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Als Reichskanzler Max von Baden am 9. November 1918 die Geschäfte an Friedrich Ebert übergab und Philipp Scheidemann die Deutsche Republik ausrief, war ich zehn Jahre alt und lebte bei meiner Tante. Einige Jahre vorher, als die Geburt meines Bruders bevorstand, hatten meine Eltern mich zu der kinderlos verheirateten Schwester meiner Mutter gebracht, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Fuhrpark meiner Heimatstadt München-Gladbach (damals noch mit „ü“ geschrieben) wohnte. Mein Onkel leitete dort als Stallmeister den städtischen Pferdebetrieb. Noch war ja die Straßenbahn eine Pferdebahn; ihre Gleise führten in unseren Hof, wo auch die Schuppen für die Wagen lagen.
Die schönsten Tage im Fuhrpark waren allerdings schon vorbei. Vater und Onkel, Arbeiter und Pferde waren zum Kriegsdienst eingezogen. Die Ställe standen leer. Frauen verrichteten die noch anfallenden Arbeiten. Es herrschte eine unwahrscheinliche Ruhe in dem großen Gelände, auf dem es neben dem Wohnhaus, den Pferdeställen und den Wagen-, Heu- und Strohschuppen noch Handwerksunterkünfte, einen großen Brandweiher und erhebliche Freiflächen gab.
Seit Ostern 1918 war ich in der Sexta des stiftisch-humanistischen Gymnasiums. Da auch die Lehrer im Felde waren, erhielten wir den Unterricht von Lehrerinnen. Unter diesen war die Frau des Direktors weniger darauf bedacht, uns in den Schulfächern weiterzubringen, als zu erfahren, was unsere Mütter in dieser schwierigen Zeit kochten. Wenn sie von einem besonders interessanten Gericht - zum Beispiel Brennesselgemüse – erfuhr, ruhte sie nicht, bis sie das zur Zubereitung erforderliche Rezept besaß. Wir lernten naturgemäß in dieser Zeit wenig.
Von unserer Wohnung aus sah ich den Rückmarsch deutscher Truppen. Für mich war es ein buntes Bild. Manche Verbände marschierten in militärischer Ordnung mit ihren Offizieren an der Spitze. Viele jedoch liefen völlig ungeordnet daher. Sie hatten Schulterklappen und Abzeichen abgerissen und trugen rote Tücher oder Armbinden.
Anfang Dezember änderte sich das Bild. Nunmehr zogen belgische Soldaten vorbei. Dieses militärische Schauspiel lockte die Anwohner an den Straßenrand. Auch mein Großvater, der bei uns wohnte, gesellte sich dazu. Zum Schutze seiner Glatze trug er wie immer eine Schirmmütze. Als die schwarzgelbrote Fahne Belgiens vorbeikam, grüßte er sie nicht, sei es, daß ihm die Ehrenbezeigung vor einer fremden Fahne unbekannt war, sei es, daß er als ehemaliger Düsseldorfer Ulan mit pommerschem Dickschädel diese nicht grüßen wollte. Ein belgischer Gendarm schlug ihm daraufhin die Mütze vom Kopf. Als er sich gegen diesen zur Wehr setzen wollte, rissen ihn besonnene Arbeiter des Fuhrparks zurück und brachten ihn trotz seines Sträubens in Sicherheit. Es war sein Glück; denn ein Leben war damals wohlfeil, wenn Widerstand gegen die Besatzung geleistet wurde.
Da es keine Kriegsschäden gab, nahm das Leben allmählich wieder seinen gewohnten Gang. Ich durfte den Kutschern helfen, die bei gutem Wetter die annähernd fünfzig Pferde im Freien putzten und anschließend anschirrten. Eine Freude war es, wenn ich ein Pferd zu der Karre führen durfte, in die es angespannt wurde. Mein Vater, der von sich reimte: „Er war auf dieser Erde ein Schutzmann und zu Pferde“, hatte sein Dienstpferd im Fuhrpark stehen. Deshalb sah ich ihn jeden Tag, wenn er zum Dienst kam.
