Quelle
Mit meinem Bruder Werner hatte ich seit meiner Rückkehr aus Bern wieder mannigfaltige Kontakte. Gleich nach Kriegsende hatte er sich, damals noch auf Seiten der USPD, in die Politik gestürzt. Auf meinem Weg nach Berlin besuchte ich ihn in Halle, wo er Redakteur des lokalen Parteiblatts war. Die Diskussion, ob ein Mensch wie er wirklich als Vertreter des Proletariats – die Leunawerke waren eine Hochburg der USPD – auftreten könne, flammte auf. Ich ging mit ihm in eine Versammlung, wo er sprach, sah mich um und hörte etwas hin. Mein Bruder war demagogisch nicht unbegabt. Bilde dir doch keine Schwachheiten ein, sagte ich zu ihm, sie klatschen nach deiner Rede und werden dich wohl (worauf sein Ehrgeiz ging) bei den nächsten Wahlen zum Abgeordneten wählen, aber hinter deinem Rücken bleibst du, was du bist. „Der Jude [nicht: der Genosse!] redet ja ganz schön“, hörte ich einen der Arbeiter zu seinen Kollegen sagen.
Quelle: Gerhard Scholem, Von Berlin nach Jerusalem. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S. 182–83.