Kurzbeschreibung

Der in Ostpreußen geborene Architekt Erich Mendelsohn (1887-1953) gilt als einer der wichtigsten Vorreiter und Vertreter der modernen Architektur. Nach dem Studium in Berlin und München betätigte sich Mendelsohn, der ein starkes Interesse an Musik and Kunst hatte, zunächst neben der Architektur auch als Bühnen- und Kostümbildner. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Sanitäter gedient hatte, eröffnete er in Berlin sein eigenes Architekturbüro. Er war Mitglied im Arbeitsrat für Kunst und später im Deutschen Werkbund. Berühmt wurde Mendelsohn durch den Entwurf des als „Einsteinturm“ bekannten Observatoriums in Potsdam, das 1922 fertiggestellt wurde. Trotz Weltwirtschaftskrise und Inflation wurde Mendelsohns Büro zu einem der erfolgreichsten in Deutschland, das vor allem durch seine Entwürfe für Geschäftshäuser wie z.B. das Verlagshaus Rudolf Mosse in Berlin auch internationale Anerkennung erreichte. 1933 entschlossen sich Mendelsohn und seine Frau Luise, die beide jüdischen Glaubens waren, angesichts der antisemitischen Propaganda der neuen Regierung unter Hitler zur Emigration. Sie gingen zunächst in die Niederlande, anschließend nach Großbritannien und von dort nach Palästina, bevor sie schließlich 1941 in den USA ansässig wurden. Dieser Artikel über den Zusammenhang von Architektur und Politik wurde zuerst Ende Dezember 1928 in der Frankfurter Zeitung, einer der wichtigsten liberalen Tageszeitungen dieser Zeit, veröffentlicht.

Erich Mendelsohn, „Architektur und Politik“ (28. Dezember 1928)

  • Erich Mendelsohn

Quelle

Die Arbeit des Architekten ist wie kaum eine andere abhängig von den wirtschafts- und sozialpolitischen Grundlagen ihrer Zeit. Sie ist damit zwangsläufig der allgemeinen Politik verbunden. Die Ereignisse der Umwelt, ihre politische Struktur bestimmen die Plattform, auf der die architektonische Arbeit sich erst auszuwirken hat.

An überlieferten Formen hängen und politisch rückwärtssehen ist ebenso folgerichtig wie den neuen konstruktiven Willen unserer Zeit bejahen und gleichzeitig ihre revolutionären politischen Voraussetzungen. Es hängt von der politischen Spannung der ganzen Zeit ebenso ab wie von dem Grad der Hingabe des einzelnen an sein spezielles Werk – ob die Politik eine platonische Angelegenheit ist für die Stunden der Arbeitsruhe und der Diskussionserregung oder eine innere Notwendigkeit. Denn zwischen Sport und Glauben bewegt sich die ganze Welt – auch ihre Politik.

Darum ist niemand unbeteiligt, nur der Grad der Bewußtheit ist verschieden; die Blickweite und das Gefühl für die innere Zusammengehörigkeit aller Zeiterscheinungen. Deshalb ist es unmöglich, beiseite zu stehen als Objekt der Politik. Denn unsere Arbeit beginnt erst, wenn die Politik fertig ist – sie ist verdammt, wenn die Politik die Zeit verkennt. Erst die politische Barrikade, dann die künstlerische. Oft gehen beide parallel.

Quelle: Deutsch- und englischsprachiges Manuskript, 1928, Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Erich Mendelsohn-Archiv, Mss 8; deutsche Fassung publiziert in Frankfurter Zeitung, 28. Dezember 1928; abgedruckt in Erich Mendelsohn, Gedankenwelten, Unbekannte Texte zu Architektur, Kulturgeschichte und Politik, Hrsg. Ita Heinze-Greenberg und Regina Stephan. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag, 2000, S. 55.