Ich spielte mit den Kindern der Arbeiter, die im Umkreis wohnten. Welche Möglichkeiten gab es für uns in einem solchen Gelände! Alles machten wir unsicher. Wir trieben uns in den Ställen umher und belagerten die Stallburschen, um zu erfahren, welche Pferde sich nachts losgerissen hatten und durch den Stall gelaufen waren. Besonders gern leisteten wir den Handwerkern Gesellschaft. Beim Schreiner Schroers war zu sehen, wie er ganze Wagen baute. Für uns fiel bei ihm immer etwas ab, sei es Holz für Säbel und Lanzen, seien es Latten für Windvögel. Wenn es regnete oder kalt wurde, war es beim Schmied Classen am schönsten. Wir durften den Blasebalg für das Schmiedefeuer ziehen und sogen den eigenartigen Geruch der angebrannten Hufe beim Anpassen der Hufeisen ein. Wenn Schmied Classen mit gewaltigem Getöse die Eisenreifen auf Schreiner Schroers' Wagenräder schlug, mußten wir vor den Funken Schutz suchen.
Durch den Umgang mit den Arbeitern lernte ich ihre Lebensgewohnheiten kennen. Sie waren im allgemeinen zufrieden. Der Lohn reichte für ein bescheidenes Leben. Dank Sozialversicherung waren sie bei Krankheit und im Alter geschützt. Ihre Wohnungen bestanden aus Küche, Wohn- und Schlafzimmer, Badezimmer gab es nicht. Gebadet wurde in einer zu diesem Zwecke in die Küche beförderten „Waschbütte“ oder, wie im Fuhrpark, in einer abgelegenen Waschküche. In mehrstöckigen Häusern lagen die Toiletten im Zwischenstock und wurden von mehreren Familien benutzt.
Trotz des einfachen Lebens gab es damals Besonderheiten, die man heute eigentlich nicht mehr kennt. Während wir es als selbstverständlich ansehen, daß sich jedermann selbst rasiert, ließ sich mein Onkel mehrmals in der Woche beim Friseur rasieren, der auch seinen Schnurrbart behandelte. Meine Tante beschäftigte eine Waschfrau, und dreimal in der Woche kam eine Friseuse, mit der alle Neuigkeiten ausgiebig besprochen wurden. Das Essen war bei uns reichlicher als in vergleichbaren Haushalten. Das mochte daher kommen, daß mein Onkel aus Kleve, nahe der holländischen Grenze, stammte und meine Tante dort im Hotel kochen gelernt hatte. Deshalb gab es in unserem Hause auch bei jeder Gelegenheit Kaffee.
Daß das Leben in Familien mit höherem Einkommen erheblich einfacher sein konnte, lernte ich, als ich mich mit dem Sohne unseres Oberbürgermeisters Gielen, einem Mitschüler, befreundete. Dort saßen allerdings neben den Eltern sechs Kinder am Tisch. Ich mußte mit der Familie Schwarz- und Graubrot sowie Mohrrüben und „Kappes“ essen. Das war für mich eine wichtige Erfahrung.
Mein Vater und mein Onkel hatten die Kaiserzeit als Beamte erlebt. Sie verstanden den Verlust des Kaiserreiches nicht. Mit der Republik, die ihnen fremd war, konnten sie nichts anfangen. Sie erledigten ihre Dienstgeschäfte loyal und pflichtgetreu. Da sich in ihrem Berufsleben nichts änderte und sie ihre Gehälter wie früher bezogen, waren sie zufrieden.
Wir Schüler verstanden von Politik nichts. Genausowenig begriffen wir die wirtschaftliche Entwicklung. Auf dem Nachhauseweg von der Schule fand ich eines Tages einen Fünfzigmarkschein. Freudestrahlend brachte ich ihn nach Hause und war sehr enttäuscht, als man mir sagte, er sei nichts mehr wert. Es mag sein, daß ich bei dieser Gelegenheit das Wort „Inflation“ hörte, verstanden habe ich es nicht. Was das zu bedeuten hatte, ist mir erst später bewußt geworden.
Vater und Onkel waren als Beamte von der Geldentwertung stark betroffen. Ihre Gehälter wurden daher sofort nach Empfang in Ware umgesetzt; denn sie hatten schon von der Fälligkeit bis zur Auszahlung sehr an Wert verloren. Während die meisten Familien auch unter den durch die Geldentwertung entstehenden Versorgungsschwierigkeiten zu leiden hatten, betraf dies unsere Familie nicht. Mein Großvater hatte bereits während des Krieges vorgesorgt, indem er einen großen Garten mit Kartoffeln und Gemüse anlegte sowie Hühner, Gänse und sogar eine Ziege aufzog. So konnten wir noch Bekannten und Verwandten abgeben. Ab und zu spannte mein Vater die Ziege vor einen kleinen Leiterwagen und fuhr mit mir durch die Gegend. Ich war stolz, wenn ich die Ziege lenken durfte.
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Quelle: Franz Meyers, „Zu Fuß von Köln nach München-Gladbach“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 200–204.