Kurzbeschreibung

Paula von Rezniceks 1928 erschienenes Buch Auferstehung der Dame erschien im selben Jahr wie ein weiteres ihrer Bücher über die sich wandelnden Geschlechterideale, Der vollendete Adam, das sie gemeinsam mit ihrem Mann verfasste (Auszüge daraus finden sich ebenfalls in diesem Band von GHDI). Beide Werke umkreisten mit ähnlich luftigem Witz die Frage, wo Reznicek die Grenze zwischen modisch geförderten Veränderungen im männlichen und weiblichen Verhalten einerseits und gesellschaftlich sanktionierbaren Überschreitungen andererseits zog. In der Tat balancierte Auferstehung der Dame oft auf dem schmalen Grat zwischen dem Feiern der Macht der Frauen und dem Widerstand gegen die Forderungen nach der Ermächtigung der Frauen. Das Buch plädierte für weibliche Selbstbestimmung, aber vorzugsweise nur dann, wenn sie durch eine Art von weiblicher Selbstbeherrschung erreicht wurde, die sehr nach den weiblichen Verhaltensnormen der Vorkriegszeit klang. In manchen Passagen sprach sich das Buch auch für gar nichts aus und fungierte weniger als Anleitung, wie man eine Dame wird, sondern eher als eine Würdigung des Frauentyps, dessen Wiederauftauchen Reznicek begrüßte und für den sie sich in vielerlei Hinsicht selbst hielt.

In diesen Auszügen legt Reznicek besonderes Augenmerk auf die Fähigkeit einer Frau, eine Situation zu deuten und lobt die innere Stimme, die sagt: „Tu das, lass dies, jetzt verschwinde, da musst du hingehen, brich das Gespräch ab...“ In Anbetracht von Rezniceks erfolgreichem Eintritt in die gehobenen gesellschaftlichen Kreise Berlins zur Weimarer Zeit war ihr diese Sensibilität für ihre Umgebung offensichtlich zugute gekommen. Die 1895 als Paula Heimann in einer Breslauer Bankiersfamilie jüdischer Abstammung geborene Reznicek wuchs im katholischen Glauben auf und besuchte eine katholische Schule, war eine gute Tennisspielerin und wuchs schnell über die Möglichkeiten hinaus, welche die schlesische Stadt zu bieten hatte. Nachdem sie während des Ersten Weltkriegs als Krankenschwester gedient hatte, zog Paula Heimann – mittlerweile in ihren 20ern – nach Berlin und heiratete Burghard von Reznicek, einen Mann mit dandyhaftem Geschmack und aristokratischem Stammbaum. Als Paula von Reznicek gewann sie nationale und internationale Tennistitel, schrieb für Tempo und andere Ullstein-Zeitschriften, leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet des Sportjournalismus für Frauen und veröffentlichte Bücher – wie das vorliegende –, die sie als Schiedsrichterin des guten Geschmacks etablierten. Reznicek verkörperte in vielerlei Hinsicht den Prozess, durch den die „Außenseiter“ der deutschen Vorkriegsgesellschaft zu den „Insidern“ der Nachkriegsgesellschaft wurden, um die berühmte Charakterisierung des Historikers Peter Gay über die Weimarer Kultur zu paraphrasieren, in der Juden, Frauen, Sozialisten und sexuelle Minderheiten nun führende Rollen einnahmen.

Reznicek stammte jedoch aus wohlhabenden Verhältnissen, und ihre kulturellen Referenzen machen deutlich, dass sie von einer Leserschaft der oberen Mittel- und Oberschicht sowie von Anwärtern auf diesen Status ausging. In ihrem Abschnitt, in dem sie Frauen vor Snobismus warnt, nennt sie mit snobistischer Selbstverständlichkeit die Namen des besten Automobils und des führenden Pariser Designers. Sowohl im Bereich des Geschmacks als auch des Anstands stieß Rezniceks Bewunderung für die Individualität auf ihren Sinn für angemessene Raffinesse. Wie sie selbst einräumte: „Grenzen sind überall“.

