Kurzbeschreibung

Im Zuge der im Versailler Vertrag vorgeschriebenen Demobilisierung des Heeres sollten auf alliierten Druck hin auch die Freikorps aufgelöst werden. General Walther Freiherr von Lüttwitz, Chef des Reichswehrgruppenkommandos I in Berlin, dem zwei Reichswehrdivisionen sowie mehrere Freikorps unterstanden, nahm den Auflösungsbefehl zum Anlass, einen bereits seit längerem mit dem ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp geplanten Putschversuch zu unternehmen. Auf Befehl von Lüttwitz marschierte die Marinebrigade Erhardt in Berlin ein, wo sich Kapp am 13. März 1920 zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten ausrief und Lüttwitz zum Reichswehrminister und Oberbefehlshaber der Reichswehr ernannte. Durch einen ab dem 15. März 1920 laufenden Generalstreik sowie die Weigerung der Ministerialbürokratie, den Anweisungen der Putschisten Folge zu leisten, wurden diese aber gezwungen, am 17. März 1920 aufzugeben. In den großen Industriegebieten hielten die Streiks weiter an und wurden letztlich durch Truppenentsendung unterdrückt. Auch die Gewerkschaften und die USPD setzten den Streik bis zum 22. März 1920 fort, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen, was letztlich eine Schwächung der Demokratie bedeutete. Insgesamt wurde durch den Kapp-Putsch die zweifelhafte Loyalität der Reichswehr deutlich.

Der Jurist Arnold Brecht (1884-1977) war ein hochrangiger Beamter und einer der wenigen Angehörigen der gesellschaftlichen Eliten, welche die junge deutsche Demokratie verteidigten. Wenige Tage nach Hitlers Amtsantritt wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und emigrierte im November 1933 in die USA, wo er an der New School for Social Research in New York lehrte. Dieser Auszug aus dem ersten Band seiner Erinnerungen beschreibt die Ereignisse des Kapp-Putschs vom März 1920.

Arnold Brecht über den Kapp-Putsch 1920 (Rückblick, 1966)

  • Arnold Brecht

Quelle

In der Nacht auf den 13. März wurde ich in Steglitz gegen drei Uhr morgens von der Reichskanzlei angerufen, ich solle zu einer plötzlich einberufenen Kabinettssitzung kommen. Als ich ankam, war die Sitzung gerade vorüber. Ebert und die Minister kamen die Treppe vom ersten Stock in die Eingangshalle herunter. Sie hatten in der Nacht die Nachricht erhalten, daß Ehrhardts Brigade auf Berlin marschierte. Zwei Generäle, die ihr von Noske entgegengeschickt wurden, hatten ein Ultimatum zurückgebracht, und als Noske daraufhin die bei ihm versammelten Generäle aufforderte, militärisch vorzugehen, hatten sie sich – mit Ausnahme des Generals Reinhardt – gegen ein solches Vorgehen ausgesprochen mit der von General von Seeckt gegebenen Begründung: „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr.“ Um 7 Uhr sollte, wenn das Ultimatum nicht angenommen wurde, der Einmarsch stattfinden. Noske hatte erklärt, er sei bereit, sich mit einer Kompanie mit Maschinengewehren im Tiergarten in den Weg zu legen und zu schießen, überzeugt, dann würde der ganze Spuk vorüber sein. Aber die Reichsregierung hatte in ihrer nächtlichen Sitzung beschlossen, sofort nach Dresden auszuweichen, um nicht gefangen und handlungsunfähig zu werden.

Ich sollte mit Staatssekretär Albert zunächst zurückbleiben. Der Pressechef Ulrich Rauscher händigte mir, als er mit Ebert und den Ministern das Haus verließ, einen Aufruf zum Generalstreik ein, unter dem in seiner Handschrift die Unterschriften der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder standen, und bat mich, ihn an die Presse weiterzugeben. [] Ebert und die Minister verließen das Reichskanzlerhaus, ich gab den Aufruf weiter [] und ging in mein Amtszimmer.

Inzwischen fing der Morgen an zu grauen. Es war eine seltsam geisterhafte Lage. Ich überlegte mir, was ich noch tun könne. Jeder Minister hatte es übernommen, seinen Staatssekretär zu benachrichtigen. Ich erinnerte mich, wie nackt nach der ersten Revolution die ersten Erlasse der Volksbeauftragten ohne autoritativen Behördenstempel ausgesehen hatten. Daher ließ ich mir vom Büro alle Metallstempel des Reichskanzlers und der Reichskanzlei geben, steckte sie in meinen Mantel, um sie später zu Bruder Gustav in seine Privatwohnung nach Steglitz zu schicken []. Ich telefonierte ihn gegen 6.30 Uhr an. „Guten Morgen, Gustav. Ich sitze hier in der Reichskanzlei. In einer halben Stunde findet ein Putsch statt. Die Reichsminister sind von Berlin fortgefahren, um von außerhalb den Widerstand zu organisieren. Ein Generalstreik wird ausgerufen. Was würdest du an meiner Stelle in dieser halben Stunde tun?“ Er sagt: „Was du tun kannst, weiß ich nicht. Aber ich weiß, was ich tun werde. Ich werde unsere Badewanne voll Wasser laufen lassen.“ Von früheren Erfahrungen wußte er, daß die Unterbrechung der Wasserversorgung das Unangenehmste bei einem Streik war. []

