Quelle
Quelle: Simplicissimus, Jg. 37, Nr. 19, 7. August 1932, S. 222-23. Online verfügbar unter: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/37/37_19.pdf
Die Weimarer Republik hat bis heute den Ruf einer bemerkenswerten sexuellen Freizügigkeit, und obwohl dieser Ruf sowohl Mythen als auch Übertreibungen genährt hat, beruhte er auf einer echten Offenheit für die Diskussion sexueller Fragen – einschließlich der Verhütung und Familienplanung sowie der Pionierbewegungen für die Rechte von Homosexuellen – und auf einer relativ toleranten Politik, wenn es um die Regulierung von Verhaltensweisen, Produkten und Dienstleistungen ging.
Diese Kleinanzeigen, die einer Ausgabe der Satirezeitschrift Simplicissimus aus dem Jahr 1932 entnommen sind, zeigen, in welchem Umfang Unternehmen und einzelne Anbieter in Deutschland damals offen für Verhütungsmittel und Erotika werben und diese verkaufen konnten. Diese Produkte wurden über den Versandhandel angeboten, doch waren erotische Publikationen in den meisten Großstädten in Geschäften und an Kiosken erhältlich. Kondome und manchmal auch andere Verhütungs- und Sexualhilfsmittel konnte man in der Regel in Apotheken kaufen.
Die Weimarer Republik erschien jedoch vor allem im Vergleich zu anderen Ländern in dieser Zeit offen und tolerant, und sie zensierte immer noch bestimmte Dinge und kontrollierte bestimmte Verhaltensweisen. Manche der hier beworbenen Produkte wurden daher nur euphemistisch beschrieben. „Sittengeschichte“ zum Beispiel konnte sich auf die Geschichte der Sitten und Gebräuche innerhalb einer bestimmten Kultur beziehen, wurde aber im Allgemeinen so verstanden, dass sie sich in erster Linie auf die Geschichte der Sexualität und der Erotik bezog und den historischen Teil vernachlässigte. Der Anbieter, der für seinen Katalog mit Büchern über „Sitten- und Kulturgeschichte“ warb, konnte also den Käufern mit einem Augenzwinkern mitteilen, was er eigentlich verkaufte, und gleichzeitig einen Begriff verwenden, der den Anschein von Seriosität erweckte. Der Begriff „Privatphotos“ funktionierte auf dieselbe Weise, ebenso wie der Begriff „Sexualwissenschaft“, obwohl sich dieser mindestens ebenso oft auf das aufkommende akademische Forschungsgebiet an der Schnittstelle von Medizin, Anthropologie, Soziologie und Psychologie bezog, das von deutschen Intellektuellen wie Magnus Hirschfeld begründet worden war.
Mehrere Anzeigen, die für „Gummiwaren“, „Gummiartikel“ oder „Fromms Akt“ warben, bezogen sich alle auf Kondome. In den Anzeigen für „Fromms Akt“ wurden wahrscheinlich Nachahmungen der weit verbreiteten und geschätzten „Fromms Act“-Kondome beworben, die 1912 von Julius Fromm entwickelt und 1919 in Sechserpackungen als erstes Markenprophylaktikum der Welt verkauft wurden. Die Firma Fromms deckte einen großen Teil des deutschen Inlandsbedarfs und exportierte in mehrere Länder.
Ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erließ Heinrich Himmler eine Polizeiverordnung, welche die Werbung für Kondome verbot, da sie im Widerspruch zur nationalsozialistischen Politik der Förderung von Großfamilien stand. 1938 wurde das Unternehmen von Julius Fromm zwangsweise „arisiert“, und Fromm, ein deutscher Jude, emigrierte nach Großbritannien.
Quelle: Simplicissimus, Jg. 37, Nr. 19, 7. August 1932, S. 222-23. Online verfügbar unter: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/37/37_19.pdf