Kurzbeschreibung

Die folgende Glosse beschreibt den Wettbewerb vom Dezember 1925, bei dem die Juroren der führenden Berliner Modehäuser Deutschlands erste „Modekönigin“, Sonja Jovanowitsch, krönten. Sie stammt aus der Feder des einflussreichen rechtsgerichteten Journalisten Adolf Stein, der unter dem Pseudonym „Rumpelstilzchen“ eine wöchentliche Kolumne über Berlins Kultur und Gesellschaft veröffentlichte. Deutschlands mächtigster konservativer Pressebaron, Alfred Hugenberg, veröffentlichte diese Kolumnen unter der Überschrift „Berliner Allerlei“ in fast drei Dutzend Lokal- und Regionalzeitungen im ganzen Land, und Rumpelstilzchens Kolumnen erschienen zusätzlich jedes Jahr gesammelt in einem gebundenen Band, was seiner Stimme eine noch weitreichendere und nachhaltigere Wirkung verlieh.

Stein beschrieb den Wettbewerb mit dem für ihn typischen sardonischen Chauvinismus und machte sich über die Art und Weise lustig, in der die weiblichen Teilnehmerinnen den Mode- und Schönheitsstandards der Zeit entsprachen. Ihre Gesichter sahen nach seiner Ansicht „wie Gassenjungen“ aus, und in ähnlichem Ton stellte er fest, dass den Frauen eine ansprechende Unschuld fehle, weil sie wahrscheinlich zu viel von Berlin gesehen hätten. Auch die aktuelle Mode war ihm ein Dorn im Auge, er verspottete die geradlinigen Kleider – die damals sehr modern waren – als „kleine Arbeitshemden“. Der Autor gab vor, für alle Männer im Publikum zu sprechen, als er darauf bestand, dass sie sich eine „vollschlanke“ Frau wünschten und nicht den androgynen Idealtypus der aktuellen Modewelt. In seinem kurzen Schlusswort präsentierte er Jowanowitsch jedoch als eine Aufsteigerin, deren Sorgen um den Lebensunterhalt als Migrantin in Berlin nun vorbei waren.

Adolf Stein, „Deutschlands erste Modekönigin“ (1925)

Quelle

17. Dezember 1925 (Donnerstag)

Berlin ist Großexportstadt der Konfektion. Nun hat die Konfektion für ihr Riesenreich auch die Königin sich gekürt.

In den Räumen des Sportpalastes quirlen die Tausende und bewegen sich sehr lebhaft. Das haben die modernen Herrscher der Welt doch nicht mehr nötig, sollte man meinen. Rathenau sagt in seinen Reflexionen: „Das Schulterzucken und das Gestikulieren mit Ellenbogen und Handflächen sind alte Furchtreflexe, die der Abwehr des Schlages dienten.“ Hier ist es wohl nur die Erregung, welche Firma wohl die Siegerin bei der Wahl der Königin der Mode stellen mag. Nicht weniger als 89 Mannequins – Vorführdamen – passieren in zweieinhalbstündigem Wahlakt den Richterstuhl der Prüfer. Taxiert wird nicht Schönheit, sondern Anmut, also der Gesamteindruck in der Bewegung. Die meisten der Mädels, man verzeihe mir das harte Wort, haben Gassenbubengesichter. Das Gaminhafte ist eben modern. In manchen Gesichtern steht auch schon zu viel Wissen um Berliner Taumel. Jede angelt mit Hüftengewackel und siegheischendem Fleheblick nach den Preisrichtern, denn mit Toilettenglanz ist nichts zu machen: nur im Arbeitshemdchen erscheinen sie alle.

Das Publikum beteiligt sich durch Beifall und Zurufe. Das Publikum ist grausam. Es klatscht ersichtlich ironisch in die Hände, wenn so eine Ausgekochte, Ausgemergelte kommt. Niemand urteilt als Fachmann, der vor allem Schlankheit wählen müßte, sondern jeder urteilt als Mann. Schließlich schreit alles: Nummer 10, Nummer 10! Nummer 10 ist nicht etwa der „Idealtyp“ der Modeblätter, jenes blonde Ding, das so oft schon für die Zeitschrift „Die Dame“ photographiert worden ist, sondern eine „vollschlanke“ junge Dame mit rundem, fraulichem Gesicht und von ruhigen, fast lässigen Bewegungen.

Es ist Sonja Jowanowitsch, die denn auch gekrönt wird. Sie ist serbischer Abstammung, geboren ist sie in Semlin in Ungarn, ihr Vater war zuletzt Hofapotheker in Petersburg, das Gymnasium hat sie in Gatschina besucht. Für die 1000 Mark Krönungsgeschenk will sie sich einen Persianermantel kaufen. Ihre Firma wird mit Urlaubsgesuchen für die Königin bestürmt. Heute Abend tritt Sonja Jowanowitsch zum erstenmal in einer Revue auf.

Sie braucht um ihren Lebensunterhalt nicht mehr zu bangen.

Quelle: Adolf Stein, Mecker’ nich!, Rumpelstilzchen 1925/26, Bd. 6, Berlin: Brunnen-Verlag, 1926, S. 119. Online verfügbar unter http://www.karlheinz-everts.de/rmp25-13.htm

Adolf Stein, „Deutschlands erste Modekönigin“ (1925), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/die-weimarer-republik-1918-1933/ghdi:document-5422> [16.03.2026].