Quelle
Das Ende der privaten Sphäre
M. M. Gehrke
Der große Krieg hat, wie jeder Krieg, die Vereinzelung aufgehoben und der Masse zu einer seit langem unvorstellbar gewordenen Wichtigkeit verholfen. Die blieb ihr erhalten, auch als der Krieg zu Ende war; die Masse hat ihr Gewicht erkannt und ist aktiv geworden. Sowjetrußland ist nur das durchgeführteste Beispiel des Kollektivismus; die große Linie ist überall die gleiche.
Wir erleben heute nicht die erste Reaktion der Geschichte auf den Individualismus, erleben nicht zum ersten Mal die Praeponderanz der Masse; aber zum ersten Mal geht ihr parallel eine Entwicklung, die sie von außen her in bisher nicht vorstellbarem Maße unterstützt: die Entwicklung der Technik.
Bevor es Städte gab, war die Isolierung und als deren innere Form und Folge der Individualismus das Naturgegebene. Je mehr und enger die Menschen zusammenkamen, desto stärker wurden die äußeren Voraussetzungen des Kollektivismus. Fast jede neue technische Erfindung bedeutete und bedeutet aber auch eine stärkere Zusammendrängung von Menschen. Man erinnere sich des Unterschiedes von Werkstatt und Fabrik; man vergegenwärtige sich, was es heißt, in der Sänfte, zu Pferde und allenfalls in der Postkutsche oder aber in einem zwanzig Wagen langen Eisenbahnzug zu reisen — nächstliegende Beispiele, die jeder beliebig vermehren mag.
Soweit die Entwicklung vor 1914. Seit dem Kriegsende hat sich die Technisierung des Lebens mit betäubender Schnelligkeit entwickelt. Da ist der Rundfunk, durch den nicht mehr ein paar Hundert oder selbst Tausend Besucher eines Theaters das gleiche Erlebnis haben sondern der Tag für Tag, Abend für Abend, Zehntausende, Hunderttausende von Hörern zum gleichen Programm zwingt.
Zwingt? Aber niemand ist doch gezwungen, ein Rundfunkabonnement zu nehmen! Gewiß nicht. Aber — ganz abzusehen von der unwägbaren Beeinflussung der Massenhaftigkeit an sich — hat es der Nachbar, das Gegenüber, die Partei unter, über, neben mir. Alle haben Lautsprecher, alle öffnen bis in den Herbst hinein ihre Fenster, und sind die im Winter geschlossen, so dringt der vorzüglich reproduzierende Lautsprecher durch alle Wände alter und neuerbauter Häuser in das Zimmer, das einmal meine Burg gewesen ist. Unentwegt höre ich schwarz, obgleich ich nicht im Geringsten die Absicht dazu habe. Schweigt das Radio, so tönt das Grammophon; kein Mietshaus, in dem es nicht in mehreren Exemplaren vertreten wäre, und kein Eigentümer, der nicht das altruistische Bedürfnis hätte, die Umgebung an der Vollkommenheit seiner Platten teilnehmen zu lassen. Denn der Kollektivismus findet einen seiner deutlichsten Niederschläge in der heutigen Vergnügungsform. Vergnügen und Geselligkeit waren für die Mehrzahl von jeher wechselseitig voneinander bestimmt; ist es ein Zufall, daß heute auf Rummelplätzen und in Tanzbars Gesellschaftsklassen vertreten sind, von denen früher höchstens die Männer an solchen Plätzen zu finden waren, und auch die nur heimlich? Ist es ein Zufall, daß heute jeder die verständnisvolle Teilnahme der ganzen Straße an seinen Vergnügungsgeräuschen voraussetzt und daß in jeder solchen Straße immer nur ein Einzelner existiert, der Lautsprecher und Grammophon, Hundegeheul und das Knattern nicht abgestellter Motoren als Eingriff in die private Sphäre auffaßt, aber nicht verhindert, weil er als Einzelner nicht den Mut hat, die spärlichen polizeilichen Verbote zu seinen Gunsten in Anspruch zu nehmen? Eine Mehrheit aber, die sich gestört fühlte und geschlossen gegen die Unruhestifter vorginge — die gibt es bezeichnenderweise nicht.
