Kurzbeschreibung

In dieser Rede aus dem Jahr 1932, die zwei Tage vor Weihnachten im deutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde, sprach der Unternehmer und ehemalige deutsche Reichskanzler Wilhelm Cuno über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf den Personen- und Güterverkehr der deutschen Schifffahrtsindustrie. Aufgrund seiner Tätigkeit als Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie (HAPAG) verfügte Cuno aus erster Hand über ein enormes Fachwissen zu diesem Thema. Die Position an der Spitze der HAPAG hatte er von 1918 bis 1922 und erneut von 1927 bis zu seinem tödlichen Herzinfarkt weniger als zwei Wochen nach dieser Rede inne. Cuno vertrat liberale wirtschaftliche Ansichten und lehnte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft generell ab, obwohl er während seiner kurzen Amtszeit als Reichskanzler von November 1922 bis August 1923 eindeutig eine Ausnahme von dieser Position gemacht hatte, als er die Politik des passiven Widerstands gegen die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets billigte, indem er die streikenden deutschen Arbeiter aus der Staatskasse subventionierte. In dieser zehn Jahre später verfassten Rede sah Cuno erneut außergewöhnliche Umstände, die eine staatliche Unterstützung rechtfertigten, in diesem Fall speziell für die deutsche Schifffahrt. Er begründete dies mit dem strategischen Wert des maritimen Sektors für die Nation sowie mit den unfairen protektionistischen Maßnahmen, die andere Staaten bereits ergriffen hätten, und den Herausforderungen durch einen zunehmend instabilen Wechselkurs. Anfang 1932 hatte Cuno an der Gründung des sogenannten „Keppler-Kreises” mitgewirkt, einer Gruppe deutscher Industrieller, welche die NSDAP in Wirtschafts- und Finanzfragen beriet, obwohl er sich weigerte, einen öffentlichen Aufruf zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zu unterzeichnen. Neben seiner Geschäftserfahrung schätzten Politiker auch Cunos zahlreiche Kontakte zu den Vereinigten Staaten, eine transatlantische Sensibilität, die ihn 1927 dazu veranlasste, in Hamburg den ersten Rotary Club Deutschlands zu gründen.

Wilhelm Cuno über „die Lebensbedingungen der deutschen Weltschifffahrt“ (23. Dezember 1932)

Quelle

Hinter der deutschen Reederei liegt das schwerste Jahr seit Menschengedenken. Durch die Weltkrise ist die Schifffahrt aller Länder stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Zuspitzung der allgemeinen Wirtschaftslage und die Einwanderungsbeschränkungen zahlreicher Staaten ließen den überseeischen Personenverkehr stark zurückgehen.

Der übersteigerte Protektionismus in der Weltwirtschaft hemmte den überseeischen Güteraustausch aufs Schwerste. Und die Währungsschwierigkeiten verschiedener Länder, insbesondere die Entwertung der bisherigen Standardwährung der Schifffahrt des Englischen Pfundes, verschärften die Lage. In all diesen Schwierigkeiten konnte sich die deutsche Schifffahrt bisher, wenn auch unter Betriebseinschränkungen, behaupten.

Zuweilen aber scheint es, als ob die Entwicklung der Wettbewerbsverhältnisse in der Weltschifffahrt einem Punkte nahe gerückt ist, wo auch derjenige sich nicht mehr durchsetzen kann, der vorzügliche Schiffe bereedert und über die geeignetsten Dienste verfügt. Die deutsche Schifffahrt muss, wenn sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen ihre Position erfolgreich verteidigen soll, nicht nur von der Sympathie des deutschen Volkes getragen werden, sie bedarf auch der tätigen Unterstützung von Handel Industrie und allen deutschen Volkskreisen.

Dieser Wunsch kann umso mehr ausgesprochen werden, als die deutsche Handelsflotte hinsichtlich ihres Schiffsmaterials, ihres Personals und ihrer Organisation den höchsten Ansprüchen gewachsen ist. Wir deutschen Reeder haben bislang Subventionen stets abgelehnt, weil sie das freie Spiel der Kräfte und die Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage zum Schaden unseres Gewerbes ausschalten.

Dieser traditions- und überzeugungsmäßige Standpunkt lässt sich aber nur aufrechterhalten, wenn in der Welt nicht die Freizügigkeit der Menschen, der Güter und des Kapitals künstlich gehemmt und die Wettbewerbslage der Schifffahrt der einzelnen Flaggen durch staatliche Eingriffe verschoben wird. Mein Wunsch für das neue Jahr geht dahin, dass die Freiheit der Wirtschaft wieder zum allgemeinen Leitmotiv werden möge und dass im Rahmen einer solchen Freiheit die Handelsschifffahrt der seefahrenden Länder sich zu vernünftiger Kooperation ihrer Interessen unter gleichen Bedingungen zusammenfindet. Beides ist Voraussetzung für das Gedeihen der Schifffahrt in der Welt.

Quelle: Wilhelm Cuno, „Die Lebensbedingungen der deutschen Weltschiffahrt“, 23. Dezember 1932. Deutsches Rundfunkarchiv K000668034

DRA