Quelle
Was mich zu Brecht hinzieht, ist zunächst das starke Ineinandergehen meiner Musik mit seiner Dichtung, das in B.-B. [Baden-Baden] alle massgebenden Beurteiler überrascht hat. Dann aber glaube ich bestimmt, dass aus der intensiven Zusammenarbeit zweier gleichermassen produktiver Leute etwas grundlegend Neues entstehen kann. Es steht doch ausser Zweifel, dass gegenwärtig eine völlig neue Art von Bühnenkunstwerk entsteht, das sich an ein anderes u. ungleich grösseres Publikum wendet, u. dessen Wirkung in ganz ungewohnter Weise in die Breite gehen wird. Diese Bewegung, deren stärkster Faktor auf dem Gebiete des Schauspiels Brecht ist, hat bisher nirgends (ausser in Mahagonny) auf die Oper übergegriffen, obwohl die Musik eines ihrer wesentlichsten Elemente ist. In langen Unterredungen mit Brecht habe ich die Überzeugung gewonnen, dass seine Ansichten von einem Operntext mit den meinen weitgehend übereinstimmen. Das Stück, das wir schaffen werden, wird nicht Aktualitäten ausnützen, die nach einem Jahr veraltet sind, sondern es will unsere Zeit in einer endgültigen Form gestalten. Daher wird seine Auswirkung sich weit über seine Entstehungszeit hinaus erstrecken. Es gilt eben das neue Genre zu schaffen, das die völlig veränderten Lebensäusserungen unserer Zeit in einer entsprechenden Form behandelt. Dass von dieser Kunst trotz ihrer Neuartigkeit eine durchschlagende Wirkung ausgeht, haben Sie in Baden-Baden beobachten können.
Quelle: Nils Grosch, Kurt Weill. Briefwechsel mit der Universal Edition. Stuttgart: J.B. Metzler, 2002, N. 229, S. 78–79.