Es wäre töricht, von einem Ende der privaten Sphäre zu reden, wenn weiter nichts vorläge als die kollektivistische Reaktion auf ein individualistisches Jahrhundert. Erst die Parallelentwicklung der Technik berechtigt dazu. Und angesichts der neuesten Entwicklung mehr denn je. Das Problem des Fernhörens ist so gut wie restlos gelöst, nun halten wir beim Fernsehen. Es ist keine Frage, daß wir auch hier der Praxis bereits recht nahe sind. Schon ist ein Allgemeiner Deutscher Fernseh-Verein gegründet, der „die Förderung der Fernsehens und die Vertretung aller damit zusammenhängenden Interessen ...“ bezweckt. Er wird seine Ziele erreichen, und die Menschheit wird um eine wundervolle Erfindung reicher sein. Aber wird es möglich werden, diese Erfindung so anzuwenden, daß sie der Allgemeinheit dient, ohne die Sphäre des Einzelnen zu stören?
Es wird kaum möglich sein. Schon darum nicht, weil es kaum und jedenfalls nicht genügend Einzelne geben wird, die diese Störung als solche empfinden. Niemand wird gezwungen werden dürfen, sich einen Fernsehapparat anzuschaffen; und wenn er ihn hat, so wird er ihn jederzeit ausschalten können? Aber wer garantiert uns, daß nicht Wellen entdeckt. Apparate erfunden werden, die das Fernsehen ausschließlich in den Willen des, sagen wir einmal: Senders stellen, gegen den sich der Empfänger so wenig schützen kann wie heute ein Kirchturm gegen einen Fernstecher? Utopie? Das Wort hat nach Ergebnissen des letzten Jahrhunderts keine Gültigkeit mehr.
Abwehrmaßnahmen? Sie haben keine Aussicht auf Erfolg, da die Allgemeinheit keine Abwehr will. Schlußfolgerungen? Schlußfolgerungen sollen keine gezogen werden. Es wurde nur versucht, den Beweis zu erbringen, nicht für eine Behauptung sondern für noch nicht ganz bekannte Tatsachen, mit denen wir uns abzufinden haben, jeder auf seine Art.
Antwort an M. M. Gehrke von Rudolf Arnheim
M. M. Gehrke betont, daß sie sich jeder Stellungnahme enthalte und nur konstatiere, aber sie spricht nur vom Unangenehmen, nur von den Geräuschen der Terrier, Taubers und Auspuffe, die einem im Zeitalter eines von den Ingenieuren konstruierten Kollektivismus der liebe Nachbar auf den Hals jage. Als ob nicht auch liebenswürdigere Geräusche von Mensch zu Mensch dringen. Sie tritt in unsre Zeit, wie jemand, der lange unter Dach und Fach geborgen gewesen ist, in einen Platzregen; sie spannt den Schirm auf und befürchtet von der Zukunft, sie werde ihr auch noch den Schirm nehmen.
„Kollektivismus“ ist ein gefährlicher weil changierender Begriff. Kollektivismus ist nicht ein Erzeugnis der Technik oder des Zusammenlebens in Städten, er findet sich vielmehr in reinster Form am ersten Anfang der Kultur, bei den Naturvölkern und bei den Tieren. Die Entwicklung und Spezialisierung der menschlichen Geistesarbeit, die zunehmende Arbeitsteilung, der Zerfall der Gemeinschaft in Klassen verschiedener Bildungs- und Einkommensstufe zerstörte den Kollektivismus, und grade die von Gehrke zitierte Fabrikarbeit, die äußerlich betrachtet gegenüber dem Werkstättenhandwerk die Zusammenrottung großer Massen bringt, hat einen echten Kollektivismus, eine Zusammenarbeit vernichtet, die zur Zeit der Zünfte selbstverständlich waren.
Denn Kollektivismus ist nicht gleich Zusammenrottung. Die Großstädter, die einander auf den Leib und auf die Seele rücken, führen nicht mehr Gemeinschaftsleben als die Sardinen in der Büchse. Sie leben nicht miteinander, sie stören sich. Kollektivismus ist das nicht, sondern der wäre nur die schönste und zweckmäßigste Manier, sich mit diesem Übelstand abzufinden.
