Quelle
Sonnabend, 9. November 1918
Heut ist es wahr. Mittags nach 1 Uhr kam ich durch den Tiergarten zum Brandenburger Tor, wo gerade die Flugblätter mit der Abdankung verteilt waren. Aus dem Tor zog ein Demonstrationszug. Ich trat mit ein. Ein alter Invalide trat an den Zug und rief: „Ebert Reichskanzler! — weitersagen!“ Vor dem Reichstag Ansammlung. Von einem Fenster herab rief Scheidemann die Republik aus. Dann sprach von der Rampe ein Soldat, konfus und aufgeregt. Neben ihm ein Matrose und ein Arbeiter. Dann trat ein junger Offizier hinzu, schüttelte dem Soldaten die Hand, wandte sich an die Masse, sagte, daß die 4 Jahre Krieg nicht so schlimm gewesen wären wie der Kampf mit Vorurteilen und Überlebtem. Er schwenkte seine Mütze und rief: „Hoch das freie Deutschland!“
Dann nach den Linden zurück. Das Lastauto gedrängt voll mit Matrosen und Soldaten. Rote Fahnen. Hinter dem Brandenburger Tor sah ich, wie die Wache abtrat. Dann in dem Schwarm bis zur Wilhelmstraße und dann noch ein Stück mit.[1]
Soldaten sah ich, die ihre Kokarden abrissen und lachend auf die Erde warfen.
So ist es nun wirklich. Man erlebt es und faßt es gar nicht recht.
Immer muß ich an den Peter denken. Ich glaube, wenn er lebte, würde er mittun. Auch er würde seine Kokarde abreißen. Aber er lebt nicht und als ich ihn zuletzt sah und [er] am schönsten aussah, hatte er die Mütze mit der Kokarde auf und sein Gesicht leuchtete. Ich kann ihn mir nicht anders denken.
Die Arbeiterzüge, die vormittag die Stadt durchzogen haben, haben Schilder vor sich hergetragen, auf denen gestanden hat: „Brüder! Nicht schießen!“ —doch soll am Kriegsministerium geschossen [worden] sein.
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Sonntag, 10. November 1918
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Vom Reichstagsplatz gekommen, wo der Bund für Vaterland[2] einberufen hatte. Es sprachen am Bismarck-Denkmal verschiedene Männer, auch eine Frau. War es die Stöcker?[3] Sie sprach gut. Mitten während einer Rede hörte man erst einzelne Schüsse fallen, dann ein ganzes Geknatter. Die Tausende stieben auseinander. Sammeln sich wieder, dann von neuem Schießen. So ging es dreimal. Das letzte Mal eine ordentliche Kanonade. Das Feuer kam aus den großen Häusern links vom Reichstag und aus dem Eckhaus Dorotheenstraße. Ich war mit Stan[4] zusammen. Wir rannten immer fort und kamen dann wieder vor. Dann auf Umwegen, weil einzelne Stellen wegen möglichen Beschießens gesperrt waren, nach Haus gekommen. Lily Zadek[5] getroffen. Mit ihr darüber gesprochen, daß die Führer von Revolutionen fast immer Juden gewesen sind. Auch in Rußland sind es Juden.
Die ganze Nacht von Sonnabend zu Sonntag soll Unter den Linden, in der Friedrichstraße und am Marstall geschossen [worden] sein. Königstreue Offiziere haben dort Maschinengewehre versteckt gehalten, Jugendwehr angestellt. Durch unterirdische Gänge sind sie dann geflüchtet, wenn Soldaten die Häuser absuchten.
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Montag, 11. November 1918
Einigung der Mehrheitssozialisten und Unabhängigen. Gott sei Dank!
Ferner Veröffentlichung der furchtbaren Waffenstillstandsbedingungen. Nur zu hoffen, daß der Friede bessere Bedingungen bringt.
Karl[6] ist so positiv in seinem Glauben an die Revolution, daß es mir sehr fein ist.
B.Z. am Mittag bringt [German Secretary for Foreign Affairs Wilhelm] Solfs Anruf Wilsons, daß er die furchtbaren Waffenstillstandsbedingungen mildere.
