Kurzbeschreibung

Otto Schumacher-Hellmold (1912-2006) schrieb für eine Reihe westdeutscher Zeitungen über Politik und half bei der Gründung der liberal-demokratischen Partei der Mitte, aus der schließlich die FDP hervorging, die er anschließend als Kommunalpolitiker und später als Bürgermeister der Stadt Bonn vertrat.

Als gebürtiger Bonner erinnert sich Schumacher-Hellmold in diesen Passagen an einige seiner Erinnerungen als kleiner Junge, der unter der kanadischen und dann britischen Besatzung seiner Stadt von Dezember 1918 bis Februar 1920 lebte. Er berichtet von den Einschränkungen und Demütigungen, die mit der Besetzung einhergingen, und erwähnt, dass die Briten einige der besten Gebäude und Einrichtungen für ihre alleinige Nutzung beschlagnahmten. Dennoch erinnert sich Schumacher-Hellmold vor allem daran, dass er und andere Bonner Einwohner schließlich einen zähneknirschenden Respekt und sogar Zuneigung für die Briten entwickelten, und er beschreibt mit kindlicher Begeisterung seine erste Begegnung mit einem Toaster in einem der Speisesäle, in den ihn einige freundliche britische Soldaten eingeladen hatten.

Otto Schumacher-Hellmold über die britische Besatzungsmacht in Bonn, 1918–1920 (Rückblick, 1990)

Quelle

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Am 8. Dezember 1918 rückten britische Besatzungstruppen in Bonn ein. Der Chef der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall von Hindenburg, hatte die Bevölkerung aufgefordert, die Soldaten der Entente höflich zu empfangen. Seinem Wunsch entsprechend rief auch ein Bonner Stadtverordneter die Bürger zu „würdevollem deutschen Verhalten“ gegenüber den fremden Truppen auf, und der Verband Bonner Frauenvereine richtete einen Aufruf an die weibliche Bevölkerung, der folgende Sentenzen enthielt: „... Schmach über jeden Bonner Bürger, der an diesem Unglückstag nicht mit Frau und Kindern innerhalb der vier Wände bleibt und bei unvermeidlichem Ausgang nicht unbeirrt seines Weges geht, ohne rechts und links zu schauen. Schmach über jedes Mädchen, das bei späteren Aufzügen oder ähnlichen Veranstaltungen seiner Begierde nicht zu gebieten und seine Würde der Besatzung gegenüber nicht zu wahren weiß! Höflich, aber durchaus kühl und zurückhaltend sei unser Wesen!“

Eine starke nationale Grundhaltung bestimmte schon damals die Haltung der Bevölkerung. Daß das deutsche Heer im Kampf besiegt worden war, wollten viele nicht wissen. Wie die 18. Armee, die Bonn auf dem Rückmarsch passiert hatte, galt das ganze deutsche Heer als „im Felde unbesiegt“.

Zunächst nistete sich der Stab des kanadischen Expeditionskorps in Bonn ein. Der Oberbefehlshaber, Generalleutnant Sir Arthur Currie, nahm Quartier im Palais Schaumburg, dem Wohnsitz der lebenslustigen Prinzessin Viktoria von Preußen. Es wird berichtet, daß der Bauernsohn Currie es besonders genossen habe, in der Suite des Palais zu wohnen, die Wilhelm II. bei seinen Bonner Besuchen benutzt hatte.

Über engere Kontakte zwischen der Bonner Bevölkerung und den Kanadiern wurde wenig bekannt. Als General Currie am 13. Dezember 1918 auf der Rheinbrücke eine Parade der 2. Kanadischen Division abnahm, geschah das fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Schon wenige Wochen später, am 26. Januar 1919, verließen die kanadischen Einheiten Bonn. Die ihnen folgenden englischen Verbände belegten nicht nur Kasernen, sondern auch Hotels, Tanzsäle und Privatquartiere sowie Krankenhäuser und acht Schulen, darunter auch die Stiftsschule. Unterhaltungsstätten, Sportplätze und Badeanstalten wurden beschlagnahmt, Verkehrs- und Nachrichtenwesen überwacht, die Grußpflicht gegenüber britischen Offizieren eingeführt.

