Quelle
Anbetung von Fahrstühlen
In den Badeorten der kalifornischen Küste finden täglich Schönheitskonkurrenzen statt. Fünfundsiebzig Jungfrauen in winzigen Trikots zeigen, was Gott ihnen gab. Sie treten in langen Ketten an, legen einander die Hände auf die Schultern und marschieren über den Marktplatz oder die Strandpromenade. Nachdem die Photographen gearbeitet haben, treten gewaltige, viereckige Männer hinzu und heften ihnen eine Fahne auf den Bauch, die eine weithin sichtbare Nummer trägt. Während die Polizei Ordnung hält und besonders auf jene Unholde ein Auge hat, auf die dieses Schauspiel irgendwelche Wirkung tut, arbeitet eine Kommission, aus Filmregisseuren, Mädchenhändlern, Geistlichen, Kunstmalern und anderen Spezialisten zusammengesetzt, an der Bewertung der Gliedmaßen im einzelnen und des Gesamteindrucks im allgemeinen. Auch hier wird im Taylorsystem gearbeitet. Der eine befaßt sich nur mit den Beinen, der andere mit Rückenlinien, der dritte trägt dem Gesicht Rechnung, ein vierter mißt Gesäße, so daß das Ergebnis ziemlich schnell zustande kommt. Es zeigt sich, daß Fräulein Williams aus Salt Lake City den ersten Preis erhält. Der größte der viereckigen Männer tritt vor, wickelt ihr die Sternbannerflagge um den Magen, so daß der reizende Bauchmuskel nicht länger zu sehen ist, die Musik stimmt ein vaterländisches Lied an, ältere Personen, die sich noch der Unionskämpfe erinnern, zerdrücken eine Träne, der Priester wünscht dem lieben Mädchen Glück und bittet sie, den Eltern auch weiterhin Freude zu machen.
Ein Mann aus der Menge, welcher sie in den Popo kneift – das mindeste, was er tun konnte – wird vom entrüsteten Volke ergriffen, geteert, gefedert und ins Wasser geworfen.
Unterdessen schreiben in Europa Lyriker aller Altersstufen dem amerikanischen Tempo, wie es sich vor allem in den Fahrstühlen ausdrückt, und dem amerikanischen Geist, wie er hauptsächlich im schnell entschlossenen Zugriff und der blitzblanken Tätigung von Abschlüssen hervortritt, ihre begeisterte Huldigung. Sie rühmen ergriffen die schnelle Erledigung von Aufträgen in Neuyorker Hotels – wenn man z.B. eine Hose zum Aufbügeln gibt –, sie preisen fast schluchzend die Verkehrsregelung und werfen den alten deutschen Gott entschlossen über Bord der gut funktionierenden Hudson-Boote.
Der amerikanische Geschäftsmann, welcher durch sein Telephon einige Waggons mit Erbsmehl oder Eisenbahnschwellen in Bewegung setzt, hat in der deutschen Literatur eine tiefgehende Wirkung hervorgerufen. Man bezeichnet ihn als „kalt, hart und unbeweglich“, ja, ein Idiot spricht sogar von Napoleons amerikanischen Zügen. Weil man die Sprache dieser Leute nicht versteht, weil man sieht, daß sie keinen Schnurrbart haben, daß sie nicht mauscheln, glaubt man, sie seien Cäsaren. Ihren Dialog – wenn sie Frachtbriefe besprechen – hält man für wortknapp, ihre wattierten Schultern für denkmalshaft, ihre uniformen Gesichter, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen, für eiserne Masken. Kurzum, angesichts der eigenen Tränenseligkeit, Weitschweifigkeit und Unfähigkeit, einen Fahrplan zu wälzen, führt man das amerikanische Gesicht in die Literatur ein.
Dies ist eine beschämende Reaktion auf das angebliche Versagen des Europäertums. Denn wie repräsentiert sich Amerika in seinen Äußerungen, soweit sie nach Europa herübergelangen? Wie stellt es sich in seinen Filmen, in seiner Reportage, in seinen Romanen, in seiner Politik, in seinem Illustrationsbetrieb dar? Ihr Verhältnis zu Gott kennt man aus dem Affenprozeß, ihr Verhältnis zur Frau aus den Filmen und Romanen, wo der Geschlechtsverkehr nur in Form von Vergewaltigung in Urwäldern und Verbrechervierteln auftreten darf. Denn der bürgerliche Amerikaner setzt seine Kinder in die Welt, indem er „abblendet“ oder das Kapitel mit einem verheißungsvollen „Fortsetzung folgt“ schließt. Die Kinder sind eines Tages da, und klopft der Mann abends spät noch an die Schlafzimmertür seiner Frau, so ist es, um das Haushaltbudget durchzusprechen oder die Erwerbung eines neuen Autos anzukündigen. An heißen Tagen fahren zwar die Damen in Badeanzügen durch Chikagos Straßen – man erfährt gleichzeitig, daß eine Konkurrenz der schönsten Beine damit verbunden ist –, hat man aber bei diesem Anblick unreine Gedanken, so liest der Konstabler es einem von der Stirne ab und schleppt einen vor den Richter. Dafür schlagen sich die jungen Leute im Film mit den Fäusten die Fresse blutig, während das reine Mädchen zitternd im Hintergrund steht. Der knock out Geschlagene ist natürlich derselbe, der einen Vergewaltigungsversuch unternommen hat, weil er das Mädchen eines Tages im Badeanzug über die Straße hat radeln sehen. Der Sieger führt sie zum Priester, und in der Pause zwischen dem fünften und sechsten Akt entsteht auf eine geheimnisvolle Weise ein Kind, das dann später ein hundertprozentiger Amerikaner, Antisemit, Fußballspieler und reiner Gatte wird.