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Der Kaiser, Kronprinz, sollen nach Holland geflohen sein. Hindenburg soll geblieben sein und sich dem Soldatenrat unterstellt haben um das Chaos möglichst zu verhindern. Bravo, alter Hindenburg!
Der Vorwärts schreibt: „Der letzte Schuß im Weltkrieg ist verhallt. Wer ist der letzte Gefallene?“
Appellation der deutschen Sozialisten an die ausländischen Neutralen, um die Waffenstillstandsbedingungen zu mildern.
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Donnerstag, 14. November 1918
Wiedermal im Atelier. Schweres Hinkommen. Stadtbahn übermäßig voll. Massenhaft Soldaten. In dem Gedränge steht eine alte Frau mit einer Kiste. Drin hat sie eine Katze, die bei der argen Schießerei sich verängstigt in ihr Haus geflüchtet hatte. Jetzt geht sie aufs Land und nimmt die Katze in der Kiste mit. Die Leute lachen und sehn vergnügt aus.
Abends mit Karl in einer Spartakus-Versammlung. Deprimierender Eindruck. Verstimmt nach Haus gekommen.
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Sonnabend, 16. November 1918
Heut Versammlung der Eliteleute[7]: Rathenau, Hauptmann, Einstein, usw., bekam Aufforderung, ging aber nicht hin. Ich komm in den Ruf, ein weises politisches Verständnis zu haben und stümpere mir doch mühselig meine Meinung zusammen, spreche meist nach was der Karl sagt. Ganz lächerliche Lage. Im [Gottfried] Keller—glaub ich—gibt es so etwas.
Anregung durch einen Maler, die heimkehrenden Soldaten zu begrüßen. Er hat recht. Ich schreibe ein paar Worte und bringe sie nach dem Vorwärts. Stampfer und Schiskowski.
[Friedrich Stampfer war Mitherausgeber des Vorwärts, John Schiskowski war Redakteur des Feuilletons. Der am 17. November 1918 in der Beilage veröffentlichte Brief lautete:]
„An die Berliner!
Die Soldaten kommen in diesen Tagen zurück! Als sie auszogen, waren sie blumengeschmückt und eine jubelnde Menge gab ihnen das Geleit. Jetzt, wo sie wiederkommen nach vollen vier Jahren des Kämpfens, Leidens, Blutens rührt sich keine Hand zum Empfang.
Die Soldaten haben sich wohl eine andere Rückkunft geträumt und sind wahrhaftig wert, anders empfangen zu werden.
Man gebe der Bevölkerung bekannt, wann die Züge eintreffen, damit die endlich Heimkehrenden, lang Ersehnten empfangen werden, wie sie es verdienen. Und wir wollen die Bahnhöfe mit roten Fahnen und Girlanden schmücken!
Im Namen und im Auftrag vieler,
Käthe Kollwitz“[8]
[…]
Sonnabend, 23. November 1918
[…]
Sonnabend vormittag Hans[9] ich Stan in der Frontsoldatenversammlung, in der Liebknecht spricht. Für Hans sehr verstimmend. Auch für mich. Liebknecht spricht hastig, eifrig, mit eigensinnigen Gesten. Sehr geschickt. Sehr aufreizend. Eine Marc-Anton-Rede. Katzenstein,[10] der für die Regierungssozialisten sprechen will, wird niedergeschrien.
[…]
Stan ist in der Urlauber- und Deserteurversammlung gewesen. Liebknecht soll sehr gut gesprochen haben. Die Deserteure – 26 an der Zahl – sind wie in der Heilsarmee die Bekehrten nacheinander aufs Podium gegangen und haben erzählt, wann und wie sie desertiert wären. Stürmischer Beifall.
Dem Hans[11] dreht sich rein der Magen um.
Die Stadt ist geschmückt für die heimkehrenden Soldaten. Wir haben lang über die Fahne gesprochen. Heut am Sonntag hängen Hans und ich sie raus. Die deutsche allgemeine Schwarz-weiß-rote Fahne. Die liebe deutsche Fahne. An ihrer Spitze wehen lange rote Republikwimpel und der grüne Tannenkranz ist das Zeichen der Begrüßung. — Peter und Julius.[12] Und Ihr alle Niewiederkommenden.
