Kurzbeschreibung

Seit dem 19. Jahrhundert verbrachten viele Deutsche, die es sich leisten konnten, die heißen Sommermonate in einem der vielen Badeorte an der Nord- und Ostseeküste des Landes. In vielen dieser Badeorte wurde jedoch jüdischen Gästen der Besuch verwehrt oder untersagt, und der sog. „Bäder-Antisemitismus“ nahm im Laufe der 1920er Jahre zu. Eine bemerkenswerte Ausnahme von diesem Trend bildete die Nordseeinsel Norderney, deren relative Toleranz eine wachsende Zahl jüdischer Urlauber anzog. Der Ruf Norderneys, jüdische Gäste willkommen zu heißen, reichte bis ins späte 19. Jahrhundert zurück, und der jüdische Hotelbesitzer Heinrich Hoffmann betrieb seit den 1890er Jahren ein Hotel, das speziell auf die Bedürfnisse jüdischer Gäste ausgerichtet war. In den 1920er Jahren machten Juden etwa ein Drittel der Gesamtbesucher der Insel aus, etwa 15.000 pro Saison, die meisten von ihnen deutsche Juden, aber auch einige aus dem Ausland. Zwei Lokale in der Stadt unterhielten streng koschere Küchen – das Restaurant Falk und das Restaurant Cohn – und Norderney verfügte auch über eine Religionsschule und eine Synagoge. Norderney hatte keinen eigenen Rabbiner, konnte sich aber an den Landesrabbiner in Emden wenden, der die kleineren Gemeinden in diesem äußersten nordwestlichen Winkel Deutschlands betreute. 1932 wurde sogar mit dem Bau eines rituellen Bades für die Gemeinde begonnen, doch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verhinderte die Fertigstellung.

Diese Einrichtungen dienten der ständigen Gemeinde von etwa 20 Juden im Jahr 1924 (bei einer Gesamtbevölkerung von knapp über 4.000 Einwohnern auf Norderney) sowie den vielen Hunderten von jüdischen Saisongästen und Arbeitskräften, die in den Sommermonaten auf die Insel strömten. Auf Norderney gab es auch ein jüdisches Kinder- und Erholungsheim, das vom hannoverschen Zweig der B'nai B'rith betrieben wurde und vor allem Kinder aus wirtschaftlich benachteiligten Verhältnissen betreute. Das Freizeitheim war zunächst nur saisonal betrieben worden, wurde aber Mitte der 1920er Jahre zu einer ganzjährigen Einrichtung ausgebaut, die jährlich 450 jüdische Kinder für vier bis sechs Wochen zu Bildung, Erholung und frischer Luft auf die Insel holte.

Die nachstehenden Auszüge stammen aus einem zweiteiligen Reisebericht, den ein jüdischer Kurgast im Spätsommer 1930 auf Norderney verfasste, weniger als ein Jahr nach der Weltwirtschaftskrise und nur zwei Wochen vor den Reichstagswahlen, bei denen die NSDAP ihren ersten bedeutenden und schockierenden Durchbruch bei den Wahlen erzielte. Die Artikel erschienen in aufeinanderfolgenden Ausgaben von Der Israelit, Deutschlands führender orthodoxer jüdischer Zeitschrift, die als eher traditionsorientierter und konservativer Gegenpol zur liberalen deutsch-jüdischen Zeitung, der CV-Zeitung, diente (die im folgenden Artikel nur am Rande erwähnt wird). Der nicht namentlich genannte Autor beschrieb die besonderen Möglichkeiten, die Norderney dem gläubigen jüdischen Besucher bot, sowie das reine Vergnügen eines Sommerurlaubs am Meer. Wie in einem Reisebericht nicht anders zu erwarten, erwähnte der Autor die Politik so gut wie gar nicht, abgesehen von der Bemerkung, dass der Urlaubsort es ermöglichte, Dinge wie die Schwierigkeiten der Regierung Brüning zu vergessen. Doch gerade in der Thematisierung des Vergnügens, die Politik vergessen zu können, sowie in der Erkenntnis der (relativen) Toleranz Norderneys, deutete der Ton des Artikels subtil auf den bedrohlicheren gesellschaftlichen Hintergrund dieses idyllischen Urlaubs hin.

