Quelle
13. März 1920
Nun hat die Gegenrevolution eingesetzt. Heut früh sind königstreue Truppen mit schwarz-weiß-roten Fahnen von Döberitz eingezogen. Die Regierung ist flüchtig, die öffentlichen Gebäude besetzt, Vorwärts und Freiheit verboten. Auf den Straßen stehn die Leute in Rudeln zusammen, jeder ist wie verdonnert.
Wie wirds nun werden?
Wieder der März, der unruhige Monat!
[…]
Sonntag, 14. März 1920
Mehrheit und Unabhängige haben sich zusammengetan. Generalstreik.
17. März 1920
Mittwoch. Heut der 3. Tag des Generalstreiks. Berlin ist ganz abgeschnitten. In den westlichen Teilen gibt es infolge der Technischen Nothilfe (Schüler, Studenten) elektrisches Licht. Bei uns ist es nachts ganz dunkel. Eine Dunkelheit wie auf dem Lande. Samtschwarz. Merkwürdig aber zugleich die schallenden Schritte der Menschen auf dem Asphalt zu hören. In der eigentlichen Nacht ist es dann zugleich still und dunkel.
Heut nacht war Otty Ehlers bei uns. Sie kam auf dem Rad mit Hans[1] und brachte einen Liter Petroleum.
Hans ist viel in der Stadt. Gestern abend brachte er gute Nachricht mit, daß die neue Regierung in sich im Zusammenbruch sei, daß eine Koalitionsregierung zu erwarten stände.
Karl[2] aber hatte aus sicherer Quelle schlechte Nachrichten. SPD und USPD fallen wieder auseinander. Die Unabhängigen wollen diese letzte Gelegenheit sich nicht nehmen lassen, die Diktatur des Proletariats aufzurichten. Sie sind bewaffnet und wollen den Kampf aufnehmen. Die SPD ist gegen die Diktatur und stellt sich mithin gegen die Unabhängigen. Jetzt kann und wird es—fürchte ich—zu furchtbaren Bruderkämpfen kommen.
Wie Blei legte es sich mir auf die Brust, als ich das hörte, schrecklich schwer.
Heut früh sagte ich Hans diese Nachricht. Ich bat ihn, weise zu handeln. Sich sehr zu prüfen, ob er für die Konsequenzen des Tuns der Unabhängigen eintreten könnte. Seinem einmal geäußerten Grundsatz treu zu bleiben, jede Gewaltanwendung sei von Übel.
Der wirkliche Grund weswegen ich so sprach war natürlich die Sorge um sein Leben. Daß er sich so entscheiden könnte, daß wir auch ihn verlören.
Abends bringt Hans, der den ganzen Tag mit dem Rad unterwegs ist, die Nachricht, daß die Unabhängigen eine Spandauer Kaserne gestürmt haben sollen und stark bewaffnet auf dem Anmarsch wären. Karl bestätigt abends dasselbe.
Wien, Wilna sollen Räterepublik haben, auch einige deutsche Städte.
18. März 1920
[…]
Windiges feuchtes laues Märzwetter.
Vormittags das erste Extrablatt. Die alte Regierung kehre nach
Berlin zurück, Kapp und Lüttwitz seien erledigt. Die alte
Regierung hätte folgende Zugeständnisse gemacht:
1. Neuwahlen
zur Nationalversammlung innerhalb zwei Monaten
2.
Präsidentenwahl direkt durchs Volk
3. Umbildung der
Reichsregierung.
Dies ist der Kompromiß zwischen alter und
neuer Regierung. Jetzt wollen wir sehn, was die Unabhängigen dazu
sagen werden.
Hans fährt früh mit dem Rad in die Stadt, Karl ist beschäftigt. Ein für mich langsam sich hinschleppender Tag. Besonders abends als es dunkel war und ich mit Mutter bei der einen Lampe war und Mutter stundenlang aus ihren Phantasien heraus sprach.[3] Da wurde es mir fast unheimlich isoliert. Zuerst kam dann Frau Sonnewald nach Haus und brachte ein frisches Gesicht und Lachen mit. Und eine Stunde darauf kam Hans und gleich danach auch Karl. Gott sei Dank—nun lebte ich wieder.