[…]
6. Dezember 1918
[…]
Der offene Brief von Walther Rathenau an Oberst House.[13] Ist er dazu inspiriert oder kommt er aus eigener Initiative? Ist Rathenau wirklich so verzweifelt (spricht davon, den Zusammenbruch Deutschlands nicht lange überleben zu werden) oder übertreibt er politischerweise seine Niedergeschlagenheit um zu wirken auf Oberst House? Und steht es tatsächlich so um Deutschland? Man kann es immer noch nicht glauben.
Überhaupt die fürchterliche Zerrissenheit jetzt! Nord- und Süddeutschland fällt auseinander, Westdeutschland löst sich los vom Ganzen und ist von der Entente besetzt. Im deutschen Österreich Hungersnot und Kälte. Bei uns droht dasselbe in einigen Monaten. Die Sozialdemokratie klafft in 3 Teilen auseinander, die bürgerlichen Liberalen, die Konservativen verlangen die Nationaversammlung, die aber erst im Februar tagen soll. Bis dahin haben wir lang die Entente im Land. Frieden – erklärt die Entente – macht sie nur mit Nichtsowjetregierung, und Lebensmittel kriegen wir auch nicht vorher. Ein wahres Chaos. Und man lebt von Tag zu Tag, als wär man noch in Sicherheit. Der Krieg hat die Menschen wohl gelehrt, mit solcher Wurschtigkeit auch schrecklichen Ereignissen gegenüberzustehn. 4 Jahre Krieg, da wird man dickfellig.
8. Dezember 1918
[…]
Eben sage ich mir noch [daß], wenn Wahl zwischen Diktatur Ebert und Diktatur Liebknecht, ich bestimmt Ebert wählen würde.[14] Auf einmal aber fällt mir ein, was die eigentlich Revolutionären doch geleistet haben. Ohne diesen steten Druck von links hätten wir auch keine Revolution gehabt, hätten wir den ganzen Militarismus nicht abgeworfen. Die Mehrheitspartei hätte uns davon nicht erlöst. Sie wollte immer nur evolutionieren. Und die Konsequenten, die Unabhängigen, die Spartakusleute sind auch jetzt wieder die Pioniere. Sie drängen immer vorwärts, wie es auch liegt. Auch wenn es Blödsinn ist, auch wenn Deutschland darüber kaputt geht. Man wird sie jetzt knebeln müssen um aus dem Chaos herauszukommen und es besteht ein gewisses Recht dazu. Sieger werden voraussichtlich die Gemäßigten bleiben. Ich selbst würde es wünschen. Nur darf man nicht vergessen, daß die zu Knebelnden das eigentlich revolutionäre Ferment sind, ohne die wir überhaupt keine Umwälzung gehabt hätten. Daß es tapfere Menschen sind, die ohne weiteres sich Maschinengewehren aussetzen, daß es hungernde entrechtete Leute sind, die immer zu kurz gekommen sind. Daß es vor allem Leute sind, die hätten sie damals schon die Macht von heute gehabt, den Krieg verhindert hätten. Kurz und gut, es sind die Leute des revolutionären Prinzips, dem sie mit Unentwegtheit anhängen. Natürlich haben sie faktisch Unrecht. Faktisch muß man mit den Mehrheitssozialisten gehn. Es sei denn, daß einem der gänzliche Zusammenbruch Deutschlands ganz schnuppe ist.
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22. Dezember 1918
Hans ist in der Stadt gewesen und erzählt von der Demonstration der Kriegskrüppel. Ein großer langer Zug zum Teil in Wagen. Plakate sind getragen worden: „Wir wollen keine Barmherzigkeit, sondern Gerechtigkeit! Wo ist die Ludendorff-Spende?“[15] Gern hätte ich den Zug gesehn. Es ist scheußlich beschämend für die Beschädigten wie für die Zuschauer, daß die Menschen da ihre Schäden demonstrativ zeigen. Ich denke mir, das ist nur möglich in einer gewaltig zornig wirkenden Demonstration. Sonst ist es scheußlich. – Ich hab jetzt schon zweimal junge kriegsblinde Soldaten mit dem Leierkasten gesehn. Einer steht am Bahnhof Börse. Hat die Mütze zum Einkassieren auf den Leierkasten gelegt und dreht mit dem linken Arm. Mußt an Simplicissimus denken, der vor vielen Jahren das Bild eines 1870er Invaliden brachte, der den Leierkasten dreht und dazu singt: „Was ich bin und was ich habe, dank ich dir, mein Vaterland!“
Diesmal also auch wieder dieselbe Geschichte, und doch hieß es zu Anfang des Krieges, daß der Leierkasteninvalide nie wieder auf der Straße gesehn werden sollte.
