleich die Mystik der alten, unbürgerlichen Zucht wieder auf, die säkularisierte Ethik der Ritterorden.
So ist nicht gering anzuschlagen, wie Hitler die Jugend hat. Man unterschätze nicht den Gegner, sondern stelle fest, was so vielen eine psychische Tatsache ist und sie begeistert. Gewiß auch zeigen sich von hier aus mancherlei Zusammenhänge mit dem Linksradikalismus, solche demagogischer, formaler, wenn auch nicht inhaltlicher Art. Dem bayerischen Pöbel wurde durch diese Verwandtschaft (zumeist nur eine windfängerische Kopie des Sozialismus, auf primitive Instinkte abgestimmt) der Fahnenwechsel erst recht erleichtert. Bei den Kommunisten, wie bei den Nationalsozialisten wird wehrhafte Jugend aufgerufen; hier wie dort ist der kapitalistisch-parlamentarische Staat verneint, hier wie dort wird die Diktatur gefordert, die Form des Gehorsams und des Befehls, der Tugend der Entscheidung statt der Feigheiten der Bourgeoisie, dieser ewig diskutierenden Klasse. Es ist vor allem der Typus Hitler und derer, die nach ihm sich bilden, charakterologisch und formal stark revolutionär. Desto erkennbarer freilich auch sind die Ziele dieser Schar, trotz aller Verworrenheit, nur der völlig gegenrevolutionäre Willensausdruck versinkender Schichten und ihrer Jugend. Schon die zwanzigtausend Dollars der Nürnberger Industrie zeigen an, wie hier die Bourgeoisie sich gar nicht bedroht fühlt, wie sie der neuen, scheinbar kapitalfeindlichen Staatsmystik ohne Schreck gegenübersteht. Engels nannte den Antisemitismus den Sozialismus der dummen Kerls, wobei das nicht-jüdische Finanzkapital und vor allem das Grundkapital vortrefflich gedeiht. Der Sozialismus des Kavaliers, der patriarchalisch-reaktionäre Antikapitalismus, ist ein noch viel größeres Mißverständnis oder vielmehr ein offener Betrug, um mittels des bloßen Gegensatzes zum Finanzkapital den sehr viel größeren Gegensatz zum Sozialismus zu verdecken. Völkisch, statt international, romantisch-reaktionäre Staatsmystik statt des sozialistischen Willens zum Absterben des Staates, zur Herabsetzung einer Maschinerie auf die Organisation des Unwesentlichen, Autoritätsglaube statt der in allem echten Sozialismus latenten letzthinigen Anarchie – dieses sind unvereinbare Gegensätze des positiven Wollens, stärker als die scheinbaren Verwandtschaften der Form und der gemeinsamen Verneinung des Gegenwartsstaates. Othmar Spann, der österreichische Soziologe, ein kleiner Kopist der österreichischen Staatstheologen des Vormärz, suchte dieser Art dem Nationalsozialismus seinen Begriff zu schaffen; und was herauskam, war vom Sozialismus so verschieden wie die romantische Staatsvergötterung von dem Satz des jungen Engels: „Das Wesen des Staates wie der Religion ist die Angst der Menschheit vor sich selber.“ Hitler also und die Taboriten um ihn her sind zwar eine revolutionäre Sekte, aber von einer echt deutschen Affinitätslosigkeit ihres Impetus zu der eingeborenen Richtung; den eingeborenen Ideen des revolutionären Willens. Das ist bei den romanischen Fascisten nicht der Fall, wo gerade die Demokratie genug Blut und Kampftradition in sich hat, wo also der Revolutionswille bürgerlicher Jugend, ihr Imperialismus, höchstens die französische Revolutionsarmee, aber niemals die Ritter idolisch voranstellen würde. In Deutschland nur ist die bürgerliche Klasse, auch in ihrem kräftigsten Exponenten, so instinktlos, daß sie ihre Ideologie von Metternichs Gnaden bezieht, vom Urheber der Karlsbader Beschlüsse und Wächter der heiligen Allianz.
Wohin also wird diese Unruhe noch treiben? Dreierlei trennt sich ab, gesondert zu betrachten, und ja auch bereits mit sehr verschiedenem Tonfall behandelt. Unten treibt das kleinbürgerliche Pack, wie es von Rot zu Weiß überlief und sich gern so hämisch als begriffslos hetzen läßt. Darüber steht der Stoßtrupp Hitlers und seiner Offiziere, gute, kräftige Jugend, roh und von dem scheußlichen Hintergrund der Nachläufer infiziert, aber im ganzen reinen Willens. Von der Börsenzeit, der Depression des verlorenen Krieges, der Ideallosigkeit dieser stumpfen Republik angeekelt. Hitler selbst hat hier in der bürgerlichen Jugend eine durchaus unbürgerliche Bewegung entzündet oder wenigstens angeblasen, eine gewisse asketische Energie geformt, die sich immerhin vom Stumpfsinn der ersten deutschen Kriegsbegeisterung, auch von dem Oberlehrerpathos der gewesenen Vaterlandspartei um einige Grade, auch um einige Qualitäten unterscheidet. Sehr verräterisch aber ist zum Dritten wiederum die nationalsozialistische Praxis und Ideologie. Sie sucht den Bourgeois durch den Ritter zu vertreiben und erlangt nicht mehr, als daß sich der Bourgeois durch die jungen Ritter erst recht geschützt und konserviert fühlt. Und auch der Ritter selbst – er ist zwar menschenhafter als der Bourgeois, aber zurzeit noch unwirklicher als dieser, noch abstrakter und noch unklarer den Durchbruch in die abstrakte Wirklichkeit verhindernd. Hitler, Hitlerismus, Fascismus, ist die Ekstase bürgerlicher Jugend: dieser Widerspruch zwischen Kraft und Bourgeoisie, zwischen Ekstase und dem leblosesten Nationalismus macht die Bewegung zum Spuk. Der wird nicht realer durch die mitgeführten feudalen Gespenster, durch die Allianz von kräftig gegenwärtiger Begeisterung mit längst versunkenen Ritterträumen oder altgermanischem Volkskönigstum aus dem zehnten Jahrhundert. Immerhin trägt die Hitlerjugend zurzeit die einzige revolutionäre Bewegung in Deutschland, nachdem das Proletariat durch die mehrheitssozialistischen Führer um seine eigene, um die einzig gültige, widerspruchsfreie Revolution gebracht worden ist. Der Fascismus in Deutschland und der gesamten außerrussischen Welt ist gleichsam der schiefe Statthalter der Revolution, ein Ausdruck dessen, daß die soziale Lage auf keinen Fall statisch ist; die Jugend der Bourgeoisie selber spürt und hält noch den Prozeß. Dieser sonderbare Zustand wird voraussichtlich solange dauern, bis ein Erstarken des Proletariats aus der Unruhe das falsche Bewußtsein vertreibt. Bis ein lebendiger Begriff auch in den Fascismus vorstößt und das trübrevolutionäre Moment darin endlich in die Linie konkreter Revolution, konkreter Vermenschlichung des Lebens einspielen läßt.
Quelle: Ernst Bloch, „Hitlers Gewalt“, in Das Tage-Buch 5 (12. April 1924) Heft 15, S. 474–77; abgedruckt in Ernst Bloch, Gesamtausgabe, Band 4: Erbschaft dieser Zeit, S. 160–64. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 1962.