Quelle
Hinter der deutschen Reederei liegt das schwerste Jahr seit Menschengedenken. Durch die Weltkrise ist die Schifffahrt aller Länder stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Zuspitzung der allgemeinen Wirtschaftslage und die Einwanderungsbeschränkungen zahlreicher Staaten ließen den überseeischen Personenverkehr stark zurückgehen.
Der übersteigerte Protektionismus in der Weltwirtschaft hemmte den überseeischen Güteraustausch aufs Schwerste. Und die Währungsschwierigkeiten verschiedener Länder, insbesondere die Entwertung der bisherigen Standardwährung der Schifffahrt des Englischen Pfundes, verschärften die Lage. In all diesen Schwierigkeiten konnte sich die deutsche Schifffahrt bisher, wenn auch unter Betriebseinschränkungen, behaupten.
Zuweilen aber scheint es, als ob die Entwicklung der Wettbewerbsverhältnisse in der Weltschifffahrt einem Punkte nahe gerückt ist, wo auch derjenige sich nicht mehr durchsetzen kann, der vorzügliche Schiffe bereedert und über die geeignetsten Dienste verfügt. Die deutsche Schifffahrt muss, wenn sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen ihre Position erfolgreich verteidigen soll, nicht nur von der Sympathie des deutschen Volkes getragen werden, sie bedarf auch der tätigen Unterstützung von Handel Industrie und allen deutschen Volkskreisen.
Dieser Wunsch kann umso mehr ausgesprochen werden, als die deutsche Handelsflotte hinsichtlich ihres Schiffsmaterials, ihres Personals und ihrer Organisation den höchsten Ansprüchen gewachsen ist. Wir deutschen Reeder haben bislang Subventionen stets abgelehnt, weil sie das freie Spiel der Kräfte und die Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage zum Schaden unseres Gewerbes ausschalten.
Dieser traditions- und überzeugungsmäßige Standpunkt lässt sich aber nur aufrechterhalten, wenn in der Welt nicht die Freizügigkeit der Menschen, der Güter und des Kapitals künstlich gehemmt und die Wettbewerbslage der Schifffahrt der einzelnen Flaggen durch staatliche Eingriffe verschoben wird. Mein Wunsch für das neue Jahr geht dahin, dass die Freiheit der Wirtschaft wieder zum allgemeinen Leitmotiv werden möge und dass im Rahmen einer solchen Freiheit die Handelsschifffahrt der seefahrenden Länder sich zu vernünftiger Kooperation ihrer Interessen unter gleichen Bedingungen zusammenfindet. Beides ist Voraussetzung für das Gedeihen der Schifffahrt in der Welt.
Quelle: Wilhelm Cuno, „Die Lebensbedingungen der deutschen Weltschiffahrt“, 23. Dezember 1932. Deutsches Rundfunkarchiv K000668034