Was in Amerika an künstlerischen und moralischen Werten geschaffen wird, kommt von den Parias des Landes, den Negern, Juden und Deutschen. Sie werden verfolgt, unterdrückt und man spricht ihnen – mit Recht – den Titel eines hundertprozentigen Amerikaners ab.
Was in aller Welt treibt einen Teil der Berliner Literatur dazu, diese Leute zu bewundern, Millionärsdramen zu schreiben, Faustkampfgloriolen aufzuführen, kanadische Holzhändler zu problematisieren, die Fahrstühle anzubeten, über stählernen Rhythmus zu quatschen, vor der General Motor Company auf den Knien zu liegen? Ein Schriftsteller brach fast in Tränen aus, weil er auf einer Grammophonplatte einen Song hörte, in dem die Sängerinnen nicht Tennessee, sondern „Toannassei“ sagten. Warum das? Was sagt er, wenn er anstatt Leipzig „Laipzch“ hört? Sollte sich hier eine neue Romantik entwickeln? Sollte Rosegger oder Achleitner verdrängt werden? Vielleicht haben die Buabn und Dearndl ausgespielt, und der Stadtfrack ist vielleicht keine Antithese mehr. Vielmehr beginnen wir jetzt so: „McCormik griff zum Telephon und befahl mit steinhartem Gesicht, die zwölf Eisenbahnzüge mit Weizen für den Staat Ohio aufs tote Gleis zu schieben.“ Ich sehe den Unterschied nicht zwischen einer Ideologie, die einen bestimmten Menschentyp – den Bauern – heraushebt und allgemeiner Anbetung zugänglich macht, und einer Idealisierung von Motoren, Fahrstühlen und Geschäftsleuten auf Kosten der übrigen menschlichen und bildlichen Werte. Ohne zu leugnen, daß ein Wolkenkratzer und ein Tannenwald ihren Schönheitswert haben, sehe ich doch nicht ein, daß sie sich als Idealsymbole besonders empfehlen. Die sogenannte Amerikanisierung der Welt ist noch lange kein Faktum.
Welch eine Weltfremdheit spricht doch aus dieser Ingenieur-Romantik, die nicht versteht, wie ein Vergaser arbeitet und deshalb aus dem Pochen von sechs Zylindern den Atem unserer Zeit heraushört. Wo man früher Samtröcke und Flatterschlipse trug, da geht man heute in der Lederjacke. Ich sehe keinen Unterschied. Mit Erstaunen sieht man, daß ein Schreiber von Tiergeschichten, Charles Roberts, feierlich genommen wird und zwar von denselben Leuten, die sich über den gewiß nicht schwächeren Löns lustig machen. Bald werden auch die Geschichten von Marshal und Curwood ihren Einzug in Deutschland halten, in denen weltmüde Amateurjäger im Urwald jungfräuliche Millionärstöchter auflesen, sie über den Mustang hängen und mit ihnen zum Geistlichen galoppieren. Und man wird sie ernst nehmen, nur weil sie in New Brunswick und Alberta, und nicht in der Lüneburger Heide spielen.
Die Maschine braucht kein Feind zu sein, aber auch kein Gegenstand der Verehrung. Sie hat andere Mächte abgelöst, aber keine neuen geschaffen. Die Maschine ist verständlich, für den Mechaniker ist sie kein mystischer Gegenstand. Warum für den Literaten? Wie kann überhaupt das Erlernbare Ehrfurcht einflößen? Man sieht nicht gern, daß das Griechenland Hölderlins durch Amerika abgelöst wird, nur weil einige Leute nicht wissen, wie es auf der Weizenbörse in Chikago oder im Inneren einer Starkstromzentrale zugeht.
Quelle: Friedrich Sieburg, „Anbetung von Fahrstühlen“, Die literarische Welt 2, Nr. 30 (23. Juli 1926), S. 8; abgedruckt in Weimarer Republik: Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, Hrsg. Anton Kaes. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1983, S. 274–76.