Im übrigen gibt es stärkere Angriffe auf das Privatleben als die Rabitzwand und das Boschhorn. Es wäre hier von der allgemeinen Vertrustung unsrer Kulturproduktion zu sprechen, von der Normierung der Gebrauchsgegenstände und der Nahrung, vom Unterhaltungsmonopol der Fernhör- und Fernseh-Zentralen, gegen die man sich nicht nur, was Gehrke betont, wird wehren müssen sondern auf die man angewiesen sein wird ... wer weiß, ob man in zwanzig Jahren am Abend nicht nur ein einziges Theaterstück, dies aber in allen Wohnungen des Reiches wird hören können, es sei denn, daß ein Kommerzienrat seine Freunde in sein Privattheater einladet. Wie sich damit abfinden?
Der Widerstreit zwischen Individuum und Gesamtheit hatte zuletzt eine Lösung gefunden, die sehr zum Nutzen unsrer Arbeit war, aber eine Verärmlichung des Lebens gebracht hatte. Tapezierte Mauern und ein Bankkonto boten genügend Schutz für Studien, die im Treibhaus prächtig gediehen, Wissenschaften und Künste auf den Gipfel führten. Aber die Mehrzahl der Volksgenossen lebt ohne Bildung und Kultur, bis ebendieselbe Wirtschaftsform, die dies Analphabetentum hervorgerufen, nun durch die Vertrustung alles Bedarfs die Wände niederreißt und die Gesamtheit der Volksgenossen sei es zur Kultur, sei es zum Plebejertum führt. Wer bisher in aller Privatruhe sich selbst mit guten Dingen und damit eben diese guten Dinge gepflegt, sieht sich gezwungen, auf die Bedürfnisse der Allgemeinheit Rücksicht zu nehmen, weil ihm die individuellen Bezugsquellen sachte abgeschnitten werden. Und er sieht sich aus Eigennutz auf einen Altruismus angewiesen, der höchst nützlich werden kann. Denn da nun gleiches Brot für alle gebacken wird, liegt es in seinem eignen Interesse, auf die Besserung des Gebotenen zu sinnen und die Aufnahmeorgane der Masse zu veredeln, damit die allgemeine Kost auch bei mehr Gehalt noch bekömmlich sei. Diese Notwendigkeit wird allerdings der Kulturarbeit auf lange hinaus gewaltigen Schaden bringen, und es ist kein Vergnügen zu sehen, wieviel Barbarei und Vergröberung zum Beispiel das Sowjetsystem in die Kunst und die Wissenschaft hineinträgt. Aber sie weckt zugleich — vom egoistischen Standpunkt des Individuums aus gesehen — die verkümmerten Freuden am Leben in der Gemeinschaft, am Helfen, am Austausch. Sie wird den geistig Produktiven das Vergnügen des Lehrens, des Schenkens gewähren, eine gute Beigabe zu dem unfrohen Fanatismus, den die Einsamkeit der Studierstube so häufig mit sich bringt. Und sie wird, wie an unsern Zeitgenossen deutlich zu sehen, die Verlockung bringen, den Geist zu verraten und sich im Schutze wohliger, einschläfernder Kameradschaftlichkeit Vergnügungen hinzugeben, auf die der Massenmensch heute noch angewiesen ist, die aber den Kultivierten depravieren. Eine nützliche Aufstörung: die allzu gefestete Position der Verwöhnten wird erschüttert werden, sich unter erschwerten Umständen bewehren und nicht nur für die Sache sondern auch für den Nebenmenschen fruchtbar werden müssen. Und in den mit Entengrütze bedeckten Weiher, in dem eine wimmelnde Masse ihr Leben führte, werden Sonnenstrahlen und die aufregenden Düfte neuartigen, gefährlichen Futters fallen. Es lohnt das Unbehagen!
Quelle: M.M. Gehrke und Rudolf Arnheim, „Das Ende der privaten Sphäre”, Die Weltbühne 26, Nr. 2 (7. Januar 1930), S. 61–64; nachgedruckt in Die Weltbühne – Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. 26. Jahrgang 1930. Königstein/Ts.: Athenäum Verlag, 1978, S. 61–64.