Auf diesen Seiten werden auch Arbeiten einiger der führenden Grafiker und Modeillustratoren der Weimarer Republik vorgestellt, darunter Marlice Hinz, die auch Kleidung für die führenden Berliner Modehäuser entwarf und zu einer der gefragtesten Werbegrafikerinnen der Zeit wurde. Weitere Künstler waren Erika Plehn, die vor allem durch ihre Scherenschnitte bekannt wurde, und Kurt Kabisch, der ebenfalls Zeichnungen für Der vollendete Adam beisteuerte.

Paula von Reznicek, Auferstehung der Dame (1928)

Quelle

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Wandelt sie sich?
Ein Brief.

Unsterbliche Frau — die Majorität aller Lebenden setzt Ihnen einen Grabstein. Vorzeitig sagt man Sie tot:— „Die Dame existiert nicht mehr“, heißt es überall. Das Tempo unseres heutigen Seins bedinge ihr jähes Ende. Was die Anmut eines galanten Jahrhunderts, der Liebreiz einer Biedermeierzeit, das Geheimnisvolle eines Mittelalters als Kulissen der großen Frau zu bieten hatten, vernichte sensationslüsterne Realität totgehetzter Tage. Die Wohligkeit majestätischer Ruhe, fraulicher Gelassenheit und tändelnder Unterhaltung sei dahin...

Auf zur Kritik! Wie steht es um Sie? Ihr Format war vollendet, ist im Augenblick im Wandel, soll trefflicher denn je werden. Ergeben Sie sich nicht! Sich dem Rahmen anpassen, bleibt Gesetz. Die Verbindung vornehmer Tradition mit mondäner Einstellung wird zum Wegweiser.

Nicht jede kann dieses Ziel erreichen. Wer den richtigen Instinkt hat, findet es spielend.

Hand aufs Herz — haben Sie Lust? Folgen Sie mir! Nur keine Angst, reizvoller, als auszudenken, gestaltet sich die unserem Dezennium vorbehaltene Auferstehung der Dame!

„Nil mirari“

Nach dem alten Lateiner wörtlich übersetzt: „sich über nichts wundern!“ Aber es ist mehr gemeint. Vielleicht klingt Selbstdisziplin zu philiströs und gefällt Ihnen „sich selbst in der Hand haben“ besser.

Selbstbeherrschung bis zum Äußersten! Eine Dame ist gegen die Geschehnisse des Lebens gewappnet. Nervenzustände wären bei geringfügigen Gelegenheiten Verschwendung. Deshalb schließt man mit den täglichen Obliegenheiten eine Art Rückversicherung. Kann nicht von ihnen überrumpelt, erstaunt oder niedergeschmettert werden, soweit es sich um Klatsch, verlorene Handtaschen, unzuverlässige Schneiderinnen, unpünktliche Chauffeure, mißlungene Spekulationen auf physischen und psychischen oder finanziellen Gebieten handelt.

Den Nützlichkeiten des Lebens bleibt man überlegen, lächelt höchstens ein wenig mokant, schöpft Erfahrungen, erweitert seine Ansichten, aber verliert nie die Ruhe. Was nicht heute ist, ist morgen — was verpaßt, ist nicht zu ändern, und was unverhofft — kommt oft — nil mirari…

Der ausschlaggebende Instinkt

Alles kann man nehmen und geben, niemals — den Instinkt! Schwer zu definierender Begriff. Mit dem Takt hat er vieles gemeinsam, aber sein Verhältnis zu diesem entspricht dem einer „grande amoureuse“ zu einer kleinen Bohémienne.

Takt ist die Klippe des Parvenüs, Instinkt der Fallstrick der Frau. Den Instinktbegabten ohne Erziehung steht die Welt offen — alles ist ihnen erreichbar. Die junge Dame mit bester Kinderstube bleibt niveaulos — ohne Instinkt. Man hat ihn — oder man hat ihn nicht! Mehr läßt sich kaum darüber sagen.

Eine innere Stimme, ein stärkerer Wille, ein zweites Ich — dirigiert: „Tu das, laß dies, jetzt verschwinde, da mußt du hingehen, brich das Gespräch ab, lächle leise, nein, das verstehst du nicht, hier kannst du aufpassen, jene Eigenschaft fehlt dir vollständig, die andern denken das Gegenteil — sei still, darin mußt du dich verbessern, verrate dich nicht, dein Gefühl in Reserve — dein Verstand zuerst, nicht unnötige Hemmungen — aber immer Dekorum, ich wache für dich — gib acht!“

Instinkt ist nicht mit Gewissen zu verwechseln, er ist amoralisch. Instinkt ist unser aufrichtigster Liebhaber, er entscheidet Lebensschicksale — nicht unsere leiblichen Freunde!