Es folgte eine weitere Reihe operettenhafter Situationen. Um 7 Uhr klingelte es an der Eingangshalle und herein traten drei Zivilisten; Staatssekretär Albert trat ihnen entgegen. Sie fragten ihn: „Sind Sie der frühere Staatssekretär der Reichskanzlei?“ Er antwortete: „Ich bin in der Tat der Staatssekretär der Reichskanzlei, aber nicht der frühere, sondern der gegenwärtige.“ Außerdem empfahl er ihnen, die Hüte abzunehmen. Einer sagte entschuldigend, sie hätten gedacht, dies sei nur ein Vorraum. Albert empfahl ihnen aber, trotzdem die Hüte abzunehmen, was auch geschah. Er erkannte Herrn von Falkenhausen, den er von früher her kannte. „Wir kennen uns ja“, sagte er. Es ergab sich die stille Frage, ob man sich unter solchen Umständen die Hand gäbe. Es geschah nicht. Herr von Falkenhausen stellte die beiden anderen Herren vor; es waren Herr Kapp und Herr von Jagow. Albert drehte ihnen den Rücken und zog sich durch die Gartenpforte auf seine im Garten gelegene Wohnung zurück, wo wir uns verabredet hatten, später zusammenzutreffen.

Nach einiger Zeit betrat ein Zivilist mit zwei Soldaten, die Handgranaten trugen, vom Büro her mein Zimmer. Er fragte: „Sind Sie bereit, für den Herrn Reichskanzler zu arbeiten.“ Ich sagte: „Das tue ich ja bereits.“ Er sah mich stirnrunzelnd an: „Ich meine nicht für den früheren Reichskanzler, sondern für Reichskanzler Kapp.“ Ich: „Ich kenne nur Reichskanzler Bauer.“ Er: „Der ist abgesetzt.“ Ich: „Er ist nach der Verfassung der einzige Kanzler. Ich habe einen Eid auf die Verfassung geleistet, und ich trage meinen Eid nicht in der Hand, wie Ihre Leute ihre Handgranaten.“ Er: „Sie haben auch einen Eid auf den Kaiser geleistet und doch für Ebert gearbeitet. Also könnten Sie jetzt auch für uns arbeiten.“ Ich: „An diesem Irrtum werden Sie scheitern. Damals hatte uns der rechtmäßige Reichskanzler, Prinz Max, gebeten, für Ebert ebenso wie vorher für ihn zu arbeiten. Ebert und Bauer haben mich aber jetzt nicht gebeten, für Sie zu arbeiten, sondern im Gegenteil.“ Ich zog meinen Mantel mit den Stempeln an und verließ das Haus.

[] Auf dem Weg nach dem Potsdamer Platz begegnete ich dem morgendlichen Strom der zu ihren Arbeitsstätten eilenden Menschen, die noch nicht wußten, was geschehen war. Später fuhr ich in unsere Wohnung nach Steglitz, packte ein paar Sachen in eine Handtasche und begab mich zum Anhalter Bahnhof, dem einzigen, der merkwürdigerweise von den Putschisten noch nicht besetzt war, und bestieg den Zug nach Dresden [].

In Dresden fand ich Ebert, Noske und andere Minister in einer längeren Besprechung mit General Märcker befangen. Märcker war zwar nicht willens, mit Kapp zusammenzuarbeiten, aber auch nicht, sich und seine militärischen Kräfte eindeutig hinter Ebert zu stellen. Er erbot sich, mit Kapp zu verhandeln. Ebert weigerte sich, ihm einen solchen Auftrag zu geben. []

Aber bei der zweideutigen Haltung Märckers schien die Lage in Dresden nicht sicher genug. Es wurde daher beschlossen, nach Stuttgart überzusiedeln, wo in größerer Entfernung von Berlin und in einer mehr demokratischen Umgebung die Lage günstiger sein würde. Wir fuhren bei Nacht – zuerst im Auto, dann, als das Benzin ausging, mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug – und schliefen, so gut wir konnten, in unseren Sitzen. []

