Kurzbeschreibung

Dieser Artikel über die Landflucht in Deutschland erschien im Mai 1930 im katholisch geprägten Sauerländischen Volksblatt. Der ungenannte Verfasser beschreibt insbesondere die Abwanderung der Bevölkerung aus den Gebieten im Osten Deutschlands. Die Migration aus diesen Gebieten, hauptsächlich den östlichen Provinzen Preußens, hatte bereits im 19. Jahrhundert begonnen. Sie war im Wesentlichen auf die Industrialisierung zurückzuführen, die dort erst verspätet einsetzte und daher viele Arbeitskräfte zur Abwanderung in Städte und Industriezentren bewegte, wo die Löhne durchschnittlich höher waren. Die ostelbischen Gutsbesitzer glichen die fehlenden Arbeitskräfte durch die Anwerbung polnischer Arbeitsmigranten aus, die jedoch strengen Einwanderungsbestimmungen unterlagen und nicht dauerhaft sesshaft werden durften. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag die Wiedereinrichtung des polnischen Staates festgelegt, dem ehemals deutsche Gebiete, vor allem der Großteil Westpreußens und Posens, übertragen wurden. Der Verfasser nutzt diesen Artikel, um vor allem die neue Grenzziehung für die Landflucht verantwortlich zu machen, da diese sich negativ auf die ostdeutsche Wirtschaft ausgewirkt habe. Der weit verbreitete rassistische Antislawismus der Zeit tritt deutlich zum Vorschein, wenn der Verfasser eindringlich vor einer „Polenisierung“ der ostdeutschen Grenzgebiete durch den polnischen Geburtenüberschuss warnt.

Landflucht in Deutschland (6. Mai 1930)

Quelle

Landflucht in Deutschland

Entvölkerung des Ostens—Polnische Invasion—Zusammenbruch der Landwirtschaft—Zunahme der Oedländereien—Sterbendes Volk

Seit der Zeit kurz vor dem Krieg haben wir eine Erscheinung zu beobachten, die in Deutsch-land in derartigem Umfange bisher unbekannt war, die Landflucht, ein Bevölkerungsaustausch zwischen Stadt und Land, eine Regenerierung der Bevölkerung der Städte durch die Landbevölkerung. Diese bildet heute das Menschenreservoir der Städte, die ihren Menschenbedarf nicht selbst decken können. In jedem fortschrittlichen Lande ist dieser Vorgang durchaus erklärlich und gesund. Gesund allerdings nur solange, wie die Landbevölkerung ohne Einbuße an ihrem Bestand Menschen abgeben kann. Heute jedoch liegen die Verhältnisse derart, daß man von einer rapiden Abnahme der Landbevölkerung sprechen muß, einer Landflucht im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie wirkt sich diese Landflucht aus und worin liegen ihre Ursachen? Die Gefahr der Landflucht ist zweifach. Sie ist wirtschaftlicher und nationalpolitischer Art. Besonders der deutsche Osten hat unter dieser Gefahr schwer zu leiden. Der Osten, weitaus am dünnsten besiedelt, steht durch die Folgen der Grenzziehung wirtschaftlich ungemein geschwächt da und hat außerdem in nationalpolitischer Hinsicht unter dem Druck der polnischen Invasion und des großen polnischen Bevölkerungsüberschusses zu leiden. Die Landflucht hat heute einen derartigen Umfang angenommen, daß sie zu einem langsamen, jedoch ununterbrochenen Ausbluten des deutschen Ostens führt. Sie wirkt dadurch noch besonders erschwerend, daß durch sie der beste, widerstandsfähigste und lebenskräftigste Teil der Bevölkerung dem Lande entzogen wird und die Alten und Jüngeren zurückbleiben.

Ueber anderthalb Millionen bester Arbeitskräfte büßte die deutsche Landwirtschaft durch die Landflucht ein. 35000 Menschen verliert Ostpreußen jährlich: Rund 112000 Menschen sind aus Ostpreußen in den Jahren 1910 bis 1925 ausgewandert, rund 11000 Menschen verlor im gleichen Zeitraum die kleinste der preußischen Provinzen, die Grenzmark Posen Westpreußen. Ca. 8000 Menschen sind in einem Jahre aus Hinterpommern ausgewandert.