Norderney: Ein jüdischer Badeort (August 1930)

Quelle

Teil I (7. August 1930)

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… in einem kleinen, schmalen Gässchen, eine Überraschung für den Juden. Ein länglicher, rotgelber Bau, der sich mit seinen schmalen, bunten Fenstern und sauberem Vorgärtchen so harmonisch und selbstverständlich in das Straßenbild einfügt, als hätte ihn der Schöpfer der Welt schon am ersten Tage, da er das feste Erdkrüstchen Norderney mitten in das große Meer warf, mitgeschaffen. Diese Synagoge hat bereits ihre fünfzigjährige Geschichte und ihre Tradition. Damals war noch Baron Willy von Rothschild hier zur Kur und andere mehr denn „fünf Frankfurter“, und große Berliner und Hamburger und Breslauer, die dafür sorgten, dass bei den später entstandenen vortrefflichen Hotels am Platze die jüdischen Gäste auch geistig und religiös nicht unterernährt werden. So entstand dieses hübsche Gotteshaus mit 88 Männerplätzen und mit allen heiligen Utensilien, die zu einem Gotteshause gehören. Viele Mäntelchen und Decken tragen in Goldlettern auf rotem Samt bekannte Frankfurter Namen. Aus einem Anschlage im Vorraum erfährt man, dass Synagoge und Gemeinde heiliges Exterritorium unter dem Schutze eines Allerweltkuratoriums sind, in dem Frankfurt mit Jacob Besthoff gut vertreten ist. Die Synagoge ist nicht ein Denkmal nur, sondern sie führt ihr tägliches Leben. Morgens und abends ist Gottesdienst. Am Freitagabend und Sabbatmorgen ist sie bis auf den letzten Stehplatz voll gefüllt. Im Vorraume steht im Schranke sogar eine komplette Talmudausgabe, die auch benutzt wird. Von der ersten Lenzessonne wird der heilige Raum aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst und er erreicht mit den hohen Feiertagen, da die ansässigen fünf Norderneyer noch einmal für Minjangottesdienst sorgen, seinen Höhepunkt, um für ein halbes Jahr in den Winterschlaf überzugehen.

Betreut wird diese Synagoge mit Liebe und Eifer von einem zuverlässigen, torakundigen Manne, der zugleich als Vertrauensmann des Emdener Rabbinates seit drei Jahrzehnten schon hier Sommer für Sommer das Kaschrutwesen in unserem Hotel (Hoffmanns Hotel Falk) überwacht und auch sonst alle religiösen Bedürfnisse der Kurgäste aufs Beste zu befriedigen weiß. Ein etwas herrischer Mann, mit dem sich in Dingen des Kultus und Ritus nicht spaßen lässt. In der Umsicht und Energie des Mannes liegt aber die größte Gewähr auch für die Ängstlichsten. Er steht auf exponiertem Posten, wie auf einem religiösen Leuchtturm im Meere, und muss auch danach gewürdigt werden.

Im Hotel.
In unserem Hotel wickelt sich ein buntes und im Ganzen jüdisches Leben ab. Am Sabbat waren auf der rund um das schöne Haus herum sich schlängelnden Veranda sämtliche Tische für gut zweihundert Personen gedeckt. Freitagabend brannten Sabbatlichter fast auf jedem Tische. Das Lied „Zur Begrüßung der Engel“ umsummte manches Licht. Jeder Tisch eine Familie für sich, ein trautes Sabbatheim mit Licht, Lied und Liebe. Vor dem Tischgebet erhebt sich das Zionslied in drei verschiedenen Melodien, die ineinander kreuzen, und es mutet an wie ein Kampf zwischen Zionismus und Aguda in Tönen. Gebenscht wird aber gemeinsam... Auf den Häuptern der Männer sitzen die Hüte darunter bei manchen Dreiwochenbärte üppig wuchern. Es ist alles gut jüdisch.

Natürlich auch die gute Sabbatkost. Der Apparat, von geschultem Personal bedient, funktioniert tadellos. Und der Hausherr, wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke, weiß mit geübtem Blicke und fester Hand das Schifflein so sicher durch die Fluten des Hochbetriebes an allen Klippen vorbei zu leiten, dass sich alles wie am Schnürchen abwickelt. Zur Führung eines Hotels, und gar eines jüdischen Hotels, gehören nicht allein Wissen und Technik, sondern auch Herz. Es ist längst ein dummes — und böswilliges — Märchen, von der „Unfähigkeit jüdischer Wirte und Minderwertigkeit jüdischer Hotels“ zu sprechen. Erstklassige jüdische Hotelbetriebe sieht man heute überall in Stadt und Kurort. Auch in Norderney darf sich kein Jude, und wäre er von Haus aus noch so verwöhnt, darauf berufen, dass er durch Komfortmängel im jüdischen Hotel gezwungen sei, in nichtjüdischen Häusern Logis zu nehmen.

