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Reporter: Professor Gropius wird auch an der Sitzung des leitenden Ausschusses für den Wiederaufbau des Hansa-Viertels teilnehmen. Das folgende Gespräch wird sicher den Wunsch stärken, diesen großen Architekten wieder für Berlin, wo zahllose dringende Aufgaben auf eine ideenreiche und großzügige Lösung warten, zurückzugewinnen. Aber Professor Gropius fühlt sich zu alt, seine amerikanische Wahlheimat zu verlassen. Für den hastigen und geplagten Großstadtmenschen gibt es ja ein sehr einfaches Rezept, Einsamkeit und Ruhe. Aber Herr Professor Gropius, der Architekt hat es nicht so einfach, er kann nicht solche leichten Rezepte verteilen.
Gropius: Er soll bauen in der Großstadt, er soll bauen für die Masse aber doch gleichzeitig so, dass wirklich Menschen noch in einer menschlichen Wohnung hausen können. Das Wesentliche ist meiner Überzeugung nach, dass der Entwerfer, der Architekt vom Menschen ausgeht in allen Punkten. Er muss studieren, wie die Familie lebt und die Schwierigkeit ist, dass die Familie etwas Bewegliches ist. Wenn eine Familie ohne Kinder anfängt, sind die Bedürfnisse andere, als wenn kleine Kinder heranwachsen, dann kommen Jünglinge, dann gehen die aus dem Haus und die alten Leute bleiben in der Wohnung. Und immer noch muss das Instrument Wohnung all die Bedürfnisse erfüllen. Es ist also eine große Vielseitigkeit und Flexibilität des Wohnungsapparates notwendig, um alle diese wechselnden und schwankenden Begriffe zu erfüllen.
Reporter: Glauben Sie, dass der Architekt von heute wirklich noch immer den richtigen Mittelweg finden kann zwischen der Anpassung an finanzielle Notwendigkeiten und technische Erfordernisse und zwischen der künstlerischen Verantwortung?
Gropius: Das ist einfach die Frage, ob der betreffende Architekt künstlerisches Blut hat, ob er die natürliche Begabung dazu hat, mehr zu tun als technische Bedürfnisse zu erfüllen. Die psychologischen Bedürfnisse sind ganz genau so real und so wichtig wie alle praktischen Bedürfnisse. Und das ist leider sehr viel vergessen worden. Man hat immer gesprochen vom Funktionalismus im Bauen. Man hat auch mich angeprangert als einen rein technischen Menschen, der nur realistisch funktionale Sachen machen wollte. Das ist absolut unrichtig. Für mich ist die Frage der Schönheit ein Urbedürfnis im Menschen, was erfüllt werden muss. Und das bedeutet, psychologische Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn ich eine Wand gelb anstreiche, kommt sie auf mich los, wenn ich sie blau anstreiche, geht sie zurück. Es verändern sich also sozusagen die Maße und das geht natürlich in alle Details des Baus. Und derjenige, der die künstlerische Verantwortung auf sich nimmt, muss diese psychologischen Schönheitsbegriffe genauso erfüllen wie alle praktischen und technischen.
Reporter: Sie nehmen sich ja heute glücklicherweise noch die Zeit, Herr Professor, Ihre Erkenntnisse weiterzugeben, als Pädagoge zu wirken, genau wie damals in Ihrer Zeit am Bauhaus.
Gropius: Ja, ich tue es jetzt nicht mehr, ich habe seit zwei Jahren, bin ich nicht mehr Professor in der Harvard-Universität, wo ich die Leitung der Architekturabteilung hatte, aber für viele Jahre habe ich gleichzeitig gebaut und gelehrt. Und ich halte es für wichtig, dass der Architekturlehrer die Praxis niemals aufgibt, denn er muss sich ja immer wieder neu verjüngen und aus neuem Schaffen heraus auch die Möglichkeiten finden, seinen Studenten etwas zu geben. Für mich ist das Wichtigste dem Schüler gegenüber, ihm eine Art Gesinnung zu überliefern. Information bekommt er dann jedenfalls. Wenn ich es erreiche, ihn zu stimulieren, dann fängt er an, selbst zu gehen. Dann wird er Wege suchen, sich selbst zu orientieren. Und Information kann man niemals vollständig 100 Prozent geben. Es ist nur ein Hilfsmittel zu dem Ganzen. Was wesentlich ist, dass ich ihm eine selbstständige Gesinnung beibringe, für die er kämpft und geradesteht, für die er auch Opfer bringt.
Reporter: Besonders bemerkenswert, dass Sie, Herr Professor, der ja für die Individualität ist und nicht etwa für die Norm, dass gerade Sie sich mit dem Thema der vorfabrizierten Häuser beschäftigt haben, nicht nur darüber geschrieben haben, sondern wohl auch die technische Entwicklung beeinflusst, weil Sie wissen, dass die heutige moderne Bauweise eben solcher rationellen Methoden verlangt?
Gropius: Für mich liegt diese ganze Frage, die mich sehr interessiert, auf dem kulturellen Gebiet. Ich habe gefunden, namentlich auf einer Weltreise im vorigen Jahre in Japan, dass das Kennzeichen einer wirklich alten, durchdringenden Kultur das ist, das neben einem Generalnenner des Ausdrucks größtmögliche individuelle Verschiedenheit besteht. Das klingt sehr einfach, aber diese Erfüllung einer Antipolarität sozusagen ist gar nicht einfach zu erzielen. Ich habe niemals daran gedacht, dass durch Vorfabrikation wir die Menschen so weit mechanisieren, dass jeder in demselben Hause wohnt. Weit gefehlt. Wenn wir daran denken, dass die Zahl der Typen unserer alltäglichen Dinge im handwerklichen zeitalter eine gewisse zahl war, nun können wir sagen, dass die Maschine, die das alles vervielfältigt, zur Folge gehabt hat, dass noch viele mehr Typen heute auf dem Markt sind als in der handwerklichen Zeit. Genauso wird es auch mit der Vorfabrikation in Häusern kommen. Nicht, dass es die ganzen Häuser sind, die in einer Fabrik hergestellt werden, sondern die vielen Teile, die zu einem Haus gehören, werden alle durch die Maschine gehen, so dass wir eines Tages eine sehr große Anzahl miteinander in Konkurrenz stehender Teilfabrikate vorfinden, aus denen der Architekt dann Häuser zusammensetzt. Der Bauprozess ist dann nicht mehr an dem Bauplatz selbst, sondern der Bauprozess ist in der Fabrik. Wir werden von der Fabrik auf genormten Maßen Teile, die verschieden aussehen, kaufen können. Das gibt uns die große Variation und die Teile sind so erfunden, dass sie verschieden angewendet werden können, sodass wir trotz der Vervielfältigung der Maschine eine große Individualität finden werden.
Reporter: Vielen Dank, Herr Professor. Wir verstehen vollkommen, dass Sie über das Hansa-Viertel noch nichts sagen wollen, bevor Sie nicht das Projekt im Ganzen und bevor Sie nicht Ihre eigene Bauaufgabe gründlich kennengelernt haben. Wir wissen jedenfalls, im Hansa-Viertel zur internationalen Bauausstellung 1957 werden wir auch ein Haus von Walter Gropius haben.
Quelle: Deutschlandfunk Gespräch mit Walter Gropius, Interviewer: Rainer Höynck, 14. September 1955. Zugang über ARD Audiothek https://www.ardaudiothek.de/episode/deutschlandradio-retro-kulturfunk/gespraech-mit-walter-gropius/deutschlandfunk/12043827/