Kurzbeschreibung

Gershom (Gerhard) Scholem (1897-1982) stammte aus einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Familie. Sein Vater betrieb in Berlin eine erfolgreiche Buchdruckerei. Bereits als Jugendlicher näherte sich Gershom dem Zionismus an und beschloss, sich nach seinem Studium der Mathematik und Philosophie auch dem Studium der Judaistik zu widmen. Zu diesem Zweck schrieb er sich 1919 an der Universität in München ein. Dieser kurze Auszug aus seinen Erinnerungen berichtet über die spürbare bedrohliche Präsenz der Nationalsozialisten in München, das in der NS-Propaganda als „Hauptstadt der Bewegung“ tituliert wurde. 1923 entschied sich Scholem zur Emigration nach Palästina. Er beschäftigte sich dort mit jüdischer Religionsgeschichte und lehrte ab 1925 an der neu gegründeten Hebräischen Universität Jerusalem jüdische Mystik.

Gershom Scholem über die Atmosphäre in München in den frühen zwanziger Jahren (Rückblick, 1997)

  • Gershom Scholem

Quelle

In München hatte ich Gelegenheit, den aufkommenden Nationalsozialismus an der Universität von nahe kennenzulernen. Die Atmosphäre in der Stadt war unerträglich, was heute oft übersehen und in gedämpfteren Farben dargestellt wird, als es wirklich war. Unübersehbar waren die riesigen blutroten Plakate mit dem nicht weniger blutrünstigen Text, die zu den Reden Hitlers einluden. „Deutsche Volksgenossen sind willkommen. Juden ist der Eintritt verboten.“ Mich selber berührte das wenig, da ich meine Entscheidung, Deutschland zu verlassen, längst getroffen hatte. Aber es war doch erschreckend, die Blindheit der Juden, die von alledem nichts wissen und nichts sehen wollten, wahrzunehmen. Das belastete meine Beziehungen zu Münchener Juden sehr, da sie außerordentlich kribbelig und böse wurden, wenn man die Rede darauf brachte. So beschränkte sich mein jüdischer Verkehr auf einen kleinen Kreis Gleichgesinnter.

Quelle: Gershom Scholem, Von Berlin nach Jerusalem. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977, S. 172–73.