24. Dezember 1918
Weihnachten! Und in der Stadt wird mit Kanonen geschossen.
Von 8–11 Uhr wird mit Gasgranaten und Maschinengewehren Schloß und Marstall beschossen. Tote und Verwundete. Mittags heißt es, die Matrosen hätten kapituliert. Doch ist der Ausgang wohl mehr ein Sieg der Matrosen als der Ebertschen Regierung.
Gegen Abend geh ich mit Hans dort vorbei. Marstall, Schloß stark beschädigt. Erregte Gruppen stehn zusammen.
[…]
Silvester 1918 [31. Dezember 1918]
[…]
Dies Jahr hat den Krieg beendet.
Noch ist kein Frieden. Der Frieden wird wohl sehr schlecht werden. Aber es ist kein Krieg mehr. Man kann sagen, dafür haben wir den Bürgerkrieg. Nein, soweit ist es noch nicht trotz allem Schlimmen.
1918 hat den Krieg beendet und die Revolution gebracht. Der entsetzliche, immer unerträglichere Kriegsdruck ist fort und das Atmen wieder leichter. Daß wir damit gleich gute Zeiten bekämen glaubte kein Mensch, aber der enge Schacht in dem wir staken, in dem wir uns nicht rühren konnten, ist durchkrochen, wir sehen Licht und atmen Luft.
[…]
Montag, 6. Januar 1919
Keine Zeitung außer Freiheit und Rote Fahne[16]. In Extrablättern fordern Mehrheitssozialisten zu Straßendemonstrationen auf. Karl ist dort. Auch ich für eine Weile. Straßen überfüllt, erregt. Karl kommt nach Haus, sagt, die Regierung hat keine Waffen, alle seien beschlagnahmt. Jetzt 5 Uhr nachmittag telephoniert Georg Stern, Noske[17] sei zum Stadtkommandanten gemacht [worden]. Man hört Kanonenschüsse, aber noch ziemlich vereinzelt. Hans ist in der Stadt.
Dienstag, 7. Januar 1919
Gestern abend bis in die Nachtstunden Kanonenschießen. Karl ging noch in die Stadt. Von einer Kaserne in der Köpenickerstraße her kamen die Schüsse.
Vor dem Schloß gähnende Leere. Findet einen alten Mann, der die [Zeitung] Freiheit ausruft. Sagt leise zum Karl: „Unterm Kaiser wars doch besser.“ Dann ruft er wieder laut: „Die Freiheit! Die Freiheit!“
War im Atelier zur Arbeit. Zurück durch die Stadt, weil Stadtbahn gesperrt. Überall Menschenmassen in Erregung. Alexanderplatz sah ich einen Zug von etwa 100 bewaffneten Arbeitern ziehen, einige elende, abgefetzte Soldaten darunter. Die Männer mager, düster, entschlossen. Anschließend Halbwüchsige.
Haase[18] hat Vermittlungsversuche gemacht, die aber erfolglos sein sollen.
Gestern glaubte man bestimmt, dieser Zustand könnte sich nicht länger hinziehn, so oder so müßte er sich entscheiden, und heute liegt es noch genau ebenso.
Am Abend sagt Hans vor sich hin: Ob man sich für die Regierungstruppen anwerben läßt? Ich frage ihn ob er meint mit der Waffe? Er sagt ja.
Donnerstag, 9. Januar 1919
Es wird weiter geschossen.