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„Wir bauen eine Burg…“
Das Schönste an Norderney sind seine Kinder. Norderney ist ein großes Kinderheim. Aus allen Ecken und Enden, aus allen Gassen und Gängen, in den Gärten und Vorhöfen und Spielplätzen, schreien, lachen, johlen, singen und jubilieren Kinder. Sie beherrschen die Straße, sie beherrschen den Strand, sie beherrschen mit Fahne, Ball, Schaufel und Eimer, mit Lärm und Lachen die Insel. Wer da klagt über Geburtenrückgang in Deutschland, der komme nach Norderney und werde eines Besseren belehrt. Schwarzgebrannt, in Eskimogewändern, in Turngewändern oder gar keinen Gewändern kommen sie aus den vielen Kinderheimen und ziehen mit selbstverfertigten Fahnen, mit Sang und Klang durch die Straßen. Viele blasse, kränkliche Gesichtchen sind schon nach wenigen Tagen wie auf Kupfer. Auch jüdische Kinder aus dem Heime der Zionsloge, aus Privatheimen, so unter bewährter Leitung der Frankfurter Frau Golde, aus Schulen und Ferienkolonien sieht man frisch und froh und frei (von einem vierten „f“, auf das die Kinder ein gewisses Ferienrecht haben, wollen wir hier höflicherweise schweigen...) sich am Strande tummeln, im Spiel mit Bällen und Wellen. Kinder, Kinder, überall Kinder! ...

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Der Teufel hole die Politik...

Wer ist Brüning? Was soll die „Notverordnung“ und die neugebildete Staatspartei? Der Reichstag auseinander? Haben die aber schlecht gebaut! „Sammlung wozu?“ hieß es mit großen Lettern in einer Überschrift der „Frankfurter Zeitung“ vom Dienstag, die wir am Freitag erst erhielten. „Wozu?“ fragen auch wir. Mehr als die Überschrift hat keiner von uns gelesen. Tuen sich was, die Menschen da draußen. Und sind doch, so wie hier, nur ein winzig Häuflein Nacktheit im großen, gewaltigen und endlosen Meere...

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Quelle: „Aus dem Reiche der See und Sonne. Das große Wunder“ (Teil 1), in Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum. Organ der Aguda. Frankfurt am Main, Nr. 32, August 7, 1930, S. 1, 10. Online verfügbar unter: https://www.alemannia-judaica.de/norderney_synagoge.htm#Anzeigen%20und%20Berichte%20zu%20j%C3%BCdischen%20Kureinrichtungen

Teil 2: „Morgengebet am Meere“ (28. August 1930)

Als in der letzten Woche die Zahl der jüdischen Juden [sic] in Norderney allmählich zusammenschrumpfte, gab es in der kleinen Synagoge keinen Minjang’ttesdienst mehr. Ich ging dann morgens an den Strand, und die kleine, wie ein Zigeunerwagen auf vier in den Sand gesenkten Rädern ruhende Kabine ward G‘tteshaus.

Hast Du, lieber Leser, schon einmal auf oder am Meere Dein Morgengebet gehalten, so ganz allein, nur Gott, Du und die Wellen? Am Strande weit und breit um diese frühe Stunde keine Menschenseele. Das Meer ein Kessel voll kochenden Bleis, versilbert am Rande. Wellen kommen von hinten nacheinander gestürmt, wie Untiere, die einander in den Rücken fallen, Feinde, die über die Leichen der Vordermänner ins Land eindringen und doch am harten Damme das Genick brechen. Und darüber ein Himmel, hellgrau mit weißem und rotem Besatze, der schon im nahen Horizonte sich wie eine Rückwand aus blindem Glas zum Meereskessel herabneigt. Und hier, wo Wolken, Wasser und Erde sich im Ringen umschlingen, stehst du ganz allein; eine starke Brise weht dich an, weht die Fäden, die Dich im Gebete an G‘tt binden, nach allen vier Enden, und die Zeichen des G‘ttesbundes ruhen Dir an Stirn und Arm. Und Du schaust in die grüngraue Unendlichkeit und lobpreisest Ihn, der „erschuf Himmel und Erde, das Meer und alles, was darin ist, der hütet die Treue immerdar — “. „Dir, G‘tt, die Größe, die Macht und die Pracht und die Ewigkeit und die Schönheit, wie alles, was im Himmel und auf Erden ist... Du schufest sie alle — — — und Du belebest sie alle, — und des Himmels Heere bücken sich von Dir — — —“ Es ist die Zeit und der Ort, da auch der Andacht Wogen ihren Hochgang erfahren können...

Wenn Du ein kleines Tillim oder Mischnabuch bei Dir hast, tue es nun zur rechten Zeit heraus, der Worte manch dunkler Sinn wird Dir jetzt klar aufgehen.