Die Pflicht zur Individualität

Es gibt eine Mode, aber keine Tracht. In einem Pensionat ist die Kleidung vorgeschrieben, in der großen Welt wird die Kunst des Anziehens gepflegt. Eines schickt sich nicht für alle, aber jeder hat die Möglichkeit, zu spezialisieren.

Genau dasselbe gilt für die Persönlichkeit der Frau. Eine Dame ahmt nicht nach. Sie erbaut sich an der Originalität der Exotin, der Lebendigkeit der Künstlerin, der Verschlossenheit der Aristokratin, bewundert das unverwüstliche Temperament der Südländerin und die sachliche Gemütlosigkeit eines Sportgirls; aber sie kopiert nicht!

Sie bleibt: sie selbst. Sie kultiviert ihre eigene Note, Ihre Stärken, ihre Talente. Sie kreiert ihren Typ, der in den Grenzen vorgeschriebener Gesetze bleiben muß, nicht ausarten, nicht auffallen darf. Sie outriert nichts — sie gibt sich! Es ist immer noch besser, von ihr zu sagen: ,,C'est un genre — mais c'est un mauvais genre“ — als: „Sie ist gar kein genre“ —

Persönlichkeiten setzen sich durch. Imitatoren verblassen. Die Dame weiß genau: Um Gottes willen keine Schablone!!!

Vom Charakter

Besser einen guten als einen schlechten, besser einen — als gar keinen! Jede Frau will schön sein, sie wünscht, zu gefallen. Vorsicht! — der Charakter ist ein Spiegel — und die meisten verstehen, in ihm zu lesen.

In der Tat: Die Bösartigkeit einer Frau spielt um ihren Mund, der brutale Egoismus leuchtet aus den Augen, mitleidlose Härte zeichnen die Backenknochen, wie viele grausame Händchen werden gedrückt, Kälte liegt auf mancher Haut, Unbeherrschung und Hysterie verraten Füße und Wimpern.

Hütet euch — alles kommt an den Tag — richtiger skizziert: an die Nacht.

Selbsterkenntnis — oft eine große Geschmacklosigkeit — ist ein vortrefflicher Erzieher. An Hand seiner Warnungen modelt man sich langsam um.

Ja, die vollendete Dame ist von angenehmen Eigenschaften durchdrungen; um zu bluffen, ist sie zu gescheit, um zu schauspielern, zu natürlich.

Selbst der Schlaf, der gefährlichste Verräter des Charakters, singt ihr Loblied…

Sind Sie snobistisch?

Der Snobismus regiert unsere Zeit. Man spricht so viel über ihn, daß man ihn unwillkürlich pflegt. Und das Sonderbare dabei, daß er von einer großen Anzahl Urteilsfähiger für eine annehmbare — von einem beträchtlichen anderen Teil als eine furchtbare Eigenschaft hingestellt wird.

Abgeleitet von „Snob“, einem Wort, das den englischen Gecken persiflieren soll, ist der Ausdruck „Snobismus" wohl gleichbedeutend mit: unnatürlicher Eitelkeit, Übertreibung, Geziertheit — er gipfelt, gleich einer Karikatur, in dem Ausruf des Psalmisten: vanitas vanitatum!

Unterdrücken Sie das „Snobtum“ in Ihnen — gnädige Frau! Nicht die Namen Ihrer Gäste auf den Tischkarten sind ausschlaggebend für den Wert Ihrer Persönlichkeit, nicht die teuersten Blumen sind immer die schönsten und die kostbarsten Porzellane die prächtigsten. Sie brauchen sich nicht eines Freundes zu schämen, der keinen Hispano fährt, und wenn statt eines Dieners im englischen Jäckchen und weißer Schürze ein schwarzgekleidetes Mädchen das Frühstück bei Frau Dr. X serviert, so ist sie, trotz gegenteiliger Urteile, absolut gesellschaftsfähig. Ihr Abendkomplet, verehrte Freundin, muß nicht unbedingt 1500 Mark kosten und von Poiret sein, trotz Ihrer verächtlichen Blicke ist der rosa Georgettetraum Ihrer Freundin von einer kleinen Schneiderin für 200 Mark ebenso wirkungsvoll! Seien Sie nicht so snobistisch, machen Sie sich das Leben nicht ungemütlicher und schwieriger, als es ohnedies schon ist.