Das elektrische Licht versagt. Wasserleitung soll gesperrt werden weil Wasserwerke streiken. Wir haben die ganze Wanne gefüllt. Abends bringt Karl die Nachricht nach Haus, daß ein Unabhängiger ihm gesagt hat, am folgenden Tage soll ein großer Demonstrationszug [der] Arbeiter aller 3 Richtungen für Einigung sein. Eventuell über die Köpfe der Führer hinweg, wenn die zu keiner Einigung zu bringen seien.
Hans kommt aus der Studentenversammlung. Spricht nicht viel darüber, es scheint aber, daß er zur freiwilligen Meldung nicht—wenigstens noch nicht—entschlossen sei. Die sozialistischen Studenten haben sich ferngehalten. Die Universität soll geschlossen bleiben bis zum Ende aller Unruhen, damit die freiwillig sich Meldenden nicht wieder im Nachteil wären.
Abends setzen Karl, Hans und ich uns hin um in Kropotkins ‘Französischer Revolution’ zu lesen.
Mittwoch, 15. Januar 1919
Heut streiken die Eisenbahner.
Gegen Ebert-Scheidemann[19]. Zugleich aus Lohngründen die Untergrundbahn. Mühseliges
nach dem Atelier Kommen. Moabit abgesperrt. Die Brücken von Soldaten
mit Handgranaten bewacht. Durchsuchung auf Waffen.
Gegenrevolutionäre Strömung deutlich. Zirkus Busch: Hoetzsch, Traub. Schwarz-weiß-rote Fahne wird enthüllt, „Heil Dir im Siegerkranz“ und „Deutschland, Deutschland [über alles]!“[20]
[…]
Die Freiheit berichtet von gräßlicher Behandlung der gefangenen Spartakiaden.
16. Januar 1919
Niederträchtiger empörender Mord an Liebknecht und Luxemburg.[21]
19. Januar 1919
Sonntag. Wahltag. Zum ersten Mal gewählt. War mit Karl zusammen. Hans war vormittags im Lazarett, ging dann später allein. Auch er zum ersten Mal gewählt.[22]
Hatte mich so sehr gefreut auf diesen Tag und nun er dran ist, von neuem Unentschlossenheit und halbes Gefühl. Für Mehrheitssozialisten gewählt. Nicht für die Person Scheidemann, die zuoberst auf der Liste stand. Aber für Prinzip des Mehrheitssozialismus. Meinem Gefühl nach stehe ich mehr nach links, kann aber nicht unabhängig wählen, schon weil als Kandidat Eichhorn [aufgestellt] ist.
Gestern abend mit Helene Stöcker, [Georg Friedrich] Nicolai, einem Rechtsanwalt bei [Carl] Einstein zusammengewesen zur Begründung einer Liga für Menschenrechte.[23] Protest gegen die rohe Militärdiktatur und die Ermordung der Führer. […]
Sonnabend, 25. Januar 1919
Heut ist Karl Liebknecht begraben und mit ihm 38 andere Erschossene. Ich durfte eine Zeichnung nach ihm machen und ging früh nach dem Schauhause. In der Leichenhalle neben den andern Särgen stand er aufgebahrt. Um die zerschossene Stirn rote Blumen gelegt, das Gesicht stolz, der Mund etwas geöffnet und schmerzhaft verzogen. Ein etwas verwunderter Ausdruck im Gesicht. Die Hände im Schoß nebeneinandergelegt, ein paar rote Blumen auf dem weißen Hemd. Es waren noch mehrere mir fremde Leute da. Karl Hans Stan waren mitgekommen. Stan zeichnete auch. Ich ging dann mit den Zeichnungen nach Haus und versuchte eine bessere zusammenfassende Zeichnung zu machen.
Lise ist in der Stadt gewesen um dem Zuge zu folgen. Das ganze Innere der Stadt abgesperrt. Der gewaltige Demonstrationszug von inneren Straßen abgeleitet – überall Weiße Garde – über Moabit bis Bülowplatz gekommen. Von da sollte es weiter nach Friedrichshain [gehn]. Lise ging nicht weiter mit. Vom Friedrichshain ging der Zug hinter den Särgen.
