Kurzbeschreibung
Diese Karte wurde vom Österreichisch-Deutschen Volksbund gedruckt und
verlegt, der sich nach dem Ersten Weltkrieg für die Vereinigung
Deutschlands und Österreichs, den sogenannten Anschluss, einsetzte. Ihr
Titel „Das ganze Deutschland soll es sein!“ bezieht sich auf Ernst
Moritz Arndts Gedicht „Des Deutschen Vaterland“ aus dem Jahr 1813, das
im 19. Jahrhundert von der nationalen Bewegung zur Hymne erhoben wurde.
Der Volksbund entstand aus den frühen Aufrufen einiger in Berlin
lebender Österreicher im Jahr 1918, die eine Vereinigung Deutschlands
und Österreichs als Ausdruck nationaler Selbstbestimmung und damit ganz
im Sinne der Vision von US-Präsident Woodrow Wilson für die
Nachkriegsordnung sahen. Obwohl der Bund in seiner Blütezeit nur etwa
20.000 Mitglieder zählte, zog er prominente deutsche Politiker und
führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in seine Reihen und
eröffnete Zweigstellen in ganz Deutschland und ab 1925 auch in
Österreich.
Die Legende unten links auf der Karte verweist auf Artikel 2 der
Weimarer Verfassung, der die Rechtsgrundlage für den Zusammenschluss
Deutschlands mit Österreich bildete. Dort heißt es: „Das Reichsgebiet
besteht aus den Gebieten der deutschen Länder. Andere Gebiete können
durch Reichsgesetz in das Reich aufgenommen werden, wenn es ihre
Bevölkerung kraft des Selbstbestimmungsrechts begehrt.“ Trotz dieser
Behauptung wusste der Volksbund sehr wohl, dass sowohl der Versailler
Vertrag (zwischen Deutschland und den Siegermächten) als auch der
Vertrag von Saint-Germain (zwischen Österreich und den Siegermächten)
eine politische Union der beiden Länder ausdrücklich untersagten. Der
Volksbund versuchte daher, sowohl die internationale Meinung über einen
Anschluss zu ändern als auch die öffentliche Meinung in Deutschland für
einen Anschluss zu gewinnen, wobei letzteres das klare Ziel dieser Karte
war.
Die Karte wurde erstmals 1925 veröffentlicht, ein besonders aktives
Jahr für den Volksbund, da er in jenem Sommer ihre ersten Sektionen in
Österreich eröffnete und in diesem Jahr auch die ersten finanziellen
Mittel vom deutschen Innen- und Außenministerium erhielt. Der Autor der
Karte, der 1885 geborene Friedrich Lange, war Bibliothekar und
Kartograph und hatte ein besonderes Interesse daran, die Verteilung der
deutschsprachigen Bevölkerung in Europa zu kartieren und die
Aufmerksamkeit auf Gebiete zu lenken, die Deutschland nach dem Ersten
Weltkrieg verloren hatte und die angeblich wieder zur deutschen Nation
gehörten. Im selben Jahr, in dem diese Karte erschien, veröffentlichte
Lange auch das Buch Deutschlands gerechte Grenzen. Mit 14 Zeichnungen
und 1 Landkarte unter dem Pseudonym „Adriaticus“. Da sich seine
Interessen weitgehend mit denen des NS-Regimes deckten, produzierte
Lange während der NS-Diktatur noch weitaus mehr Karten und Bücher als in
der Weimarer Republik.