Kurzbeschreibung
Karten, welche die Verteilung deutschsprachiger Völker in Europa
darstellten, waren bereits seit dem 19. Jahrhundert im Umlauf, doch die
Fortschritte in der Drucktechnik in den 1920er Jahren ermöglichten eine
noch größere Verbreitung. Nach dem Ersten Weltkrieg nahmen diese Karten
als Reaktion auf Deutschlands territoriale Verluste und als Ausdruck des
wachsenden Einflusses von Geographen, die sich mit der Volks- und
Kulturbodenforschung beschäftigten, explizit revisionistische
geopolitische Züge an. Institutionen wie die 1925 gegründete Deutsche
Akademie und die 1926 gegründete Stiftung für deutsche Volks- und
Kulturbodenforschung propagierten die Vorstellung, dass Mitteleuropa ein
inhärent deutscher Raum sei. Karten wie diese propagierten die
Vorstellung, dass die „natürlichen Grenzen“ Deutschlands über die
politischen, im Versailler Vertrag gezogenen Grenzen hinausgingen und
schürten die Sehnsucht nach territorialer Neuordnung und „Lebensraum“,
die sich die NSDAP bald zunutze machen würde.
Der Autor dieser Karte, der Geograph Albrecht Penck, hatte sich vor
dem Ersten Weltkrieg einen Ruf als einer der weltweit führenden Forscher
auf dem Gebiet der Klimatologie, der Vergletscherung und der allgemeinen
Untersuchung der Frage erworben, wie physische Merkmale die zugrunde
liegenden geologischen Bedingungen widerspiegeln. Während und nach dem
Krieg interessierte sich Penck jedoch zunehmend für die Erforschung der
ethnischen und kulturellen Präsenz Deutschlands in Mitteleuropa. Seine
Ideen zogen konservative Nationalisten und später auch
Nationalsozialisten an, die sich auf Pencks Schriften stützten, um ihre
eigenen Forderungen nach einer territorialen Ausdehnung Deutschlands in
Mitteleuropa zu rechtfertigen.
Das Buch von 1925, in dem Pencks Karte und der dazugehörige Artikel
erschienen, wurde von dem Ethnologen Karl Christian von Loesch
herausgegeben, der 1922 Gründungsmitglied des Deutschen Schutzbundes für
das Grenz- und Auslandsdeutschtum war. Der Bund sorgte dafür, dass die
Wahrung der Rechte und der Lebensgrundlagen der Deutschen in ganz
Mittel- und Osteuropa für die deutsche Regierung eine Priorität blieb.
Längerfristig nährte er den Wunsch der Öffentlichkeit, die Länder, in
denen diese Deutschen lebten, zu annektieren, und diese Karte diente
eindeutig dieser Funktion. Loeschs eigener Artikel in diesem Buch von
1925 warb für sein Konzept der „Umvolkung“, das sowohl die Befürchtung
zum Ausdruck brachte, dass deutsche Gemeinschaften im Ausland durch ihre
jeweiligen Nachkriegsstaaten – wie etwa Polen oder die Tschechoslowakei
– entgermanisiert würden, als auch das Potenzial für Programme und
politische Maßnahmen zur Aufrechterhaltung und sogar zur
Wiedergermanisierung eben dieser Gemeinschaften. In der Weimarer
Republik erfolgte die Aufrechterhaltung in Form von diplomatischen
Verhandlungen und finanziellen Zuschüssen, doch unter dem
Nationalsozialismus sollte das Konzept der „Umvolkung“ die Agenda des
NS-Regimes für militärische Eroberungen und Zwangsumsiedlungen im
gesamten Osten bestimmen.