Die distanzierte, förmliche Art der Engländer mißfiel den Bonnern zunächst. Mit der Zeit besserte sich das Verhältnis jedoch. Ich als Siebenjähriger konnte mich am wenigsten beklagen. Ich war häufiger Gast der britischen Einheit, die im „Katholischen Gesellenhaus“ zwischen Stiftskirche und Beethovenhaus in Quartier lag. Mehrmals nahmen mich meine Tommys mit in den Speiseraum zum Mittagessen. Diese Einladung empfand ich als etwas Außerordentliches. Daß ich dort sogar mit fast dreißig Soldaten an langen blanken Tischen sitzen konnte und mit für die damalige Zeit köstlichen Speisen verwöhnt wurde, ist mir ein Leben lang in Erinnerung geblieben.

Bald gab's auch kleine Einblicke in die britische Lebensart. Viereckige weiße Brotschnitten wurden vor meinen Augen ausgepackt und mit einem krächzenden Geräusch in ein metallenes Gerät gesteckt, das, wie ich später zu Hause berichtete, „so ähnlich glühte wie unser Küchenherd, wenn er stark gestocht wird“. Mit einem „Klick“ sprang das Brot, leicht gebräunt, kurz darauf aus dem Gehäuse und wurde mit Butter und einer herb- aromatischen, mir völlig unbekannten Marmelade bestrichen. Niemals mehr hat ein Toastbrot mit „Jam“ mir so gut geschmeckt wie in jenen Tagen.

Danach holte mein „Tommy“ ein viereckiges Holzbrett heraus, etwa handtellergroß, mit einem Längsschnitt in der Mitte. ln diesen Schlitz hinein reihte er die goldfarbenen Knöpfe meines Marineanzugs, drückte eine Paste darauf und polierte sie auf Hochglanz.

Von 7 Uhr abends bis 6 Uhr morgens war Ausgangssperre, deren Einhaltung streng kontrolliert wurde. Wie sollten sich nun meine Mutter und Bruder Willy verhalten, als sie eines Abends von erfolgreicher Hamsterfahrt nach Bonn zurückkehrten, der Zug aber erhebliche Verspätung und die Sperrstunde schon begonnen hatte?

Da die beiden vor dem Bahnhof keinen Kontrollposten sahen, hasteten sie sofort los, die Poststraße hoch, bogen schnaufend in die Münsterstraße und legten gleich rechts vor dem „Berliner Hof“ (heute Hertie) einen Halt ein, um die schwere Hamsterware kurz abzusetzen. Sie glaubten sich in dieser Nebenstraße sicher, aber schon nahte das Unheil. Plötzlich stand ein britischer Offizier vor ihnen: „Kontrolle!“ Meine Mutter, die recht gut englisch sprach, ließ ihn wahrheitsgemäß wissen, daß der Zug Verspätung gehabt habe und daß die etwas ungewöhnlich große Menge Kartoffeln für ihre sechs Kinder im Alter von drei bis sechzehn Jahren bestimmt sei, während der Vater noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt sei.

Und da geschah das Unfaßbare – um den beiden Hamsterern weitere Kontrollen auf dem Nachhauseweg zu ersparen, packte sich der Offizier, nun schützend vor den beiden gehend, den schweren Sack und schleppte ihn bis zu unserer Haustür.

Mein Bruder blieb mit ihm bis zum Abzug der britischen Truppen Ende Februar 1920 in Verbindung.

Als die Briten 1918 in Bonn einzogen, schrieb die Deutsche Reichszeitung: „Die Haltung der Engländer war tadellos.“ Als sie im Februar 1920 abgezogen waren, hieß es: „Von Anfang an traten sie an ihre Aufgabe mit Fairneß heran.“

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Quelle: Otto Schumacher-Hellmold, „Prügelstrafe für Separatisten. Puck, die Patrioten und die ‚Poilus‘ – Bonn zwischen den beiden Weltkriegen“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 376–78.

Otto Schumacher-Hellmold über die britische Besatzungsmacht in Bonn, 1918–1920 (Rückblick, 1990), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/die-weimarer-republik-1918-1933/ghdi:document-5391> [16.03.2026].