Der Zug fuhr nach München; wir mußten daher in der Frühe aussteigen und auf den Zug nach Stuttgart warten. Wir saßen in dem Bahnhofsrestaurant und tranken mit Genuß heißen Kaffee []. Man überlegte, daß es ratsam sei, in Stuttgart für einen würdigen Empfang zu sorgen, um die Autorität der Reichsregierung zu unterstreichen. Es sei gut, wenn Militär, möglichst mit Musik, beim Empfang an der Bahn zugegen sei, um die rechtmäßigen Befehlshaber der Wehrmacht, Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Noske, angemessen zu empfangen. Dieser Vorschlag wurde telegrafisch nach Stuttgart aufgegeben. Plötzlich fragte einer: Seid ihr auch ganz sicher, daß das Militär in Stuttgart treu ist? [] Ich wurde dem Telegramm zur Bahnpost nachgeschickt, um die Absendung zu inhibieren []. So fuhren wir beruhigt weiter, wurden auf dem Bahnhof in Stuttgart würdig von der Landesregierung empfangen, wenn auch ohne Militär und Musik, erfuhren, daß das Stuttgarter Militär treu geblieben sei [].

Von da an entwickelte sich jedoch der äußere Verkehr befriedigend. Regierung und Staatsverwaltung bemühten sich, den Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen und ihnen die sachliche Arbeit zur Niederschlagung des Putsches zu ermöglichen. Die Sitzungen fanden im Neuen Schloß statt, wo wir auch Büroräume bekamen. Ich richtete eine Art Reichskanzlei ein und nahm an den Sitzungen teil.

Es drehte sich hauptsächlich um drei Fragen: erstens so schnell wie möglich festzustellen, welche Heeresteile treu geblieben, welche zu Kapp übergegangen waren und welche schwankten, und diese durch bestimmte Befehle zurückzuführen; zweitens zu entscheiden, ob mit Kapp verhandelt werden sollte oder ob jedenfalls die von Minister Schiffer in Berlin unternommenen Versuche, Kapp zum Rücktritt durch gewisse Zusagen zu bewegen, gebilligt werden sollten; und drittens die besonders im Ruhrgebiet zwischen Kommunisten und Militär entbrannten Kämpfe zum Stillstand zu bringen. Alle stimmten überein, daß es keine Verhandlungen mit Kapp geben dürfe. Im Ruhrgebiet versuchte Severing, als Reichs- und Staatskommissar in ständiger telefonischer Verbindung mit uns – die meistens durch mich ging –, die Lage zu meistern.

[]

Otto Meißner, der damals gerade begonnen hatte, bei Ebert im Reichspräsidium Dienst zu tun [] war zunächst in Berlin geblieben, kam aber dann mit dem Dienstwagen nach Stuttgart. Um glatt durchzukommen, hatte er sich vorsorglich Ausweise und Empfehlungsschreiben von beiden Seiten geben lassen und zeigte nun, je nachdem, ob ihn regierungstreue Vigilanten oder Kappisten anhielten, den einen oder den anderen Ausweis vor. Dabei passierte ihm einmal das Mißgeschick, daß er sich irrte und Kommunisten den Kapp-Ausweis vorwies. Sie wollten ihn festsetzen, und es bedurfte langer Verhandlungen, um sie zu bewegen, daß sie ihm die Weiterfahrt gestatteten.

Der schnelle Zusammenbruch der Kapp-Regierung war zu gleichen Teilen der inneren Hohlheit des ganzen Unternehmens, der radikalen Abwehr durch die Arbeiterschaft und dem verfassungstreuen Verhalten der meisten Beamten unter Führung der Staatssekretäre der Reichs- und preußischen Ministerien zuzuschreiben. Die Beamten standen ja damals nicht, wie zwölf Jahre später bei dem Vorstoß des Reichskanzlers von Papen gegen die preußische Regierung, vor dem Dilemma, daß der verfassungsmäßige Reichspräsident selbst die neuen Machthaber ernannt hatte und sie mit seinem Ansehen als Reichspräsident und der Berufung auf seine Verfassungsrechte deckte. Vielmehr richtete sich der Kapp-Putsch gegen den verfassungsmäßigen Reichspräsidenten. In beiden Fällen war die Haltung der Beamten durch die Stellung zum Reichspräsidenten stark beeinflußt. In beiden hatte die persönliche Verunglimpfung der demokratischen Minister bei den höheren Ministerialbeamten wenig Widerhall gefunden, abgesehen von den Angriffen auf Erzberger vor dem Kapp-Putsch. Ebert, Noske und die meisten anderen Minister erfreuten sich bei ihnen vielmehr eines beträchtlichen persönlichen Ansehens, ebenso wie später Otto Braun, Severing, Schreiber, Höpker-Aschoff, Carl Becker und andere preußische Minister.

Quelle: Arnold Brecht, Aus nächster Nähe, Lebenserinnerungen 1884–1927. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1966, S. 302–07.