Dann gehst Du zum Frühstück. Die Veranda des Hotels ist zu dieser Stunde noch leer und Du wirst rasch und gut bedient. Mählich erwacht das Hotel. Kinder lärmen die Treppe hinunter, Schlafröcke schieben sich dazwischen wie Sandsäcke. Bademäntel und Pyjamas schillern in allen Farben. Die Tische sind besetzt von Efendis, Mandarinen, Maharadschas und den Frauen der Maharadschas. Jeder fragt jeden, was er vom Wetter halte, ob er gut geschlafen habe, ob er nach Helgoland fahre. Dann ist's Zeit, dass Du gehest, dahin, wo die Wellen rauschen und „Abgrund zu Abgrund“ mit mehr Geräusch und dennoch diskreter spricht.

Noch ist der Strand wenig belebt. Der einäugige Diener fegt mit großem Besen Abfälle menschlicher Kultur: Zeitungsblätter, Fähnchen, leere Pralinenschachteln in die Fluten und gibt mit ostfriesischer Trockenheit dem Kurgast Auskunft über das Wetter: „Wind dreht nach Ost. Wenns heute nicht regnet, gibt‘s das schönste Wetter!...“ Bei der Sperre schreibt der Portier mit Kreide an die Tafel: „Hochflut 9.20 Uhr, Wassertemperatur 17 1/2 Grad“. Eine Schwester in weißem Häubchen, selbst noch halb ein Kind mit großen Augen, führt eine Kolonie blasser, hohlwangiger Buben und Mädels an den Wasserrand und heißt sie, Arm hochhalten und tief atmen. Die Jungen öffnen den Mund und vergessen vor Staunen, ihn zu schließen.

Vom Hafen fahren ein paar Fischerboote mit geschwellten Segeln aus. Auf der weit in die See hinauslangenden Buhne steht ein dünner Jüngling in Schülermütze und angelt. Ein Idyll, ein Stilleben bei rauschenden Wellen.

Dann aber, so gegen elfe, rauscht eine Welle des Lebens heran, ist der Menschenhaufen am Nordstrand beisammen, wälzt sich im Sande, tanzt mit den Wellen; die Zigeunerlager in der Sonne vor den Wagenkabinen sind aufgeschlagen. Indianergeheul wetteifert mit den Wogen. Bälle rollen durch die Luft und den Sand und in die Brillengläser kurzsichtiger Zeit- und Badegenossen. Dann ist der Zeitpunkt da, der Dich auch hier verschwinden heißt.

Du gehst durch den Kurgarten zu deinem Warmbade oder, wenn Lust und Notwendigkeit vorhanden, an stille Arbeit bis zur Mittagstafel.

Am Nachmittag.
Am Nachmittag holen die Menschen alles, was sie am Vormittag an Toiletten versäumt haben, so gründlich nach, wie man am Mittag des neunten Aw die morgens ausgelassenen Segenssprüche nachträgt... Der Strand ist ein Korso mit großer Modeschau. Aus den Strandcafes grölt das Saxophon und lärmt das Schlagzeug. Wilde Jazzbandwogen und blonde Dauerwellen, und die See zieht sich, etwas belustigt, langsam und majestätisch zurück…

Man geht dann besser in den Kurgarten, wo eine Kapelle gute Musik macht, bequeme Klubsessel zum beschaulichen Ausruhen einladen und ein Lesesaal mit seinem vornehmen Schweigen die von den Wogen benommenen Sinne wie in sanften Ruhekissen einbettet.

Die Regale bieten erlesene Zeitungslektüre, es ist ein zweites Städtedenkmal in Papier. Da liegt die „Frankfurter“ neben dem „Lokalanzeiger“, Ullstein ruht neben Scherl und Hugenberg. „Der Stahlhelm“ und die „C.V. Zeitung“ teilen oft das gleiche Fach. Extreme Blätter fehlen.

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Im Busche davor hatte ich oft Gelegenheit, Kinder beim Spiele zu belauschen, Kinder der Heime und des Golde-Kreises [sc. privates jüdisches Kinderheim von Rosa Golde]. Wie hier Kinder verschiedenen Alters und aus verschiedenem Milieu mit fester Hand geleitet und behütet werden, ohne dass sie den Zwang einer in offiziellen Heimen unvermeidlichen Hausordnung zu spüren bekommen, musste ich immer bewundern. Luft, Licht, Lied und Liebe schaffen den Kleinen eine Zauberwelt, in der es keinen Raum für Heimweh oder derartiges gibt...

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Quelle: „Aus dem Reiche der See und Sonne. Das große Wunder“ (Teil 2), in Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum. Organ der Aguda. Frankfurt am Main, Nr. 33, August 28, 1930, S. 1, 10. Online verfügbar unter: https://www.alemannia-judaica.de/norderney_synagoge.htm#Anzeigen%20und%20Berichte%20zu%20j%C3%BCdischen%20Kureinrichtungen