Aber, verehrte gnädige Frau, seien Sie ein wenig snobistisch in der Auswahl Ihrer Flirts, bei den Erzählungen von Klatschgeschichten und bei allen intimen, persönlichen Angelegenheiten, kurzum — beim Thema: Diskretion! Seien Sie dabei ein bißchen hochmütig, blasiert und zurückhaltend — es kommt Ihnen zugute — jede andere Art Snobismus jedoch überlassen Sie ruhig den weniger gescheiten Evastöchtern…

…eine vornehme Frau…

Das größte Kompliment unserer Zeitgenossen: „Eine vornehme Frau!“ Obwohl sie kurze Röcke trägt, obwohl sie schon mit Herren allein diniert hat, obwohl sie manchmal richtig ausgelassen ist, obwohl sie mitunter die verfänglichsten Themen berührt, obwohl sie alle Zerstreuungen mitmacht, obwohl sie nichts ganz und vieles halb tut, obwohl sie beim Galaabend in der Botschaft genau so bekannt ist wie beim Katerfrühstück in einem Vorstadtkeller, obwohl sie zu Fußballschlachten und Sechstagerennen geht — obwohl, obwohl, obwohl — ist sie eine vornehme Frau!

Wie macht sie das? Sie macht es gar nicht — sie ist vornehm! Sie ist höflich, liebenswürdig, gleichbleibend, entgegenkommend. Sie fühlt menschlich mit, hilft gern und oft — aber sie vergibt sich nichts. Sie weiß ganz genau, daß Höflichkeit ein Mittel ist, angenehmer zu leben. Ihre gute Erziehung vermehrt noch diese Annehmlichkeiten. Sie ist „bon camarade“ mit der ganzen Welt — aber nicht intim. Sie flößt Respekt ein, der sich zur Bewunderung und Verehrung — eventuell Liebe steigern kann.

Wenn die Welt von Ihnen sagt: „Eine vornehme Frau“ — dann — sind Sie in der Tat: die auferstandene Dame unserer Tage!

Weinen, Lächeln, Lügen.

Drei nachweislich wichtige Requisiten unserer Schönen! Meist nicht mehr wirksam, da zu stark aufgetragen. „In der Beschränkung zeigt sich erst —“ das meiste, nämlich die Wirkung.

Es gibt süße kleine Mädchen, die immer feuchte Augen vorführen, die bei jeder nur möglichen Gelegenheit überlaufen, es gibt noch viel mehr hochgewachsene Schönheiten, die sich das divahafte Lächeln so angewöhnt haben, daß sie selbst bei den schmerzlichsten Gelegenheiten nicht mehr davon ablassen können, und es gibt unzählige fesche junge Damen, die von früh bis abends — lügen müssen! Es mag Gründe geben, die Wahrheit nur mäßig zu lieben; aber sie gar nicht zu beachten, ist ein gefährliches Experiment, und wenn man dann plötzlich die Wahrheit spricht, kommt es nach Oskar Wilde „früher oder später an den Tag“!

Weinen, Lächeln und Lügen sind die sichersten Reserven! Seid sparsam! Eine Träne im richtigen Augenblick erreicht mehr als ein tägliches monotones Weinen, das langweilt, und der Reiz eines seltenen Lächelns überwältigt und begütigt.

Schwieriger ist es mit der Lüge. Wenn man Beleidigungen umgehen, andern nützen und sich selbst Annehmlichkeiten verschaffen kann, sind Höflichkeitslügen (nur von solchen ist hier die Rede!) zu entschuldigen, um so mehr, wenn es in reizender, geschickter, amüsanter. nicht nachzuweisender Form geschieht. Aber es muß nicht unbedingt soweit gehen, wie es eine kürzlich aufgefangene Unterhaltung wiedergibt.