Wie kleinlich und falsch sind alle diese Maßnahmen. Wenn Berlin – ein großer Teil Berlins – seine Gefallenen beerdigen will, so ist das keine revolutionäre Angelegenheit. Selbst zwischen den Schlachten gibt es Ruhestunden zum Bestatten der Toten. Es ist unwürdig und aufreizend, Liebknechts Gefolgschaft zum Grabe militärisch zu schikanieren. Und es ist ein Zeichen der Schwäche der Regierung, daß sie das dulden muß.
Während wir noch im Schauhause waren, kam eine alte Proletarierfrau. Ob sie nicht die Leiche noch einmal sehn könnte? Was für eine Summe von Gefühl folgt diesen Särgen. Stan sagt, sie wird jetzt manchmal angesprochen von Leuten aus der Spartakusgruppe. Neulich faßte eine junge Frau ihre Hand: „Wissen Sie noch, wie wir den Vorwärts stürmten?“ Eine zersprengte Gemeinde, sagt Stan. Eine verkrochene flüchtende versprengte Gemeinde.
Karl hat den ganzen Zug gesehn. Erschütternd in der Massenhaftigkeit und dem gleichen Ausdruck.
Stan war auf dem Kirchhof. In einem Massengrab sind sie beerdigt. Für Rosa Luxemburg ein leerer Sarg neben Liebknecht. [Luise] Zietz, [Adolf] Hoffmann, [Paul] Levi, [Rudolf] Breitscheid sprachen. Welche Qual diese ganze öffentliche Angelegenheit für Liebknechts Frau! Sie ist ohnmächtig geworden.
Um das Grab Gedränge. Einer schob den andern weg, zankten sich um die Plätze.[24]
27. Januar 1919
[…]
Gestern mit Karl gemeinsam für den Preußischen Landtag gewählt. Jahrelanges Kämpfen gegen das schlechte alte Wahlsystem und jetzt wo man ein ganz freiheitliches hat, ist flaue Wahlbetätigung.
4. März 1919
Generalstreik auch hier in Berlin. Die Forderungen sind politischer Art und beziehn sich vor allem auf Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenräte. Außerdem Freilassung aller politischen Gefangenen, einschließlich Radeks.[25] Umwandlung der Militärgerichtshöfe in zivile.
Es streiken nicht: Ärzte, Apotheken, Elektrizität, Wasserwerke, Lebensmittel.
Sofort mit Beginn des Streiks setzen Plünderungen ein. In unserer Umgebung 3 Geschäfte ausgeplündert. Ein Anblick heut in der Danziger Straße: vor einem ausgeplünderten Juwelierladen eine große Menschenmenge. Gegenüber an der Bank dreht den Leierkasten ein junger Feldgrauer. Sein einer Arm ist kaputt und er schüttelt immerfort krampfig den Kopf, daß die langen blonden Haare rumfliegen. Da fuhr es mir mit einmal durch den Sinn, wie elend und traurig es mit Deutschland steht.
Heut nacht wird beim Goldarbeiter Neumann unten[26] eingebrochen und ausgeraubt. Neumanns laufen jammernd im Haus rum, reißen an den Glocken. Hans kommt, telephoniert an Polizeibüro. Können niemand schicken, nur 4 Soldaten wären da. Die kommen dann auch, scheinen aber unbewaffnet, auch kommen sie zu spät. Unterdes Schießen, Hilferufen. In derselben Nacht noch oft Schießen, es scheinen massenhaft Plündereien vorgekommen zu sein. Und ein paar Stunden später werden die geraubten Sachen in der Weinmeisterstraße verkloppt. Da wagt sich keine Polizei mehr ran.
15. März 1919
Die Unruhen sind jetzt vorüber, aber der Belagerungszustand und das Standrecht sind noch nicht aufgehoben worden. Die amtlich beglaubigten Schreckensnachrichten über spartakistische Greuel in Lichtenberg sind zum größten Teil als Lügen entlarvt. Ihren Zweck, die Errichtung des Standrechts, haben sie erreicht.
[…]
Anmerkungen
Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, herausgegeben von Jutta Bohnke-Kollwitz. East Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 378–88, 390–93, 395–404, 406,409–12, 417, 419–421, 844.