Hans brachte die Nachricht, daß die Mehrheitsregierung sich zu einigen gedächte mit allen rechts stehenden Parteien gegen links. Also Wahnsinn. Denn Karl sagt, die Stimmung unter den Mehrheitsgenossen sei wesentlich radikaler geworden, ein Vorgehen gegen die Unabhängigen würde unbedingt abgewiesen. Die Gewerkschaften verlangen eine rein sozialistische Regierung. Mitbestimmung bei der Ministerwahl und Entwaffnung der Baltikumtruppen.[4]
So klafft ein Riß zwischen dem Gros der Mehrheitssozialisten und ihrer Regierung. Diese soll eine Vereinigung mit der USPD abgelehnt haben, trotzdem die USPD auf die Einführung der Räteverfassung einstweilen zu verzichten sich bereiterklärt haben soll.
Die Angst vor der roten Armee, die von Spandau einmarschieren soll ist so groß, das die bürgerlichen Parteien wieder sich an die Mehrheitssozialisten wenden und die, um nicht das Heft aus der Hand zu geben, erklären sich gegen die Radikalen.
Die Baltikumtruppen sind nach Döberitz zurückgezogen aber nicht entwaffnet. Bei ihrem Abzug haben sie in die sie umdrängende und schimpfende Menge an mehreren Stellen Berlins hineingefeuert.
Ich lese Kropotkins „Französische Revolution“ und bin erstaunt über die Parallele jetzt. Die Gironde in ihrem ganzen Verhalten entspricht durchaus den Mehrheitssozialisten. Die Unabhängigen entsprechen der Linksgruppe des Konvents. Dann aber gibt es die große vorwärtsdrängende Masse mit den „enragés“, den wieder ins Dunkel zurücktauchenden Aufpeitschern, die immer schüren und die revolutionäre Glut wach halten.
19. März 1920
Hans ist erst jetzt mittags mit dem Rad in die Stadt. Es heist, Noske soll abgesetzt sein. Das wäre ja wohl selbstverständlich. —
Begleite Karl auf seinen Gängen. Große Unruhe auf den Straßen. Überall kleine Plakate angeklebt der Unabhängigen, Kommunisten: Aufforderung zur sofortigen Bildung revolutionärer Betriebsräte. Dagegen ein sehr verständiges Flugblatt von der Bezirksleitung der SPD ausgehend. Darin wird vor dem übereilten Schritt der Einsetzung der Räterepublik gewarnt, aber eine andere radikalere Regierung verlangt.
Nach Haus gekommen find ich Hans und Otty. Hans bringt Lebensmittel für Karls ärmste Patienten, von den Quäkern gestiftet, Otty fährt in Friedenau schmutzige Wäsche einsammeln im Auftrag der Quäker.
Hans erzählt, daß im Zentrum große Erregung ist. Er ist zweimal in Schießerei gekommen.
20. März 1920
[…]
Politisch liegt es so, daß den Linksparteien viel Zugeständnisse gemacht sind. Es soll eine rein sozialistische Regierung gebildet werden, die Truppen sollen entwaffnet werden. Die Arbeiter verhalten sich ungläubig dagegen und heben den Streik nicht auf. Heut ist eine Woche Generalstreik. In der Nacht hört man schwere Geschütze aus weiter Ferne. Näher daran auch Maschinengewehre. Am Alexanderplatz ist gestern gräßlich und brutal geschossen worden.
Die Steigerung der Lebensmittelnot ist gar nicht abzusehn. Karl ist ganz verzweifelt, was das unter den Kindern anrichten soll. Unsere Pumpe auf dem Wörther Platz ist ausgepumpt, wenn die Nachbarpumpen auch so machen, hat man bald kein Wasser.
[…]
Sonntag, 21. März 1920
Es wird weiter gestreikt. Die linkssozialistischen Parteien wollen den Streik bis zur Durchsetzung der Räteverfassung durchhalten.
Hans fährt nachmittags zu Ehlers’ die gekauften Eßvorräte holen. Karl und ich gehn etwas in die Stadt. An den Drahtverhauen des Hackeschen Marktes machen wir kehrt. Die Straßen sind voll von friedlichen Spaziergängern und spielenden Kindern. Es ist schönes aber noch strenges Frühlingswetter.