Diese Zahlen lassen den außerordentlichen Ernst der Lage erkennen. Dabei setzt sich diese Völkerwanderung in erschreckendem Umfange auch heute noch ununterbrochen fort. Man trifft in Ostpommern Kreise an, denen in einem Jahre über 1000 Menschen durch die Landflucht verloren gehen.

Die Landflucht findet sich in allen landwirtschaftlichen Kreisen des Deutschen Reiches. Sie überwiegt jedoch bei weitem in den Ostprovinzen. Den Beweis hierfür liefern Angaben der Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik“. Danach sind beispielsweise, soweit sich aus der letzten Volkszählung feststellen ließ, in den Jahren 1910 bis 1925 durch die Landflucht verloren gegangen den Provinzen

Sachsen 31 891

Holstein 53 705

Hannover 16 227

Westfalen 14026

Reg.-Bez. Kassel 17 053

Freist. Sachsen 92138

Freist. Oldenburg 10 413

Freist. Bayern 91 091

Man sieht hieraus schon, daß die Auswanderung in den Westprovinzen erheblich geringer ist, als in Ost- und Mitteldeutschland. Während selbst die industriellen Provinzen Ober- und Niederschlesien eine Auswanderung von zusammen 71 764 zu verzeichnen hatten, gewann die Rheinprovinz 40 296. Hierin prägt sich besonders deutlich der Zug nach dem Westen aus. Den Hauptanteil an der Zuwanderung hat natürlich mit rund 340000 Menschen Berlin.

Weshalb ist nun die Landflucht so außerordentlich gefahrbringend, besonders für den Osten? Die Landflucht führt dahin, daß die Landwirtschaft nicht mehr imstande ist, ihren Grund und Boden ordnungsgemäß in ganzem Umfange zu bestellen. So sind beispielsweise in der Grenzmark Posen-Westpreußen infolge Fehlens von Landarbeitern rund 300 000 Morgen nicht ordnungsgemäß bestellt worden. Ein enormer Ausfall für die Volkswirtschaft! In Ostpommern tritt eine erhebliche Zunahme der Oedländereien wieder ein. Zahlreiche Landwirte führen die Brachwirtschaft ein, stellen ihre intensive Wirtschaftsführung auf die extensive um.

Zu diesem wirtschaftlichen Ausfall, der sich auf die ganze Volkswirtschaft auswirkt, kommt die große nationalpolitische Gefahr hinzu. Der Osten ist am dünnsten bevölkert. Während wir in Preußen einen Durchschnitt von rund 131 Bewohnern auf das Quadratkilometer antreffen, beläuft sich diese Zahl für die Grenzmark nur auf 43, für Ostpreußen auf 61 und für Pommern auf 62 je Quadratkilometer. Diese Bevölkerungszusammensetzung wird ununterbrochen durch die Landflucht herabgemindert. Hinzu kommt die Abnahme des Geburtenüberschusses.

In die durch die Landflucht im Osten entstandenen Lücken dringt der Pole nach und füllt diese Lücken doppelt und dreifach mit seinem Menschenmaterial. So erwächst aus der Landflucht und dem wirtschaftlichen Niedergang des deutschen Ostens die weittragende Gefahr, daß die ostdeutschen Grenzgebiete mehr und mehr polenisiert werden. Bereits heute finden wir in Grenzkreisen, die bis vor wenigen Jahren rein deutsch waren, eine erhebliche polnische Minderheit.

Das Polentum wächst ununterbrochen. Die große Zukunftsgefahr bildet der polnische Bevölkerungsüberschuß jenseits der Grenze, der einen immer stärker werdenden Druck auf die deutschen Grenzlande, die zunehmend entvölkert werden, ausübt. Wir haben so ein krasses Mißverhältnis: Anwachsen des Polentums— Abnahme des Deutschtums. Bei dem polnischen Bevölkerungsüberschuß kann dieser Druck schließlich unerträglich werden.

