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Lebensunwertes Leben? – so lautet das Thema, das mir Ihre Vereinigung für den heutigen Abend gestellt hat. Am Ende dieses Themas steht ein Fragezeichen, und dieses Fragezeichen steht, so scheint es mir, wie ein düsteres Gespenst hinter der sogenannten Kultur unserer Zeit. Seitdem in die körperlich und seelisch erschütterte Welt Spengler das Wort hineingeworfen hat vom Untergang des Abendlandes, geht durch die Nationen und durch unser Volk unablässig die Frage hindurch: Hat der Mann recht, geht es unaufhaltsam abwärts mit unserem Volk, mit Europa, sind wir schon eine entartete oder entartende Generation, und ist dieser Weg nicht mehr aufzuhalten? Als Barometer für diese Entartungserscheinungen unseres Volkes werden wir immer wieder daran erinnert, dass die Zahl der Schwachen, Kranken, geistig Zerbrochenen und Minderwertigen unablässig zunimmt. Ob zahlenmäßig absolut nun das wirklich stimmt, kann, soweit ich übersehe, die Statistik heute noch kaum nachweisen; denn es liegt in der Entwicklung unserer Zeit, dass das Elend durch die Folgen des Krieges, auch durch die moderne Wohlfahrtspflege sichtbarer geworden ist und mehr aus Schlupfwinkeln in die Öffentlichkeit kommt. Aber es scheint allerdings, dass relativ die Zahl der Schwachen an Körper und Geist, der Minderwertigen wächst. Warum? Ich nenne nur mal einen Grund, den ich nur mit Zittern anfasse.
Seitdem gewollte Kinderarmut von den sogenannten gebildeten Kreisen heruntergestiegen ist zum Mittelstand, zur gelernten Arbeiterschaft und aufs Land, verschieben sich, wenn wir die Qualitäten – so will ich einmal sagen – der Kindergeburten anschauen, die Mengen vielleicht in einer gefährlichen Weise. Oben – wenn Sie es mir erlauben dieses „Oben“ und „Unten“ festzuhalten – , oben eine immer dünnere Schicht bei den Begabten und Tüchtigen und unten eine vielleicht immer gewichtigere Schicht. Wenn ich die Zahlen ansehe in den Hilfsschulen unserer Nachbarprovinz Rheinland, da ist es so, dass in den Familien die die Hilfsschule bevölkern, die Zahl der Kinder noch durchschnittlich 5-6 beträgt. Und oben?
Ich brauche die Linie nicht weiter nachzugehen. Sie sehen ohne weiteres, was für eine katastrophale Entwicklung da sich anbahnen kann, wenn das so weiter geht. Wir können diese Tatsache gar nicht ernst genug nehmen und müssen sie jedem einzelnen in sein Gewissen schreiben, jedem Vater und jeder Mutter, auch in diesem Kreise. Gewiss ist es so, dass der Krieg auch da einen tiefen Einschnitt gemacht hat. Er rief die Tüchtigen und körperlich Brauchbaren an die Front und liess sie sterben, und die am Körper und Geist nicht Brauchbaren blieben daheim. Aber meine lieben Geschwister, wir haben wirklich in unserem Geschlecht kein Recht mehr, auf den Krieg allein, als auf den grossen Massenmörder, zu schelten. Sterben doch allein in den Vereinigten Staaten von Nordamerika jährlich infolge von Automobilunfällen mehr Menschen, als uns der ganze Krieg von 1870/71 gekostet hat, und werden doch heute in allen Kulturnationen mehr Kinder vor ihrer Geburt getötet, als der ganze „Weltkrieg“ an Menschenleben verschlungen hat!
Da liegen die Schatten, die dunklen Schatten, die auch auf der Frage des heutigen Abends liegen. Wir haben allen Grund, ihnen mit tiefstem Ernst ins Auge zu schauen. Ich verstehe gut, dass ein ernster amerikanischer Forscher seinem Volk diesen Spiegel vorgehalten hat, und er meint, wir rückten runter auf die Front der Untermenschen, d.h. der Minderwertigen, die an Zahl und Bedeutung eine immer grössere Kraft gewinnen würden, oder wenn ein anderer deutscher Forscher gesagt hat, wir würden auch in Deutschland schliesslich überschwemmt werden von einem Lumpenproletariat. Schon rechnet man, dass gegenwärtig in Deutschland 2,5% aller Menschen schwachsinnig seien und etwa der zehnte Teil zu den sogenannten Psychopathen gehöre. Wenn diese Entwicklung vorwärts schreitet, dann nähern wir uns jenem Ziel, von dem Goethe schon einmal gesprochen hat: es würde schliesslich die Welt sich verwandeln in ein grosses Hospital, wo der eine des anderen Krankenwärter ist. Gibt es ein Aufhalten dieser Entwicklung? Es meldet sich als Helfer in unserem Vaterlande und in der Welt die Wissenschaft (Rassenhygiene, Vererbungsforschung). Seit den letzten 30 Jahren hat die Arbeit auf diesen Gebieten grosse Fortschritte gemacht, die wir mit Ernst und Sorgfalt zu beachten haben.
Überall sucht man, zunächst in der Pflanzen- und Tierwelt, die Erbkeime und Erblinien zu verfolgen, in ihrer merkwürdigen Entwicklung, in ihren Veränderungen. Ich stehe in tiefer Ehrerbietung vor dieser Forschung. Ist doch z. B. ein ganzer Stab amerikanischer Gelehrter seit Jahren an der Arbeit, den Lebensgang einer kleinen, winzigen Fliege zu verfolgen in all den wunderlichen Erbmischungen und Erbgängen.