Montag, 22. März 1920
[…]
Der Streik dauert fort. Heut eine volle Woche, daß Generalstreik ist. Das bedeutet für die ganzen Arbeitergegenden kein Licht, kein Wasser (außer den allmählich versagenden Pumpen), keine Kohlen, keine Fahrgelegenheit, keine Gemüsezufuhr. Wie es mit Milch steht weiß ich nicht. Brot wird einstweilen noch gebacken, Gemüse hat man zwar kein frisches mehr, aber noch Salzgemüse. Als ich heut lang nach Brot anstand, hörte ich die Frauen untereinander sprechen. Eine kam vorüber und rief: „Ihr habts gut, Ihr steht in der Sonne!“ worauf eine Frau neben mir antwortete: „Das ist aber auch alles, was wir haben.“
[…]
Ende März 1920
Der Streik wird abgebrochen. Man ist am Ziel. Die Kapp-Regierung ist erledigt. Jetzt ist ein neues Ministerium erwählt, ein Koalitionsministerium. Die Unabhängigen und Kommunisten grollen. Schon wieder steht ein Streik im Hintergrund.
Palmsonntag 1920 [28. März 1920]
Heut war eine große Einigungsversammlung im Zirkus Busch. Ich kam nicht herein. Karl war gegen Schluß drin. Er sagte, von Einigung sei nicht viel die Rede gewesen. Katzenstein[5] habe sehr ungeschickt gesprochen und großen Tumult erregt.
[…]
Als der Streik siegreich beendet war aber die Straßen noch ohne Beleuchtung, stand ich mit Hans mal abends am offenen Fenster. Unten tiefe Dunkelheit—über den Häusern funkelnder Sternhimmel und die weiße schräge Mondsichel. Unten im Dunkel hörte man Schritte schallen von vielen Menschen. Junge Stimmen sangen siegreich: „Das sind die Arbeitsmänner—das Proletariat!“ – Das war schön.
[…]
Karfreitag 1920 [2. April 1920]
[…]
Abends mit Karl in der von Hiller[6] einberufenen Versammlung, wo über die Gründung der neuen parteilosen Partei gesprochen wird. Es sind intelligente Leute da. Am besten gefällt uns Deri. Sie sind alle einig in der Notwendigkeit im Rahmen einer der großen Parteien zu wirken für den Sozialismus, dessen Durchführung das A und O sei. Er spricht gut, er hat sich sehr verbessert im Freisprechen. Ich freu mich sehr darüber.
[…]
1. Mai 1920
Kühles, reines, windig sonniges Wetter.
Weltfeiertag! Wenn
man dies Wort spricht, fühlt man sich erhöht.
Ein selbstgeschaffener, auf der ganzen Erde gefeierter Festtag, das ist der 1. Mai. Noch ein Kampftag, aber daneben ein Freudentag, ein Frühlingstag, ein Völkerversöhnungstag. Und so schön, daß die Maifeier bis in heidnische Zeiten zurückreicht.
Ich ging nach dem Exerzierplatz, wo die Kommunisten sich versammeln sollten. Es waren aber so wenige Menschen dort, daß ich nach der Schwedter Straße ging zu der KAPD.[7] Da sprach ein junger Mensch. Der 1. Mai sei kein Freudenfesttag, sondern Tag des Gedächtnisses, des Schwurs, des Kampfes.
Proletarier sein und diese Zeit durchleben in der festen
gläubigen Erwartung des kommunistischen Reichs, wissen, daß die
eigene Person mitgezählt und mit nötig ist, das muß ein gewaltiges
Kraftgefühl geben. Jeder Sozialist hat es ja in gewissem Grade,
aber die Mehrheitssozialisten mit dem Gedanken der schrittweisen
Wandlung der Verhältnisse in den Sozialismus haben etwas
Abgeblaßtes gegen die Unabhängigen und vor allem die Kommunisten,
die entschlossen sind mit allen
Mitteln zu arbeiten und die den gewaltsamen Umschwung aus dem
Kapitalismus in den Kommunismus zu jeder Zeit erwarten.
Der
Vorwärts sagt:
„Dies is der Tag vom Volk gemacht
Sein
wird in aller Welt gedacht.“
Eine grausige Farce aber sah ich: Zwei
Invaliden—Kriegsinvaliden?—zogen mit einer Drehorgel, die sie
immer vor sich herschoben. Der eine, ein schauderhaft häßlicher
und elender Mensch, spielte darauf immer die „Internationale,“ der
andere, noch jünger, auch ganz elend aussehend, im feldgrauen Rock
mit Zylinder auf, ging als eine Art Clown daneben und sammelte
ein. Beide hatten sich mit roten Blumen hinter den Ohren und [an
den] Hüten und an den Stöcken geschmückt. Kinder mit Hallo um sie
rum.
Sie veralberten sich und wirkten bei ihrer Elendigkeit
ganz grausig.
[…]
Anmerkungen
Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, hg. Jutta Bohnke-Kollwitz. Ost-Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 457–65, 469-70.