Freundin A: Wieso bist du mit diesem blonden Doktor soviel zusammen? Ich merke doch, wie du dich verstellst, dich zusammennimmst, dir förmlich Gefühle für ihn suggerierst.

Freundin B: Das verstehst du nicht, gut eingeredet — immer noch besser als schlecht empfunden!

Die Schule der Gesellschaft

Ein wirklicher Meister hat Routine. Anlagen und Talente können sich entwickeln – aber sie bedürfen zu ihrer Vollendung einer Mätresse – die „Routine“ heißt.

Man ist leicht geneigt, dieses Wort falsch auszulegen und den „Routinier“ als etwas Verächtliches hinzustellen. Das ist unrecht. Routine — anders übersetzt, bedeutet: die in die Praxis übertragene Erfahrung.

Wenn ich zum erstenmal etwas erlebe, wird mein vielleicht sehr starkes Gefühl durch eine Art Unbeholfenheit, die ich zu verbergen suche — beeinträchtigt. Wenn sich eine ähnliche Situation wiederholt, werde ich mich der Sache selbst mehr widmen können, nicht Angst haben müssen, mich falsch oder ungeschickt zu benehmen, und allmählich so zur Virtuosin auf den schwierigsten und verschiedensten Gebieten werden.

Man darf auch Blasiertheit nicht mit Routine verwechseln! Eine blasierte Frau ist meistens reizlos, eine routinierte Frau, deren Empfindungen ebenso stark und aufrichtig wie die einer Achtzehnjährigen sein sollen, kennt Steigerungen, sie paßt sich dem jeweiligen Augenblick feinfühligst an und verschwendet — wenn es darauf ankommt — im vollsten Maße.

Wo Routine und Gefühl Hand in Hand gehen, sind Ratschläge überholt! Aber durch Lesen und Hören, durch Reden und Denken kommt man nicht soweit — es gibt nur eine Lehrmeisterin, die ihres Amtes mit unerhörter Härte und wenigen Anerkennungen waltet, aber sie ist die beste und nicht zu schlagende und nennt sich: Die Schule der Gesellschaft!

An den Grenzen…

Ein gewagtes Thema – schwer zu be-, noch schwerer zu umschreiben. Wie weit geht die Dame des zwanzigsten Jahrhunderts?

Wenn wir von den bisher besprochenen Eigenschaften den Instinkt, die Vornehmheit, das undefinierbare Lächeln, die Erfahrung und das „Über-der-Situation-Stehen“ in unserer Dame vereinigen —, dann kann sie immerhin recht weit gehen, dann hat sie die Grenzen nicht zu fürchten und wird sich sicher mit der richtigen Taktik ihnen nähern.

Überall sind Grenzen, sie umlauern uns auf Schritt und Tritt, mitunter bemerkt man es gar nicht mehr. Und sind es im Augenblick keine, so können es im Handumdrehen solche werden. Hunderte von Fragen tauchen in aller Schnelligkeit auf:

Darf man einen Junggesellen in seiner Wohnung besuchen, darf man auf Ski- und Autotouren allein mit seinem Begleiter im Hotel absteigen, darf man bis spät in die Nacht zu zweit in Lebelokale aller Art gehen, darf man in unpassende Stücke, Filme oder gar – – das tut ja hier nichts zur Sache, kurzum, darf man dort, hier und da allein, mit Begleitung oder überhaupt gesehen werden?

Die innere Sicherheit entscheidet! Wer erst schwankt: „Ob ich wohl, wenn aber, mein Himmel, was würde jene denken…“, dann begebe man sich schleunigst aus dem Gebiet der Grenzen, dann fliehe man es, dann überlasse man diese Gefahren anderen, bleibe man brav bürgerlich innerhalb der selbstgezogenen Kreise! — Eine ganz große Dame braucht die Grenzen, scheut nicht das Spiel mit dem Feuer und weiß mit Bestimmtheit, daß sie alledem „grenzen“ los überlegen ist!

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Quelle: Paula von Reznicek, Auferstehung der Dame. Stuttgart, Dieck and Co., 1928, S. 9–20.