In Deutschland ist der Geburtenüberschuß seit 1913 um über 40 Prozent zurückgegangen. 1927 betrug in Deutschland der Geburtenüberschuß auf 1000 Einwohner nur noch 6,4. Die Deutschland benachbarten westpolnischen Gebiete dagegen haben nach der Zählung von 1925 einen Geburtenüberschuß von 18,3 zu verzeichnen! Dabei sind die polnischen Gebiete bedeutend dichter bevölkert als die ostdeutschen Grenzlande. Zudem steigert Polen künstlich mit allen Mitteln diesen Bevölkerungsdruck, sichert so seine Grenzgebiete und fördert den Expansionsdrang.

Diese Landflucht birgt auch große außenpolitische Gefahren in sich. Wird der Landflucht kein Einhalt geboten, so wird nicht nur der Korridor auf immer verloren sein, Deutschland wird sich dann in nicht allzu langer Zeit auf die Oderlinie zurückziehen müssen. Bereits heute wird von polnischer Seite die Forderung erhoben, daß der Völkerbund sich der Verhältnisse in Ostdeutschland annimmt, da eine Bevölkerungsdichte von 30 auf den Quadratkilometer, wie wir sie auf dem flachen Lande antreffen, eines europäischen Kulturstaates unwürdig sei. Man müsse Polen diese Gebiete übertragen, damit sie wieder zu wirtschaftlichem Leben kämen.

Worin hat die Landflucht ihre tiefsten Ursachen? Einmal in der nicht abzustreitenden Kulturarmut des flachen Landes, zum anderen aber und dies in erster Linie, in der Unrentabilität der Landwirtschaft, denn diese ist auch für die vielfach unzureichenden Landarbeiterverhältnisse verantwortlich. Die Unrentabilität der Landwirtschaft ist zwar zu einem Teil in der allgemeinen Agrarkrise bedingt, in Ostdeutschland jedoch in erster Linie durch die Auswirkungen der Grenzziehung, durch die alle zusammenhängenden Wirtschaftsgebiete zerrissen sind. Neue Verbindungen konnten noch nicht geschaffen werden. Die Wiederherstellung der Rentabilität der Landwirtschaft kann nur durch Hebung der Preise erfolgen. Dies bedingt Schaffung neuer Verkehrswege, Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft und Schutz der heimischen Produktion. Es ist irreführend, wenn angenommen wird, daß die Preissteigerung der Agrarerzeugnisse auf eine Höhe, die die Rentabilität gewährleisten würde, eine unerträgliche Verteuerung der Lebenshaltung zur Folge haben würde. Nach den Berechnungen von Professor Falke (Leipzig), einer unbestreitbaren Autorität auf diesem Gebiet, würde die Erhöhung der Preise zur Wiederherstellung der Rentabilität der Landwirtschaft nur eine Erhöhung der Lebenshaltungskosten um 7 Prozent zur Folge haben. Diese erscheinen uns tragbar, wenn man ihr die Gefahren gegenüberstellt, die in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht durch die Entvölkerung des Ostens entstehen. Nach den Angaben von Professor Falke bleibt die Geburtenziffer unseres Volkes bereits um 9 Prozent hinter den zur Bestandserhaltung erforderlichen Mindestzahl zurück, sodaß etwa von 1955 an die Bevölkerung von Jahr zu Jahr zusammenschrumpfen würde. Deutschland hat seit dem Kriege den stärksten Geburtenrückgang von allen Völkern Europas. Wird dem nicht Einhalt getan, so werden wir ein sterbendes Volk. Rentabilitätswiederherstellung ist die eine Möglichkeit zur Abwendung der Landflucht die Siedlung eine andere. Siedlungsfähiges Land ist im Osten genügend vorhanden, ohne daß dadurch leistungsfähiger Großgrundbesitz zerschlagen werden müßte. Das Siedlungswesen würde vor allem in nationalpolitischer Hinsicht den Folgen der Landflucht entgegentreten können und der polnischen Invasion einen Schutzwall entgegensetzen.

Die Landflucht ist eine Schicksalsfrage Deutschlands, ist ein deutsches Problem. Ihre Wirkung ist besonders in Krisenzeiten schwerwiegend. Daher müssen selbst in Krisenzeiten Maßnahmen ergriffen werden, um die Landflucht zu bekämpfen.