Kurzbeschreibung

Die Journalistin Hilde Walter (1895–1976) arbeitete bis 1918 als Sozialarbeiterin, studierte später Literatur und Kunstgeschichte und wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Journalistin tätig. Von 1927 bis 1933 schrieb sie Artikel für die von Carl von Ossietzky herausgegebene, bürgerlich-linke Wochenzeitung Die Weltbühne, in der auch dieser Text im Juli 1931 erschien. Darin gibt Walter eine ungeschönte Bestandsaufnahme weiblicher Erwerbstätigkeit, die stark vom optimistisch propagierten, aber letztlich nur von der Oberschicht gelebten Ideal der „Neuen Frau“ abwich. Der Artikel ist zudem ein Zeugnis für die zunehmende Kritik an berufstätigen Frauen nicht nur aus konservativen Kreisen, die besonders während der Wirtschaftskrise zusehends lauter wurde. In der Spätphase der Weimarer Republik zeichnete sich somit bereits die Rückentwicklung weiblicher Gleichberechtigung und Unabhängigkeit ab, die im Nationalsozialismus Politik werden sollte. Die jüdische Journalistin Hilde Walter floh im November 1933 zunächst nach Frankreich und 1941 mit einem Not-Visum in die USA. 1952 kehrte sie in ihre Heimatstadt Berlin zurück, wo sie ihre journalistische Arbeit fortsetzte. 1965 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Hilde Walter, „Frauendämmerung?“(1931)

  • Hilde Walter

Quelle

Frauendämmerung

Die Frauen sind unbeliebt geworden. Das hört man nicht gern, weil es an Dinge rührt, die mit Vernunft allein nicht mehr zu erklären sind. Eine Atmosphäre von Mißbehagen sammelt sich um die Gesamtheit der arbeitenden Frauen. Eine zwar unorganisierte, aber sehr starke Abwehrbewegung richtet sich gegen alle; ihre Auswirkungen werden die Einzelnen früher oder später zu spüren haben.

Von rechts bis links wird auf einmal wieder mehr oder weniger deutlich Sinn und Berechtigung der Frauenberufsarbeit in Frage gestellt. Dabei steht im Augenblick noch nicht einmal die alte Diskussion über die sogenannte „Gleichberechtigung“, über den „gleichen Lohn für gleiche Leistung“ im Vordergrund. Wir müssen uns auf einmal wieder mit den primitivsten Argumenten gegen die weibliche Erwerbstätigkeit auseinandersetzen.

Diese neue Aggression ist leider nicht ganz ohne unsre eigne Schuld so groß geworden: die Erscheinung der arbeitenden Frauen wird zu den verschiedenartigsten Propagandazwecken generell umgelogen. Ausgenommen von dem allgemeinen Fälschungs- und Vergoldungswahn ist vielleicht nur die schwer arbeitende Proletarierfrau, deren Lebensform keinerlei Anhaltspunkte für optimistische Darstellungen in Wort und Bild zu bieten vermag. Wenn von „Frauenarbeit“ die Rede ist, wird meist nicht an die Gestalten der Käthe-Kollwitz-Bilder gedacht. Vielmehr wird seit Jahren jede Frauenarbeit als „Errungenschaft“ proklamiert, photographiert, verniedlicht und mit einer Himbeersauce ewig fortschreitender Prosperity übergossen. Das Siegesgeschrei von den unbegrenzten Möglichkeiten weiblicher Tüchtigkeit, von den ständig neu eroberten Positionen stammt zum Teil von den Vertreterinnen der neuerschlossenen Frauenberufe. Angst und Schrecken ergriff die männlichen Kollegen, die den Glanz der Neuheit und Apartheit, womöglich durch weibliche Reize verstärkt, als unlautern Wettbewerb empfinden mußten.

Sehr bald haben noch dazu sämtliche auf Frauenkundschaft angewiesene Konsumindustrien die Zugkräftigkeit solcher Schlagworte erkannt und für Reklamezwecke ausgewertet. Selbst die schlechtest bezahlte Verkäuferin oder Stenotypistin gibt noch ein wirksames Plakat ab, in neckischer Aufmachung Sinnbild dauernden Wochenendvergnügens und ewiger Jugendfrische. Mittelmäßige weibliche Berufserfolge mit vielleicht sehr mangelhafter Barvergütung werden in Jahrbüchern und Wandkalendern glorifiziert, wenn möglich unter Anwendung der Spitzmarke „Frauen für Frauen“. Wer hätte je einen Maschinenbauer in Gehaltsklasse 10 der Mitwelt vorgestellt, wie er grade für seine lieben Geschlechtsgenossen eine Lokomotive baut?

Das mußte den Männern mit der Zeit auf die Nerven gehen. Nur auf solcher Basis konnte sich der Aberglaube entwickeln, daß Ausschaltung von Frauenarbeit gegen Massenarbeitslosigkeit hilft. Sachliche Argumente sind in den Wind gesprochen. Vergeblich hat fast jede Zeitung links von der D.A.Z. in den letzten Monaten Zwecks Aufklärung und Belehrung die bekannten Zahlen aus der Berufszählung gebracht, die einwandfrei beweisen, daß eine Entfernung etwa der verheirateten Frauen vom Arbeitsmarkt nichts nützen würde. Umsonst erklären die freien Gewerkschaften immer wieder, daß die überwiegende Mehrzahl der elfeinhalb Millionen berufstätiger Frauen mit der Massenfabrikation jener Konsumgüter beschäftigt wird, die früher ebenfalls von der Frau im Hause selbst hergestellt worden sind; daß zweieinhalb Millionen verheiratete Frauen in landwirtschaftlichen und gewerblichen Eigenbetrieben des Familienoberhauptes arbeiten und zwei Millionen Frauen in heiratsfähigem Alter überhaupt gänzlich unversorgt bleiben werden.