Von Forschungen dieser Art aus hofft man hinübergehen zu können in die Erbgeschichte der Menschen. Es wacht die neue Helferin, die Eugenik, die diese Erbzusammenhänge bei der Menschheit aufzeigen möchte, die die günstigen Erblinien erforscht, um sie zu pflegen und zu fördern und dadurch uns ein grösseres Wissen zu vermitteln und auch über jene geheimnisvollsten Zusammenhänge unseres Werdens und Lebens. Mit hoher Begeisterung wird diese Arbeit gepriesen. Immer wieder wird die Hoffnung in uns geweckt, es könnte daraus einmal ein neuer Aufschwung der Menschheit, ein Aufwachen aus dem Versinken und Vergehen uns geschenkt werden, und es würde schliesslich das in Erfüllung gehen, was Nietzsche gesagt hat: Heraufzüchtung des Menschengeschlechts!
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Euthanasie – beabsichtigtes Sterben! Es vergeht bei uns kaum ein Tag, wo nicht von Menschen, die zu uns kommen gesagt wird: Warum geht ihr nicht den einzigen vernünftigen Weg? Ich habe nur einige Gegenfragen. Zunächst vom allgemein menschlichen Standpunkt aus. Wo soll der Massstab gefunden werden! Dies Leben bleibt bestehen, und das wird ausgelöscht? Wer soll die Entscheidung darüber treffen? Der Staat oder Vater und Mutter? Und wenn die nicht eins sind: wenn Vater die eine Meinung hat und Mutter die andere? Was soll dann geschehen? Die Väter dieses Gedankens haben ausgerechnet, man würde vielleicht 3 oder 4 000 Menschen auf diese Weise beseitigen dürfen das würde allerdings eine Ersparnis von 5 Millionen bedeuten. Aber, soweit ich übersehe, würde man um dieser willen einen Apparat aufbauen müssen der wissenschaftlichen Beobachtung, der Kontrolle, um alle Missgriffe nach Möglichkeit zu vermeiden, der wenigstens nach meiner Schätzung das Doppelte oder Dreifache kosten würde. Und wenn man sein Ziel erreichen würde: Wo ist der Arzt, der sich dann dazu hergeben würde, solch einen letzten Dienst – ich will ihn nicht schärfer bezeichnen – auszuüben? Die Anstalten müssten doch fortbestehen. Aber dann würde das Vertrauen zu ihnen verfallen. Ich frage die Mütter unter Ihnen: welche Mutter würde wohl einer Anstalt noch ein Kind anvertrauen, wenn sie nicht weiss: Wann wird es vielleicht einmal auf die Liste der Todeskandidaten gesetzt? Und schlimmer noch scheint mir das zu sein: Welche Zerstörung des Gutes von der Heiligkeit des Lebens im Bewusstsein unseres Volkes würde eintreten? Wohin würde es führen, wenn wir aus Humanitätsgründen die Mörder am Leben lassen und mit aus wirtschaftlichen Gründen gleichzeitig die unschuldigen Kinder töten? Ich sehe auf diesem Wege keine Lösung.
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So viele Bilder bei uns in Bethel vorüberziehen, so viele Rätsel stehen vor uns. Gibt es Lösungen? Stehen wir schliesslich auch vor solchen Fragen mit dem Urteil: Jawohl! Natürlich! Wir töten sie nicht, aber das Leben, das ja in tausend Gestalten unter unseren Händen sich täglich abspielt, ist doch im tiefsten Grunde ein Leben, das nicht wert ist, geliebt zu werden?
Ich sage: nein! Und will dieses Nein noch mit einigen Antworten deutlich machen.
Einmal: Wir nehmen diese Kranken und Schwachen allerdings aus der Gemeinschaft der Menschen heraus, wo sie nicht mehr hineinpassen, aber wir stellen sie in eine neue Gemeinschaft des Lebens und der Arbeit hinein. Wenn sie einmal durch Bethel wandern, dann sehen Sie nicht nur diese dunklen äusseren Bilder, sondern Sie sehen da eine fröhliche miteinander arbeitende Gemeinde. Das haben wir am Anfang unserer Arbeit sofort gesehen: Es kann sich nicht nur um einen Dienst der Pflege handeln, sondern es gilt jede einzelne kleine Kraft in die Arbeit zu stellen. Gewiss, man sagt immer wieder: Es ist ja ausgeschlossen, solche schwachen, lebensunwerten Menschen in einen Produktionsprozess hineinzustellen. Wenn ich aber unsere Arbeitsgemeinschaft in Bethel ansehe, dann sage ich: Ist dieser Produktionsprozess nicht vielleicht normal, ein Miteinanderarbeiten, wo eine Hand die andere greift, eine grosse sozialistische – wenn wir einmal von allen parteipolitischen Färbungen absehen, könnte man sagen: kommunistische – Arbeitsgemeinschaft, wo jeder im Dienst des Ganzen steht und jede kleinste Kraft an irgendeiner Stelle zum Wohle der anderen eingesetzt wird?
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Quelle: Friedrich von Bodelschwingh, Vortrag in Lübeck über Fragen der Eugenik (1929), in Anneliese Hochmuth, Spurensuche: Eugenik, Sterilisation, Patientenmorde und die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1929–1945, Hrsg. Matthias Benad in Verbindung mit Wolf Kätzner und Eberhad Warns. Bielefeld: Bethel-Verlag, 1997, S. 217–21.