Kurzbeschreibung

Wilhelm Groener (1867-1939) stammte aus Württemberg und trat direkt nach dem Abitur ins Militär ein, wo er bald Karriere machte. Während des Ersten Weltkriegs wurde er zum Generalleutnant befördert und im November 1916 zum stellvertretenden Kriegsminister im preußischen Kriegsministerium ernannt. Er geriet jedoch in Konflikt mit der Obersten Heeresleitung (OHL), woraufhin er an die Front versetzt wurde. Groener schrieb den hier in Auszügen wiedergegebenen Brief vom 12. Oktober 1918 an seine Frau Helene aus Kiew, wo er zu diesem Zeitpunkt als Chef des Generalstabs fungierte. Neben seiner Kritik an Ludendorffs mangelndem politischen Geschick wirft dieses Dokument ebenfalls Licht auf die Tatsache, dass Groener als hochrangiges Mitglied des Militärs sich durchaus über die Fehlentscheidungen der militärischen und politischen Führung des Kaiserreichs, welche die unnötig in die Länge gezogene Kriegführung verursacht hatten, bewusst war. Als Erich Ludendorff zwei Wochen später am 26. Oktober 1918 als Erster Generalquartiermeister entlassen wurde, übernahm Groener bei Kriegsende dessen Rolle als faktischer Befehlshaber der OHL.

Wilhelm Groener über Erich Ludendorff (12. Oktober 1918)

  • Wilhelm Groener

Quelle

Kiev, 12. Oktober

Deine Anschauungen teile ich vollkommen; insbesondere glaube auch ich, daß der glänzende Sieg, den uns das Schicksal im August 1914 vorgetäuscht hatte, nicht zu unserem Heile ausgeschlagen wäre. Daß der Krieg mehr als vier Jahre dauerte und nun so enden wird, daß er einer Niederlage nahe kommt, das aber mußte nicht sein, das haben wir uns selbst, unserer Torheit und Selbstüberhebung zuzuschreiben. Seit Jahr und Tag war meine große Sorge, daß Ludendorff den Bogen unserer Kraft überspannen würde, wie es nun auch geschehen ist. Ludendorff, den ich als Soldat hochschätze, hat leider nie Verständnis für psychologische Wirkungen und infolge dessen ebensowenig für Politik gehabt. Er glaubte befehlen zu können, wo dies nicht möglich war, und hat leider in seiner Umgebung viel junge unreife Köpfe (und auch ältere) gehabt, die nicht günstig wirkten, die ihn hetzten, sogenannte Energie zu zeigen, wo es nötig war, in Ruhe und mit Vorbedacht zu wägen. Sie wollten sich durch dies scharfe Markiren von Energie natürlich auch in seiner Gunst erhalten, was ihnen leicht gelang, da Ludendorff kein großer Menschenkenner ist und leicht hereinfällt, wenn ihm die Dinge mit lauten, energisch klingenden Phrasen vorgetragen werden. — Der alte Hindenburg, der von den Eigenschaften, die Ludendorff fehlten, etliche besaß, insbesondere eine olympische Ruhe, hätte Ludendorff wohl ergänzen können, wenn nicht dieser die weitaus stärkere Persönlichkeit gewesen wäre. So waren, trotzdem nach Außen die Ehe Hindenburg–Ludendorff eine glänzende zu sein schien, doch die Einschläge Hindenburg‘s zu schwach, die Ludendorff‘s zu stark gewesen, um einen wahren Feldherrn zu bilden. Jeder für sich war nicht Feldherr, zur vollkommenen Verbindung eines Feldherrn fehlte die richtige Mischung — leider und tausendmal leider. Einsichtige und Eingeweihte waren deshalb seit langem in schwerer Sorge. — Den einzigen Feldherrn und Staatsmann, den Deutschland seit Bismarck hatte, hat das Schicksal nicht an die Spitze des deutschen Heeres gebracht; der alte Schlieffen nahm das Geheimnis des Mannes von Sedan, das Geheimnis des Sieges mit ins Grab. — Im Alten’schen Lexikon (steht oben im großen Bücherschrank im äußeren Fach) ist ein famoser Artikel über den „Feldherrn“, verfaßt vom alten Schlieffen. Es interessirt Dich sicher, ihn zu lesen. []

Quelle: Wilhelm Groener, Brief an seine Frau, Bundesarchiv, N 46/32, Nr. 89: Bl. 222–222; abgedruckt in Wilhelm Groener, Von Brest-Litovsk zur Deutschen Novemberrevolution, Aus den Tagebüchern, Briefen und Aufzeichnungen von Alfons Paquet, Wilhelm Groener und Albert Hopman, März bis November 1918, herausgegeben von Winifried Baumgart. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,1971, S. 443–44.