Mit so vernünftigen, so nüchternen Mitteln wird man eine Massenpsychose nicht bannen, die beinahe mystische Vorstellung von der ökonomischen Schädlichkeit der arbeitenden Frau jetzt nicht mehr ausrotten können. Für die Entdeckung der Quellen, aus denen sich dieser männliche Affekt ständig erneuert, sind die Psychologen zuständig. Sie könnten vielleicht untersuchen, wie weit noch heute eine dunkle Geschlechtsangst die Mehrzahl der Männer hindert, ökonomische Gegebenheiten sachlich und klar zu erkennen. Eine Aufklärung der umgelogenen sozialen Tatbestände kann allerdings nur von den Frauen selbst geleistet werden, wenn sie sich im allgemeinen entschließen, über ihr Berufsschicksal ebenso offen zu sprechen wie über ihr Liebesleben.

Da ist die erfolgreiche Oberschicht unsrer vielgefeierten Pionierinnen, die in vorgerückten Jahren als Abgeordnete und höhere Beamte, als Führerinnen großer Berufsgruppen auf ein wirtschaftlich gesichertes Alter rechnen können. Sie mögen einmal berichten, in welchem Lebensalter sie in den wirtschaftlichen Wettbewerb eingetreten sind, wieviel Geld in den Aufstieg gesteckt werden mußte, bis sie in den kritischen Jahren nicht mehr von Vorgesetzten und Mitarbeitern abhängig waren, die jede alternde Frau als Arbeitskraft ablehnen. Da sind die jungen Akademikerinnen, die ihre Anstellung als „wissenschaftliche Mitarbeiterin“ nur bekamen, weil sie nebenbei als perfekte Stenotypistinnen zu brauchen sind. Das Heer der weiblichen Angestellten, die zur Behauptung einer Stellung mit hundertfünfzig Mark Monatsgehalt einen Lebensstandard aufrechterhalten müssen, der einem Einkommen von zweihundertfünfzig Mark entspricht. „Zusätzliche Leistung“ in irgendeiner Form wird meist stillschweigend aufgebracht.

Ganz nebenbei werden die arbeitenden Frauen als Gesamtheit auch noch gern für gewisse Betriebsunfälle verantwortlich gemacht. Wenn der tägliche Arbeitsrhythmus durch zeitraubende Auswirkungen zarter Beziehungen innerhalb des Betriebes einmal durchbrochen wird, schreit alles nach der Beseitigung des störenden weiblichen Elements. Als ob nicht betriebsfremde Verwirrungen der Gefühle die männliche Arbeitsfähigkeit ebenso stark lahmlegen könnten. Leider hat die Betriebswissenschaft bisher noch nicht ergründet, wieviel produktive Leistungssteigerung durch die arbeitenden Frauen in der Verbindung von Beruf und Liebe erreicht werden kann.

Die Wahrheit über Lebens- und Arbeitsbedingungen der heutigen Frau ist zum Teil in den Veröffentlichungen der Berufsverbände zu finden. In einer neuen Erhebung des Afa-Bundes über „Das Arbeiten an Schreibmaschinen“ mußte festgestellt werden, daß die meisten Stenotypistinnen und Maschinenschreiberinnen nach zehn- bis fünfzehnjahrelanger Berufsarbeit völlig ausgepumpt sind. Aber die besten Enqueten und wertvollsten Monographien erlangen nicht die gleiche Publizität wie der ewige Optimismus, der im Namen des gesamten Geschlechts an sichtbarer Stelle verzapft wird. Wenn zum Beispiel die Rede-Elevinnen der Frau von Kardorff als neue weibliche Jugend auftreten, um die „hohe politische Aufgabe der Frau“ erneut zu entdecken, kann man sich über die entsprechende männliche Reaktion nicht wundern.

Es ist höchste Zeit, mit der Fiktion von der Einheitsfront aller arbeitenden Frauen aufzuräumen. Die laute Propaganda für den vagen Begriff Frauenarbeit schlechthin mischt sich peinlich mit dem Triumphgeschrei über längst errungene „Siege“ und zerstört nur den guten Willen der Gegenseiten. Wenn dieselben Intensitäten von den Frauen in aller Stille innerhalb der einzelnen Berufsgruppen zur Aktivierung ihrer Kollegen beiderlei Geschlechts aufgebracht würden, ließen sich wahrscheinlich bessere Resultate für die Arbeitsbedingungen aller Beteiligten erzielen.

Quelle: Hilde Walter, „Frauendämmerung“, Die Weltbühne 27 (7. Juli 1931), S. 24–26; nachgedruckt in Die Weltbühne – Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. 27 Jahrgang 1931. Königstein/Ts.: Athenäum Verlag, 1978, S. 24–26.

Hilde Walter, „Frauendämmerung?“(1931), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/die-weimarer-republik-1918-1933/ghdi:document-3894> [16.03.2026].